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27. März 2017

Die Hölle sind die anderen

Licht auf Orte, die sonst im Schatten liegen
Manchmal fällt etwas Licht auf Orte, die sonst völlig im Schatten liegen. (Bild: Pixabay.com)

In meinem Quartier gibt es eine Drogenabgabestelle. Wenn ich aufs Tram warte, habe ich zuweilen Gesellschaft von konsumierenden Menschen. Sie verhalten sich meist anständig, manchmal etwas übermütig. In den meisten Fällen ignorieren sie die anderen. Kurz: Sie verhalten sich wie alle anderen Menschen auch.

Meistens. Es gibt auch Tage, an denen die Sucht die Kontrolle über diese Menschen übernimmt. An denen sie das, was ihnen einen einigermassen erträglichen Zustand ermöglicht, auf der Sitzbank der Tramhaltestelle konsumieren. Das passiert selten. Doch in den Furchen des Holzes sind weisse Spuren sichtbar.

Dass das einigen Anwohnerinnen und Anwohnern irgendwann zu bunt geworden ist, kann ich verstehen. Was, wenn ein Kind das sieht? Was, wenn etwas liegen bleibt? Was, wenn den Konsumierenden etwas passiert?
Jedenfalls hat man die die Polizei verständigt, und es gab eine Schlagzeile in einem Gratisblatt.

Sucht hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen? Schön und gut. Aber was ist mit all den betrunkenen Menschen, die jedes Wochenende die S-Bahnen und Trottoirs unsicher machen? Was ist mit den leichtsinnig hingeworfenen Zigaretten-stummeln, die eine Gefahr für die Umwelt darstellen? Warum werden diese Menschen nicht auch angeprangert und aus der Öffentlichkeit verdrängt?

Süchte sind vielseitig. Die Menschen, die unter ihnen leiden, verdienen unser Mitgefühl und ein System, das sie mitträgt. Keine verurteilenden Blicke. 

Autor: Anne-Sophie Keller