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10. Oktober 2011

Die hilfreiche Emmylou

Vermutlich hat die Natur es so eingerichtet: dass man die eigenen Kinder die süssesten findet. Wenn Freunde und Verwandte beim Anblick eines Neugeborenen «Nein aber auch, ist das ein herziges! » ausrufen, ist dies möglicherweise geheuchelt. Selber findet man seine Kinder aber echt herzig. Was besonders zu Beginn oft eine hormonell bedingte Täuschung ist. Jahre später, in einem nüchternen Moment, wird man beim Durchblättern des ersten Fotoalbums vielleicht feststellen, dass das aufgedunsene, haarlose, rothäutige kleine Bündel Mensch nicht wirklich ansehnlich war, wird in Gedanken freilich gleich nachschieben: Aber jetzt, jetzt ist unser Kind das herzigste der Welt!

Es ekelt einen ja nicht mal, den Kleinen die Windeln zu wechseln und ihnen das Fudi zu putzen — den eigenen. Die riechen so fein! Nachbarskinder nicht, fremde schon gar nicht. Deshalb ergeht hier mein dringlicher Appell an alle Eltern, volle Windeln bitte in der Eisenbahn — gerade jetzt, zur Ferienzeit — nicht in den Kehrichtbehälter im Zugabteil zu stopfen. Denn danach stinkt der ganze Waggon mörderisch.

Im Zugabteil
«Keine Windeln im Zugabteil entsorgen, bitte!»

Unlängst freuten wir uns, als wir in Bern einstiegen, über ein leeres Viererabteil im ansonsten vollen Intercity. Kaum hatten wir uns hingesetzt, wurde indes klar, weshalb hier niemand sitzen mochte. Irgendwann im Verlauf des Tages musste in diesem Abteil jemand die verkackte Windel seines ach so herzigen Bébés entsorgt haben. Kaum auszuhalten. Kam noch hinzu, dass zwei Abteile weiter vorn ein Kleinkind schrie. Und schrie. Und schrie. Laut und anhaltend. Sie wissen schon, dieses Babyschreien, bei dem man denkt: Wie kann ein so kleines Menschlein einen solchen Lärm machen? Und müsste ihm nicht langsam die Luft ausgehen? Nichts da. Das Kind schrie weiter, und das fahrige, zunehmend verzweifelte Wiegen der Mutter machte das Kleine nur zappeliger. Sie nervten, alle beide, Mutter und Kind. Kurz nach Olten fragte Anna Luna, in ihrer «Bravo»- Lektüre gestört, empört: «Mann, kann man das nicht endlich abstellen? Da muss man doch etwas machen können!»

Keine Windeln im Zugabteil entsorgen, bitte!

«Kann man nicht», versuchte ich ihr zu erklären. Und erzählte von dem Baby, das, offenbar von Koliken geplagt, einst halbe Nächte lang durchschrie. Keine 13 Jahre ists her, das Baby hiess Anna Luna. Sie will es kaum glauben. «Ich hab so geschrien? So fürchterlich wie dieses Dings dort drüben?» – «Mindestens so wie dieses ‹Dings›. Nur, dass du natürlich viiiel herziger warst!» Und ob allem Erzählen wird mir bewusst, wie rasch man vergisst. Als unsere Kinder noch schrien, fand ich stets, die Umgebung habe dies zu tolerieren. Schliesslich schrie hier das süsseste Bébélein der Welt! Und es konnte nichts dafür! Und habe ich damals nicht gar die eine oder andere von Hans’ vollen Windeln in einen Kehrichtbehälter im Zug gesteckt? Weil ich nämlich fand, sie rieche wunderbar …

«Konnte man bei mir denn gar nichts machen, wenn ich schrie, statt einzuschlafen?», will Anna Luna nun Höhe Spreitenbach wissen. Doch. Ein Wundermittel gabs: Mitten in der Nacht, wenn ich selber vor Müdigkeit fast umkippte, konnte ich sie manchmal mit Countrymusik von Emmylou Harris beruhigen. Die findet meine Frau übrigens auch zum Einschlafen.

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli