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17. Oktober 2016

Die Helden der Kinder

Zur Frankfurter Buchmesse erscheinen wieder zahlreiche Kinder- und Jugendbücher. Sie werden es schwer haben gegen die alten Helden, die den Kindern seit Jahrzehnten von den Eltern vermittelt wurden. Doch die Kleinen entdecken auch ihre eigenen Bücher – und sie lesen richtig viel.

Kinderbuch-Helden gestern und heute: Globi, Yakari und der Drache Kokosnuss.
Kinderbuch-Helden gestern und heute: Globi, Yakari und der Drache Kokosnuss.

Schweizer Kinder sind Bücherwürmer. Rund 70 Prozent der 6- bis 13-Jährigen lesen mindestens einmal pro Woche in ihrer Freizeit in einem Buch. 37 Prozent greifen jeden oder fast jeden Tag zu Büchern. Die MIKE-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Medien, Interaktion, Kinder und Eltern), die 2015 publiziert wurde, hat erstmals die Medien­nutzung der 6- bis 13-Jährigen in der Schweiz untersucht. Zum Erstaunen der Experten belegt die Studie, dass das Buch die Gamekonsole und das Handy in der Beliebtheitsskala schlägt. Lesen liegt an dritter Stelle hinter Musik hören und fernsehen.

In dieser Lesefutterphase schätzen viele Mädchen und Buben Bücher, die als Serie angelegt sind, wie Maria Riss (62) vom Zentrum Lesen an der Pädagogischen Hochschule FHNW sagt. In dieser Zeit legen sich die Kinder eine Leseroutine zu, die literarische Qualität der Bücher ist zweitrangig. Am Ende der Primarschulzeit lesen Jugendliche weniger. «Dann wird das Leben oft spannender als das Lesen», sagt Riss.

Jährlich erscheinen im deutschsprachigen Raum 9000 neue Kinder- und Jugendbücher – viele davon werden an der Frankfurter Buchmesse lanciert, die diese Woche startet. Sie werden es gegen die alten Klassiker nicht einfach haben: «Pippi Langstrumpf», «Schellen-Ursli» oder «Globi» halten sich so gut, weil Erwachsene aus Sentimentalitätsgründen gern etwas aus ihrer Kindheit weitergeben, sagt Elisabeth Eggenberger (29) vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien. Damit Lieblingsbücher von Generation zu Generation weitergereicht werden, müssten die Texte und Bilder zeitlos sein und Kinder noch heute abholen.

Entsprangen Kinderhelden früher fast ausschliesslich Büchern, werden heute auch Figuren erfunden, die zeitgleich auf Etuis, Bällen und Tellern ­erscheinen. Prinzessin Lillifee oder Käpt’n Sharky sind solche Helden, die als sogenannte Medienverbundartikel lanciert worden sind. Harry Potter ist einer der neueren Charaktere, die dank Verfilmungen populär bleiben werden. Auch die folgenden zehn Helden haben den Sprung aus dem Buch auf Leinwand und Bühne geschafft und sind kaum mehr aus den Kinderzimmern wegzudenken.

Pippi Langstrumpf – die lustige Widerspenstige

Selbstbewusst, frech und immer gut drauf: So wie Pippi Langstrumpf wollen Kinder sein
Selbstbewusst, frech und immer gut drauf: So wie Pippi Langstrumpf wollen Kinder sein. Und Erwachsene wohl auch.

Sie wohnt allein, geht nicht zur Schule und widersetzt sich jeglichen Anordnungen der Erwachsenen. Die Mutter ist tot, der Vater lebt auf einer fernen Insel. Im echten Leben wäre Pippi Langstrumpf ein klarer Fall für die Kesb. In der Literatur ist die unerschrockene Neunjährige alles das, was Mädchen heimlich gern wären und was Eltern Albträume beschert. 1944 schrieb die schwedische Autorin Astrid Lindgren das erste von drei Pippi-Büchern.
Über die Jahrzehnte hinweg bekamen sie die Etiketts «Schädliche Wirkung», «Plädoyer für antiautoritäre Erziehung» und «Rassismus» (aufgrund des Worts «Negerkönig»). Pippis Beliebtheit tat das keinen Abbruch: Die Bücher wurden in über 70 Sprachen übersetzt, 66 Millionen Mal verkauft und in Verfilmungen, Bilderbüchern, Theaterstücken, Musicals und Hörspielen für die heutige Generation von widerspenstigen Mädchen und Jungen bewahrt.

Schellen-Ursli – der Loser, der sich selber zu helfen weiss

«Schellen-Ursli» mutiert vom verspotteten Verlierer zum Abräumer
«Schellen-Ursli» mutiert vom verspotteten Verlierer zum Abräumer. Ein Plot, der immer gefällt.

Für den Brauch Chalandamarz hat Ursli aus Guarda im Unterengadin nur ein mickriges Glöckchen bekommen, mit dem er helfen soll, den Winter zu vertreiben, und zwar als Schlusslicht des Umzugs. Von den anderen Buben ausgelacht, macht sich Ursli auf, um mit vollem Körpereinsatz eine prächtige Kuhglocke vom Maiensäss zu holen, derweil sich die Eltern im Tal um ihn Sorgen machen. Am Ende erntet Ursli rundum Respekt, für die grösste aller Glocken sowie für seine mutige Aktion.
Die Geschichte, 1945 von Selina Chönz geschrieben und von Alois Carigiet illustriert, hat ihre Strahlkraft bis heute bewahrt und kam letztes Jahr als wunderbare Verfilmung von Xavier Koller ins Kino.

Lars: kleiner Eisbär mit grosser Sozialkompetenz

Klein, aber oho: Lars
Klein, aber oho: Lars kommt immer ab vom Weg, findet neue Freunde und das Glück.

Am eisigkalten Nordpol lebt der warmherzige Eisbärbub, der seinen kleinen Lesern zeigt, wie man Freundschaften knüpft und pflegt, wie toll es sich anfühlt, ein Abenteuer bestanden zu haben, und warum man den Erwachsenen vertrauen darf. Die Geschichten sind schlicht, die Zeichnungen des holländischen Illustrators Hans de Beer liebevoll.
Auf der Suche nach einem Verlag traf de Beer 1987 die Schweizerin Brigitte Sidjanski, die die Geschichten im familieneigenen Nord-Süd-Verlag aus Mönchaltorf ZH herausgab. So kommt es, dass der kleine Eisbär zuerst Deutsch sprach, bevor er in 29 Sprachen übersetzt wurde und sogar Schweizerdeutsch lernte.

Globi: Vom Schlingel zum Erziehungshelfer

In 80 Jahren ist Globi vernünftiger geworden.
In 80 Jahren ist Globi vernünftiger geworden. Früher hatte er es faustdick hinter den Ohren.

Globi hat seine Baskenmütze und die karierte Hose 80 Jahre anbehalten, viele seiner ursprünglichen Eigenschaften hat er über die Jahre abgestreift. Erst war er der kleine, freche Schlingel, der das tat, wovon autoritär erzogene Kinder nur träumten: Er spielte dem Lehrer Streiche, rauchte und prügelte sich. Später reiste er zu den Indianern, nach Paris, ins Schlaraffenland oder in den Urwald. Er war der Freund der Tiere und ein gewiefter Erfinder.
Heute ist er ein erwachsener Kinderfreund, der auch Vorbild ist: So erzieht er als Aufseher im Nationalpark die Besucher oder zeigt als Hilfspolizist den Kindern, wie sie sich sicher im Verkehr bewegen. Auch wenn er für viele gar brav geworden ist, bringt Globi die Kinder noch immer zum Staunen und Lachen. Erfunden wurde er als Werbeträger für das Warenhaus Globus. 86 Bände sind bis heute erschienen, über 9 Millionen Globi-Bücher wurden verkauft.

Yakari, der tierliebende Sioux-Bub

Menschenfreund, Naturschützer und Kinderheld in einem: Indianerjunge Yakari
Menschenfreund, Naturschützer und Kinderheld in einem: Indianerjunge Yakari.

Der kleine Indianerjunge Yakari kann mit Tieren sprechen. Dank dieser Gabe gelingt es ihm auch, den Wildfang Kleiner Donner zu zähmen. Wobei zähmen es nicht ganz trifft. Yakari und das weiss-schwarz gefleckte Pony werden dicke Freunde. Sie helfen Tieren und Stammesangehörigen in Not und erleben gemeinsam Abenteuer um Abenteuer. Yakari ist mutig, liebt alle Wesen, achtet die Natur und die Stammesältesten. Dabei bleibt er ein staunender Sioux-Junge, der die Welt erkundet und die kleinen Leser auf seinem Pony durch die Prärie mitgaloppieren lässt.
Geschaffen hat der Westschweizer Comiczeichner Derib den Indianerjungen vor gut 50 Jahren. In französischer Originalsprache gibt es 38 Yakari-Bände, sie wurden in 17 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.

Kokosnuss, der Drachenjunge, der nicht fliegen kann

Ein Drache, der nicht fliegen kann? Der kleine Drache Kokosnuss.
Ein Drache, der nicht fliegen kann? Der kleine Drache Kokosnuss hat ganz andere Qualitäten.

Der kleine Drache Kokosnuss und seine Freunde Matilda und Oskar eben auf der Dracheninsel. Alle drei sind anders als die anderen Inselbewohner: Kokosnuss kann nicht fliegen. Oskar ist ein Fressdrache mit einer Fleischallergie, der erst noch zur Schule geht. Und Matilda ist das einzige Stachelschwein auf der Dracheninsel. Die anderen Inselbewohner trauen ihnen nicht sonderlich viel zu, dabei sind sie zu dritt fast schon unschlagbar.
Das Trio ist nicht nur äusserst sympathisch, sondern schafft es auch immer wieder, an Orte zu gelangen, von denen wir nur träumen können: Die Welt der Dinosaurier, das versunkene Atlantis, der Weltraum. Seine Abenteuer kommen an: Sie wurden in 23 Sprachen übersetzt, 7,5 Millionen Bücher vom kleinen Drachen wurden verkauft.

Heidi, die heimliche Nationalheldin der Schweiz

Von den Bündner Bergen aus hat Heidi die Welt erobert
Von den Bündner Bergen aus hat Heidi die Welt erobert. Ihre Geschichte ist berühmter als die von Wilhelm Tell.

Ein Waisenkind, eine idyllische Alp, eine böse Frau und jede Menge gutherziger Menschen: Das sind die Zutaten des wohl berühmtesten Schweizer Exportprodukts – Heidi. In das ­rotwangige Mädchen kann jeder ­hineinprojizieren, was ihm gefällt: Naturverbundenheit, Nächstenliebe, Tapferkeit.
1880 schrieb die Zürcher Autorin Johanna Spyri das erste von drei Heidi-Büchern. Sie wurden in 50 Sprachen übersetzt. 2015 wurde Heidi einmal mehr fürs Kino verfilmt. Regie führte der Schweizer Alain Gsponer. Hingegen ist die urschweizerisch anmutende Trickfilmserie der 1970er-Jahre in Wahrheit ein japanisches Anime, an dem unter anderem die Oscar-gekrönte Animationsfilmlegende Hayao Miyazaki mitarbeitete.

Greg – herrlich schnoddrig und wunderbar unkorrekt

Gregs Tagebücher bestehen aus Comics und Texten
Gregs Tagebücher bestehen aus Comics und Texten. Das kommt besonders bei den Jungen gut an.

«Dieses Buch schickt der Himmel. Mein Sohn LIEST!» Stellvertretend für zahllose Eltern schrieb eine Mutter diesen Seufzer der Erleichterung im April 2008 in ein Internetforum. Ihr Sohn hatte gerade «Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt!» entdeckt, eine Geschichte, die viele Büchermuffel wieder zum Lesen brachte. Es folgten weitere zehn Bände mit Comics und Texten.
Greg ist der sympathische Antiheld: bequem, egoistisch und weitgehend erfolglos in der Schule wie bei Mädchen – die ideale Identifikationsfigur für halbstarke Leser. Die Geschichten über Mobbing, schüchterne Schülerliebe und peinliche Eltern entstammen dem echten Leben des Autors Jeff Kinney. Sprachlich bewegen sich die Bücher oft an der Grenze des politisch Korrekten, aber sie sind herrlich unterhaltsam. Inzwischen freuen sich auch Mädchen und Eltern auf den elften Band, der im November erscheinen soll.

Conni – das fleischgewordene Standardkind

Neugierig und nervös: Conni macht ganz vieles zum ersten Mal – und alles klappt prima
Neugierig und nervös: Conni macht ganz vieles zum ersten Mal – und alles klappt prima.

In Frankreich heisst sie Lola, in Spanien Berta, in Polen Zuzia, in der Türkei Elif: Millionen Kinder wachsen mit der Kinderbuchfigur Conni auf. Sie fiebern mit dem blonden Mädchen mit der roten Schleife im Haar ihrem ersten Flug entgegen, lernen mit ihr schwimmen oder Pizza backen. Die Geschichten sind so alltäglich und spannungsfrei, dass Erwachsene die Faszination mit Conni nicht zwingend teilen. Doch Conni begleitet die Kinder bei all ihren ersten Schritten und funktioniert so als Identifikationsfigur.
Erfunden hat sie eine deutsche Lehrerin für ihre Tochter Cornelia. Als diese Kindergärtnerin wurde, schickte die Mutter das Manuskript von «Conni kommt in den Kindergarten» an den Carlsen-Verlag. Mittlerweile sind die Conni-Geschichten in 30 Ländern erschienen, und die Autorin hat ihren Job als Lehrerin aufgegeben.

Die kleine Hexe zaubert sich die Welt, wie es ihr gefällt

Das könnten wir alle auch gern: böse Buben vom Schneemann k.o. boxen lassen ...
Das könnten wir alle auch gern: böse Buben vom Schneemann k.o. boxen lassen, fürs arme Pilzfraueli im Wald feine Pilze spriessen lassen, es der fiesen Hexe Rumpumel zeigen …

Mit ihren 127 Jahren ist die kleine Hexe viel zu jung, um mit den gestandenen Hexen in der Walpurgisnacht zu tanzen. Sie tut es trotzdem heimlich, wird entdeckt – und ­bestraft. Die Oberhexe gibt ihr aber eine Chance: Schafft sie es, bis zum nächsten Jahr eine gute Hexe zu werden, darf sie mittanzen. Sie büffelt, übt Zaubersprüche, bis sie sitzen, und hext die Welt zu einer besseren zusammen mit ihrem Freund, dem klugen Raben Abraxas. Dass eine Hexe sich als Superheldin gibt, passt den bösen alten Hexen ganz und gar nicht.
Die Leserinnen und Leser aber lieben es, wie sich die kleine Hexe für die Schwächeren einsetzt und sich gegen die bösen alten Hexen wehrt. Zum Glück hat die kleine Hexe das grosse Hexenbuch so genau studiert. Hätten wir bloss auch ihren Zauberstab! Das Kinderbuch von Otfried Preussler erschien 1957 und wurde inzwischen in 47 Sprachen übersetzt. 

Illustrationen: Rolf Rettich, Hans de Beer (NordSüd Verlag AG, Zürich / Schweiz), Schellen-Ursli von Alois Carigiet/Selina Chönz (© 1971 Orell Füssli Verlag), LE LOMBARD by Derib + Job, ©Globi Verlag, Random House/Ingo Siegner, Maja Dusíková ©2016 NordSüd Verlag AG, Zürich / Schweiz, © DIARY OF A WIMPY KID®, WIMPY KID™, and the Greg Heffley design™ are trademarks of Wimpy Kid, Inc. All rights, Carlsen Verlag Illustration Eva Wenzel-Bürger, Thienemann Verlag Illustration FJ Tripp und M Weber

Autor: Yvette Hettinger, Monica Müller