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12. Dezember 2011

Die Hausfrau der Nation

Zwei Jahre lang lag das Buch ungelesen herum. Nun hatte ich danach gegriffen, entschossen, mich darüber zu empören … Und musste — Sakrament! — ein ums andere Mal nicken. Dass wir Eltern die Erziehung zunehmend an Beraterinnen und Psychologen delegieren, statt den Menschenverstand walten zu lassen, las ich, dass das Begleiten heranwachsender Kinder der wertvollste Beitrag ist, den wir gesellschaftlich leisten können. Ich las und nickte Beifall, als die Autorin bekannte, dass es ihr in einer Bauernstube bei Brot und Käse hundertmal wohler sei als zu Besuch in einem Schickimickiappartment am Zürichberg. Ich war mit ihr einer Meinung, dass es sich lohne, den Kindern in den kurzen Jahren, da sie einen voll brauchen, Priorität einzuräumen: «Irgendwann habe ich dann auch wieder Zeit für meine eigenen Unternehmungen. Alles hat seine Zeit.» Tammi, die Sätze könnten von mir sein.

Sind sie aber nicht. Jetzt hau ich die Autorin in die Pfanne, hatte ich mir gedacht, und das Timing ist perfekt, Heimatland! Doch dann lese ich, Frauen und Männer, die sich vorübergehend ganz der Familie widmeten, müssten sich in Kursen à jour halten können, damit ihnen später der berufliche Wiedereinstieg gelinge. Und auf Seite 35 steht: «Passiert es Ihnen auch ab und zu, dass Sie in den Keller gehen, um etwas zu holen, und dort angekommen, wissen Sie nicht mehr, was Sie wollten?» Ich glaubs nicht!! Wie schrieb ich hier vor zwei Wochen? «Wir Hausfrauen ertappen uns öfters dabei, im Keller zu stehen und uns zu fragen: Was wollte ich nur schon im Keller?»

Die Sätze könnten von mir sein.

Und, ich schwörs, ich schrieb es nicht ab. Denn da hatte ich besagtes Buch ja noch nicht gelesen: «Nestwärme für Kinder, Blutwurst für Herrn Bundesrat» von Rösli Zuppiger, geborene Stocker. Derjenigen Frau Zuppiger, richtig, deren Mann gut im Rennen als Bundesrat war, ehe eine angebliche Erbschaftsmauschelei publik wurde. Abgesehen davon, dass es mich befremdet, wenn sich eine in ihrem Alter noch Rösli nennt (weil es ja dann «das Rösli» heisst, was ich reichlich unfraulich finde), und abgesehen vom etwas gar geblümten Stil stimme ich ihr in vielem zu.

Und dann schreibt sie im Nachwort noch, das Wichtigste im Leben sei, über sich selbst lachen zu können! Ich befürchte, wir würden uns gut verstehen, das Rösli und ich, so von Frau zu Frau.

Bänz Friedli las und staunte.
Bänz Friedli las und staunte.

Aber dann, auf Seite 40, kommts: «Mein Mann geht meistens morgens um halb sechs aus dem Haus und kommt meist erst nach 21 Uhr nach Hause.» Nein! Mir will nicht in den Kopf, warum Kinderbetreuung ausschliesslich Frauensache sein soll, und die saloppe Begründung des zweiten bekannten Hinwiler SVPlers, Ueli Maurer, «Zum Kalb schaut ja auch die Kuh und nicht der Muni», genügt mir noch immer nicht. Mir missfällt, dass die Männer laut neuesten Zahlen im Haushalt noch weniger leisten als vor zehn Jahren und junge Frauen sich wieder mir nichts, dir nichts dem traditionellen Rollenbild fügen. Die Wirtschaftsmisere drängt die Frauen zurück an den Herd, wohingegen in neun von zehn Schweizer Familien der Mann Vollzeit arbeitet. Hausmänner sind noch immer Exoten, und blufft einer ein bisschen im «Migros-Magazin» rum, ist er gleich der «Hausmann der Nation».

Ihnen, liebe Frau Zuppiger, ist der Titel «Hausfrau der Nation» gewiss. Und sollte Ihr Gatte künftig mehr Zeit haben, als ihm lieb ist, daheim zu schauen: Kommen Sie doch mal auf einen Kafi!

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli