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12. September 2016

Die Hausaufgaben abschaffen?

Kinder werden bei den Hausaufgaben unterschiedlich unterstützt. Das sei ungerecht, kritisieren die Deutschschweizer Schulleiterinnen und Schulleiter. Deshalb möchten sie die klassischen «Ufzgi» gleich ganz abschaffen.

Kinder sind mit den Hausaufgaben überfordert
Nicht mehr zeitgemäss: Viele Kinder sind mit den Hausaufgaben überfordert – und die Eltern können nicht helfen. (Bild: Westend61/Keystone)

Schluss mit Hausaufgaben – das klingt eher nach ­einem Kinderwunsch als nach der Forderung eines Lehrerkollektivs. Und doch: Die Deutschschweizer Schulleiter ­haben sich gegen die «Ufzgi» ­ausgesprochen. Weil Kinder dabei ganz unterschiedlich unterstützt werden, sehen Letztere die Chancengleichheit gefährdet.

Auch Jürg Brühlmann (62) vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz ist überzeugt, dass die klassischen Hausaufgaben nicht mehr zeitgemäss sind (siehe folgendes Interview). Der Psychologe und Lerncoach Fabian Grolimund (37) gibt ihm recht: «Die Konflikte, die viele Familien teils täglich wegen der Hausaufgaben austragen, belasten die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und rauben vielen Schülerinnen und Schülern die Lernmotivation.»

Überforderte Kinder – und Eltern
Wie für viele Erwachsene sei es auch für Kinder schwierig, zu Hause zu arbeiten, wo die Ablenkung viel grösser ist. «Kinder, die überfordert sind, sind auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Die aber wissen oft nicht, wie sie helfen sollen. Unterforderte Kinder wiederum sehen den Sinn von Hausaufgaben nicht. Und jedem Kind individuell angepasste Aufgaben zu geben, überfordert die Lehrpersonen.»

Gabriela Heimgartner (50), Vorstandsmitglied von Elternbildung Schweiz, möchte die Hausaufgaben unbedingt beibehalten: «Die Kinder wiederholen und vertiefen, was sie in der Schule gelernt haben, und lernen, selbständig zu werden.»
Zudem würden die Hausaufgaben ­einen wichtigen Einblick in den Schulalltag geben. 

DAS EXPERTENINTERVIEW

Jürg Brühlmann ist Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz
Jürg Brühlmann (62) ist Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz.

«Viele Eltern zahlen Nachhilfestunden, weil sie nicht helfen können»

Jürg Brühlmann (62) ist Leiter
Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz.

Jürg Brühlmann, der Deutschschweizer Schulleiterverband möchte die Hausaufgaben abschaffen. Was halten Sie davon?

Das muss man tatsächlich diskutieren. Die Lebensumstände haben sich verändert. Es gibt mehr Eltern, die beide auswärts arbeiten, mehr Kinder, die allein zu Hause sind, und mehr Tagesschulen. Viele Eltern möchten abends lieber mit ihren Kindern reden oder spielen, statt Hausaufgaben zu machen. Und es gibt auch mehr fremdsprachige Eltern. Etwa ein Drittel der Eltern kann zu wenig gut Deutsch, um helfen zu können. ­Ein weiteres Drittel der Eltern ist mit dem Schulstoff zum Teil bereits ab der 3. und 4. Klasse und dann sicher in der Sekundarschule überfordert.

Nur ein Drittel versteht die «Ufzgi»?

Algebra überfordert die meisten, Englisch können wenige richtig gut, Französisch haben viele vergessen. Kinder müssen die Möglichkeit haben, ihre Hausaufgaben betreut zu machen. Sonst sind die Kinder benachteiligt, die zu Hause nicht unterstützt werden können oder keinen ruhigen Arbeitsplatz haben.

Alle Schulen müssten also Hausaufgabenhilfen bieten?

Viele Schulen machen das schon, andere sind gefordert. Hausaufgaben sollten eigentlich keine Unterstützung von einer Lehrperson erfordern. Aber viele Kinder brauchen jemanden, der sie anleitet, bei Fragen weiterhilft, sie motiviert. Diese Aufgabe kann eine Lehrperson, eine Schulassistenz oder auch ein Elternteil übernehmen.

Und wenn eine Gemeinde sich das nicht leisten will?

Das muss sie sich gut überlegen, denn dann benachteiligt sie die Kinder. Man weiss, dass sich Hausaufgabenbetreuung lohnt. Spart eine Gemeinde da, muss sie damit leben, dass ihre Schülerinnen und Schüler in Tests schlecht abschneiden. Und dass sie grosse Unterschiede produziert zwischen Kindern mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund.

Die klassischen Hausaufgaben sind also ein Auslaufmodell?

Es gibt sicher Eltern, die ihren Kindern gern über die Schultern schauen. Vor allem wenn die Mutter zu Hause ist und nicht arbeitet. Wir plädieren für ein Modell, das Eltern die Wahl lässt, ob ihre Kinder die Hausaufgaben an der Schule oder zu Hause lösen. Das wird allen gerecht.

Wir plädieren für ein Modell, das Eltern die Wahl lässt, ob ihre Kinder die Hausaufgaben an der Schule oder zu Hause lösen.

Ehrgeizige Eltern werden die aufgabenlose Zeit mit Vertiefungskursen füllen und so die Chancengleichheit untergraben.

Das passiert sowieso. Aber man muss bedenken, dass viele Eltern, die Nachhilfestunden zahlen, das tun, weil sie selbst nicht helfen können. Ich kenne Leute, die für 25 Franken pro Stunde Wohnungen putzen gehen, um ihren Kindern Nachhilfestunden für 90 Franken finanzieren zu können – aus dem schlechten ­Gewissen heraus, nicht zu Hause zu sein und den Stoff nicht zu verstehen.

Verschwinden die Hausaufgaben, geht auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Elternhaus und Schule verloren.

Eltern, die eine andere Sprache sprechen oder die Hausaufgaben nicht verstehen, verpassen das ohnehin. Den Kontakt zu den Eltern muss man nicht über die Hausaufgaben suchen, sondern über Anlässe an der Schule, wie Elternabende, Weiterbildungen für Eltern, Leseabende.

Wie lernen Schüler, selbständig zu arbeiten?

Eine Lehrperson kann die Selbständigkeit ihrer Schüler fördern, indem sie ihnen Tages-, Wochen- oder Monatsaufträge erteilt.

Sind Tagesschulen die Zukunft?

Ja. Je mehr Eltern arbeiten, desto mehr wird sich der Druck der Wirtschaft erhöhen. Alle grösseren Städte basteln am Modell Tagesschulen. 


Autor: Monica Müller