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09. Dezember 2013

Die Hafenfrau

Die 43-jährige Schweizerin Ursula Richenberger leitet das Hafenmuseum in Hamburg. Sie arbeitet in einem alten Lagerschuppen im Freihafen. Die Schweizer Berge und Schoggi liegen weit hinter ihr. Dennoch riecht es hier gelegentlich nach Kakao.

Chefin in einer 
rauen Männerwelt: 
Ursula Richenberger, Leiterin des 
Hafenmuseums.
Chefin in einer 
rauen Männerwelt: 
Ursula Richenberger, Leiterin des 
Hafenmuseums.

Wenn die Zürcherin Ursula Richenberger (43) morgens jeweils über die Hamburger Köhlbrandbrücke zur Arbeit fährt, ist sie jedes Mal von Neuem von der Aussicht auf den Freihafen fasziniert: Vor ihr liegt das grösste zusammenhängende Gewerbegebiet Deutschlands mitten im drittgrössten Hafen Europas.

Ein Labyrinth aus Kanälen, Schleusen, Häfen, Kais und Pontons breitet sich vor ihr aus. Darauf unzählige Kräne, Güterzüge, Hafenschlepper, Schuten, Frachtschiffe – eine Welt aus Stahl und Rost, mit kräftigen Kerlen in Blaumännern und Gummistiefeln. Es riecht jeden Tag anders: nach Meer, Dieselöl, Brackwasser, Pfeffer und Kakao. Und nach der weiten Welt.

«Hier wird mir vor Augen geführt, wie Wirtschaft funktioniert, das ist toll», sagt Richenberger, «die Komplexität der Logistik ist greifbar.» Sie staune immer wieder, dass es gelingt, 16 000 Container, die auf einem Frachtschiff transportiert werden, korrekt weiterzuverladen.

Das Hamburger Hafenmuseum.
Das Hamburger Hafenmuseum.

Mitten in diesem Freihafen liegt das Hafenmuseum Hamburg, dem Richenberger seit Februar 2012 als Leiterin vorsteht. In einem typisch roten Backsteinhaus befindet sich der «Schuppen 50A» mit seinem Schaudepot in einer alten Lagerhalle. Anschaulicher kann ein Museum wohl kaum funktionieren, denn dieses Haus zeigt nicht nur historische Exponate und Schiffe aus der Hamburger Hafenwelt, es hält mit seinen 150 ehrenamtlichen «Hafensenioren» darüber hinaus wertvolle Erinnerungen an vergangene Zeiten lebendig.

Diese Senioren haben lange Jahre die Arbeit im Hafen und auf den Schiffen verrichtet. Sie wissen Dinge und können Maschinen bedienen, von denen die modernen, jungen Hafenarbeiter meist keine Ahnung mehr haben. Voller Berufsstolz erklären sie den Museumsbesuchern ihre einstigen Tätigkeiten und die Geräte.

Wenn Schweizerdeutsch zur Fremdsprache wird

Nicht selbstverständlich, dass eine Frau dieser Männerwelt vorsteht. Und erst noch eine Schweizerin. Dabei hat Richenberger bereits etwas Mühe, noch ein urchiges Schweizerdeutsch zu sprechen, räumt sie in ihrem Büro ein. Die Tochter einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters hat nämlich nur bis zur vierten Klasse in Zürich gelebt. Denn nach dem frühen Tod ihres Vaters zog ihre Mutter mit ihren zwei Kindern zurück nach Deutschland. «Die Schweiz war mein Ein und Alles. Darum war ich zu Beginn entsetzt, dass man mich nach Deutschland ‹verschickt› hatte», erinnert sich die 43-Jährige.

Im Hafen duzt man sich, und Verträge werden per Handschlag besiegelt.

Ursula Richenberger hat im Norden längst Wurzeln geschlagen, obschon die Schweiz noch immer in ihrem Herzen sei. Als junge Erwachsene ging sie einst für ein Jahr zurück, jobbte im Hotel Tellsplatte in Sisikon UR. Danach hatte sie ihre Berufs- und Identitätsfindung erledigt: Richenberger zog erneut nach Deutschland, studierte in Lüneburg Kulturwissenschaft, absolvierte ein Praktikum im Altonaer Museum in Hamburg und lernte so den Museumsalltag kennen. 1999 wurde sie Geschäftsführerin des Vereins Freunde des Altonaer Museums, wo sie auch intensiv mit ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammenarbeitete.

Diese Erfahrung nützt ihr nun auch im Umgang mit den 150 ehrenamtlichen Hafensenioren, die sie nebst ihren neun festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führt. «Ich wurde hier sehr freundlich aufgenommen.» Es sei Usus im Hafen, dass man sich duze, der Umgangston sei rau, aber ein «guter Hafenton», betont sie. «Anfangs hatte ich noch Mühe, darauf zu vertrauen, dass eine Vereinbarung per Handschlag wirklich gilt», erzählt sie. Inzwischen weiss sie: Auf mündliche Vereinbarungen ist hier Verlass.

Auch kann sie auf die Selbständigkeit und Fachkompetenz ihrer Hafensenioren bauen: «Sie funktionieren in ihren Arbeitsgruppen ähnlich föderal wie die Schweizer Demokratie», sagt Richenberger. Was aber, wenn diese Senioren dereinst altershalber wegfallen?

Es gilt, eine Lösung zu finden, wie das Museum die historischen Geräte instand und die Erinnerungen lebendig halten kann. Wer weiss eines Tages noch, wie ein Dampfkessel betrieben wird oder wie ein Van-Carrier (Hubwagen für Container) funktioniert? Und wer hält etwa das Fachwissen eines Schuppenviez (Schuppenvorsteher) oder Tallymann (Kontrolleur für Gewicht und Menge angelieferter Ware) lebendig? Immerhin haben Studenten aus dem Restaurierungsseminar in Berlin mittels Videoaufnahmen von den Hafensenioren kürzlich erste Filmdokumente geschaffen, die das alte Hafenwissen für immer festhalten.

Ursula Richenberger wirkt energisch, freut sich, dass ihr Museum «sehr viel Potenzial» habe, und sagt, sie sehe mindestens eine Zehn-Jahres-Perspektive vor sich. Mit einer solchen Einstellung fährt man gerne zur Arbeit.

Autor: Gabriela Bonin

Fotograf: Sintje Hasheider