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20. März 2017

Die grossen Frauen

Sie sehen das Leben aus einer ganz eigenen Perspektive: Frauen, die mehr als 1,80 Meter messen. Fünf überdurchschnittlich grosse Amazonen über die Vor- und Nachteile ihres Andersseins – und wie es sich anfühlt, wenn der Körper früh hoch hinaus will.

Leonie Mathis
Leonie Mathis (1,84 m) hat zusammen mit ihrer Schwester einen Klub für grosse Frauen gegründet.

Wenn Leonie, Armanda, Fabricia, Isabelle und Andrea zusammen ­unterwegs sind, gibt es keinen Kopf, der sich nicht nach dem Fünfergespann umdreht – und nach oben schaut. Die fünf Frauen sind zwischen 180 und 190 Zentimeter gross. Somit bewegen sie sich eine ganze Kopflänge über dem landesweiten weiblichen Durchschnitt von 166 Zentimetern. Doch die Körpergrösse ist mehr als nur eine Zahl; sie beeinflusst Karriere, Partnersuche, Kindheit, Mode, Selbstbild, Gesundheit und nicht selten den ganz normalen Alltag.

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Auf den ersten Blick scheint ja alles viel einfacher: Grosse Menschen werden generell als dominanter, gesünder, belastbarer und intelligenter angesehen. Ergo verdienen sie im Schnitt auch mehr. Weiter gilt Grösse als Zeichen von Wohlstand.

Bei der Partnersuche ist die Sache dann schon nicht mehr so einfach: Während grössere Männer und Frauen als attraktiv gelten, ist es für grosse Frauen bedeutend schwieriger, einen passenden Partner zu finden. Noch immer gilt die Norm, dass der Mann die Frau überragen sollte. Grosse Frauen scheinen hier abschreckend.

Endlich auf gleicher Augenhöhe

Grösse ist ein Thema, das bewegt – und zusammenführt: Vor zwei Jahren trafen sich die Studentinnen Leonie Mathis (22) und Armanda Capaul (23) in einer Bar. «Wir hatten einen super Abend. Endlich konnten wir mal auf Augenhöhe feiern», erzählt Mathis. Sie entwickelte darauf die Idee für den One-Eighty-Up-Club und gründete ihn mit ihrer Schwester Jasmine. Das Beitrittskriterium für den Klub: eine Körpergrösse von mindestens 180 Zentimetern.

Im Klub dabei sind etwa Gärtnerinnen, Polizistinnen oder Sportlerinnen jeder Altersklasse. Mittlerweile versammeln sich die rund 50 Mitglieder regelmässig in Zürich und Luzern zum Tanzen, Reden, «Zusammen-gross-sein». Besonders beliebt waren jeweils die «Ü178»-Partys, ein Event mit Grössenlimite.

Armanda Capaul (1,83 m) thront nicht nur an Konzerten weit über dem Durchschnitt.

Ihre Grösse wird den Frauen täglich bewusst: «Es fängt am Morgen an, wenn ich die Duschbrause hochschrauben muss. Und sobald man rausgeht, wird man gemustert», berichtet Leonie Mathis. Armanda Capaul erzählt von den Vorteilen im Alltag: «An Konzerten hat man immer die beste Sicht. Allgemein kriegt man eher, was man will. Man hat ein überzeugenderes Auftreten. Wenn ich vor den Toren eines VIP-Clubs auf die Türsteher hinunterschauen kann, komme ich auch rein.» Im Club drin muss sie sich jedoch bücken – sonst versteht sie kein einziges Gespräch.

Wie ist die Luft da oben?

Andrea Schilter (20) ist der Neu­zu­gang des Klubs. Sie war mit 13 bereits 181 Zentimeter gross – und hatte die Mutter somit längst überholt. Als Kind wurde sie immer älter geschätzt; an der Traktorprüfung, die sie mit 14 absolvierte, hielt man sie für die Leiterin. «Mir wurde mehr Verantwortung übertragen, was nicht immer toll war. Und ich habe oft gehört, dass ich ­kindisch sei – ­obschon ich mich alters­gerecht verhalten habe. Mein Benehmen hat halt nicht zum Aussehen gepasst», erzählt sie.

Andrea Schilter
Andrea Schilter

Andrea Schilter (1,81 m) hat ihre Grösse bereits mit 13 erreicht – und wurde so früh für erwachsen gehalten.

Mittlerweile habe sie sich mit der Grösse angefreundet: «Ich freue mich, wenn ich Leuten Dinge von hohen Regalen holen kann.» Mit der Grösse komme auch eine klare Rollenverteilung: im Auto vorne sitzen, auf dem Gruppenbild hinten stehen, in der Schule die Leinwand des Beamers herunterziehen. Und natürlich die lahmen Sprüche: Wie ist die Luft da oben? Wie ist das Wetter? Spielst du Basketball?

Bei Fabricia da Silveira (20) kam der Wachstumsschub mit 16: «Es hörte nicht mehr auf, und plötzlich war ich die Grösste. Das war nicht einfach», erzählt die Serviceangestellte, die nebenbei als Model arbeitet. Einmal verschanzte sie sich einen ganzen Sommer lang zu Hause. «Meine Beine waren viel zu lang für kurze Sachen, und im Bikini fand ich mich furchtbar. Bei meinen Kolleginnen passte alles, bei mir sah das blöd aus.»

Als sie für ihr Aussehen Komplimente erhielt, habe das enorm geholfen. «Hundert Prozent wohl fühle ich mich noch nicht. Aber man lernt, damit umzugehen.» Die ewig zu kurzen Hosen krempelt sie heute selbstbewusst hoch und betont die Fussknöchel mit schönen Socken. Sogar Overknee-Stiefel, welche die Beine noch weiter strecken, trägt sie heute.

Fabricia da Silveira
Fabricia da Silveira

Fabricia da Silveira (1,81 m) machte aus der Not eine Tugend: Sie modelt im Nebenjob.

«Der Kleiderkauf ist immer ein Glückstreffer oder Überraschungskauf», sagt hingegen Isabelle Braun (21). Wenn sie etwas Bestimmtes brauche, werde es schwierig. «Mein Kleid für den Maturaball habe ich eine halbe Ewigkeit gesucht. Und bei den Schuhen kauft man dann oft das Modell, das einem am zweitbesten gefällt, weil der Favorit eh nicht in deiner Grösse erhältlich ist.»

Braun wurde im Ausgang von der Gruppe des One-Eighty-Up-Clubs angesprochen und war sofort dabei: «Wir sind auf einer Augenhöhe und haben dieselben Problemchen.»

Geküsst wird nicht auf Zehenspitzen

Zu diesen Problemchen gehört hie und da auch die Partnersuche. Die Durchschnittsgrösse von Schweizer Männern liegt mit 178 Zentimetern weit unter dem Schnitt der Gruppe. Fabricia da Silveira fragt, um Enttäuschungen vorzubeugen, bereits vor dem ersten Date nach der Körpergrösse ihres Gegenübers. Leonie Mathis hält bei Dates jeweils den Regenschirm. «Und beim Küssen steht man wohl besser nicht auf den Zehenspitzen. Das sind Preise, die man gern zahlt – wenn es sonst stimmt.» Dass sie Männern positiv auffallen, merken die fünf Frauen regelmässig. Teilweise seien sie stolz darauf, die «Amazone erobert zu haben».

Die Kehrseite davon: die Eifersucht der Mitbuhlerinnen. «Wenn man als grosse Frau die Aufmerksamkeit eines Mannes will, dann kriegt man sie auch. Man muss da fast nichts mehr dafür tun. Kleine Frauen donnern sich extrem auf, damit sie auffallen. Ich kann ganz casual weggehen und werde gesehen. Bei anderen Frauen sind wir nicht unbedingt beliebt. Die töten mit Blicken», erzählt Leonie Mathis.

Isabelle Braun
Isabelle Braun

Als Jugendliche nannte man sie Giraffe, heute liebt Studentin Isabelle Braun (1,85 m) ihre Grösse – auch wenn Schuhe kaufen schwierig ist.

Als sie 13 Jahre alt war, riet ihr ihre Ärztin, wachstumshemmende Hormone zu nehmen. «Im Nachhinein würde ich das wohl nicht mehr tun. Aber wie will man als Mädchen wissen, wie gross man als Frau sein möchte?» Sowieso hatte sie damals andere Sorgen. «Die Primarschule war nicht immer angenehm. Ich glaube, Mädchen sind vor allem beliebt, wenn sie herzig und zart sind. Vor mir hatten die Jungs immer irgendwie Angst.» Bachstelze oder Wolkenkratzer nannte man sie.

Isabelle Braun dagegen hänselte man mit der Bezeichnung Giraffe. Ausgrenzung haben viele des Klubs erlebt – früher und heute. Auch darum sei ihnen die Gruppe so wichtig: Alle erlebten Ähnliches wegen ihrer Grösse, das verbinde.

High Heels für Transfrauen

In der Gruppe werden allerlei Tipps ausgetauscht. Dass man im Flugzeug Plätze mit mehr Beinfreiheit buchen kann. Welche Läden lange Hosen verkaufen. Dass man die High Heels in Onlineshops für Transfrauen findet. Wie man mit bösen Blicken umgeht. Und wie man dumme Sprüche kontert. Klar sei jedoch, dass der Klub eine männerfreie Zone bleiben soll. Die Frauen reden über Körperbilder, Konkurrenzkämpfe, Selbstfindung, Vergleiche, Eifersucht und Idealvorstellungen.

«Die Probleme in der Pubertät und bei der Partnersuche ergeben sich vor allem durch das Umfeld und ein veraltetes Frauenbild», sagt Leonie Mathis. «Deshalb der Klub. Wir zeigen, dass es viele wie uns gibt.» Sie würde keinen Zentimeter abgeben wollen. Schliesslich werde sie durch die Grösse ernst genommen. Isabelle Braun mag es, an der Pädagogischen Hochschule in Luzern die Grösste zu sein. Armanda Capaul findet auch, sie würde trotz mancher Umstände ­niemals klein sein wollen. Und ihre 17-jährige Schwester ­möchte eines Tages so gross werden wie sie. 

Mehr Infos: www.oneeightyup.club www.ue178.ch

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Dan Cermak