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02. März 2015

Die grössten Verwöhn-Fallen für Eltern

Sie wollen das Beste fürs Kind, die Eltern, die ihm alles Erdenkliche schenken, abnehmen und durchgehen lassen. Die Formen des Verwöhnens sind jedoch so verschieden wie der «erzieherische» Effekt – die sechs grössten Gefahren und das Interview zum Thema mit Jürg Frick («Verwöhn-Alarm»).

Erdbeer-Törtchen zur Belohnung
Ein Erdbeer-Törtchen zur Belohnung? Und selber essen muss auch nicht sein ... (Bild: Getty Images)

Kommt Ihnen als Mutter oder Vater die eine oder andere Methode auch bekannt vor? Oder wie verhindern Sie es in gewissen Situationen, in die Verwöhnfalle zu tappen? Verraten Sie es uns nach den sechs geschilderten Verhaltensweisen in einem Kommentar (unten).

1. MIT GESCHENKEN ÜBERHÄUFEN
Daran denken wohl die meisten beim Stichwort Verwöhnen. Ständig erhält das Kind etwas. Das muss nichts Grosses sein, dafür regelmässig. Dabei stimmt das Klischee selten, dass sich die Erzieher Wohlwollen oder gar Liebe erkaufen wollen. Vielen macht das Schenken tatsächlich selbst Spass. Nicht abzustreiten bleibt jedoch, dass (fast) jeden Tag ein Präsentchen beim Einkaufen die Stimmung hebt und Spannungen vorbeugt. Bis es einmal ausbleibt …

Effekt: Im schlimmsten Fall gewöhnt sich das Kind daran, dass seine Aufmerksamkeit, das Befolgen bestimmter Regeln, Gegenstand des Handels ist. Es hat einen Wert, der abgegolten wird, ob im Voraus versprochen oder gleich spontan ausgehändigt. Die Botschaft: Kriegst du nichts, ist deine Präsenz unwichtig, dein Verhalten gleichgültig. Dann kannst du tun, was du willst.
2. KEINE ÄMTCHEN ZUTEILEN
Ein weiterer Typ Eltern trennt bereits dem Vorschulalter entwachsene Kinder von allen kleineren und mal grösseren Aufgaben, die sie zum Aufräumen des eigenen Drecks verpflichten könnten. Oder gar dazu, etwas zum allgemeinen Nutzen beizutragen, zum Familienwohl uneigennützig etwas beizusteuern. Selbst wenn es einen selbst nicht betrifft.

Effekt: Mit der Zeit lernen die Kinder, dass die Eltern nicht das meiste, sondern wirklich alles für den Haushalt und den Nachwuchs tun. Sicher schön für Letzteren – störender ist noch: Sie selbst haben nicht das Geringste damit zu tun. Sie dürfen im Grunde nicht mal mitmachen. Von wegen familiäre Gemeinschaft!
3. BELOHNEN OHNE ENDE
Bei diesem Verwöhntyp (bestimmt kommen bei vielen Eltern im Übrigen mehrere Typen vor) geht es weniger um immerwährendes Schenken und dadurch ‚erkauften‘ Goodwill, sondern um einen berechneten Einsatz: Für jedes von den Eltern erwünschte Verhalten, jede erledigte Aufgabe, gibt es eine kleinere oder grössere Belohnung. Das bewusste Dankesagen hat natürlich auf der einen Seite den Vorteil, dass das Kind eher lernt, dass sein Mitmachen geschätzt, vielleicht auch gebraucht wird.

Effekt: Auf der anderen Seite erhält es durch konsequentes Belohnen jeglicher Mithilfe im Familienalltag auch die Botschaft, dass Mitarbeit (oder schon Mitdenken) eigentlich nicht erwartet wird, nicht einfach so erwartet werden kann. Zugespitzt: Es würde ihm gar nicht zugetraut, ohne Aussicht auf eine Anerkennung etwas für die anderen zu tun. Das wertet die Gemeinschaft, das Sozialgefüge auch wieder ab. Und es nimmt dem Kind die Möglichkeit eines freiwilligen Einsatzes weg, sei er noch so selten.
4. VERANTWORTUNG ERSPAREN
Eine weitere klassische Variante des elterlichen Verwöhnens besteht darin, dass das Kind von jeglicher Mitverantwortung entlastet wird. Der oder die Elf- oder Zwölfjährige muss nie auch nur ein Brot holen auf dem Heimweg von der Schule, an nichts Spezielles denken usw.

Effekt: Der Lerneffekt, wie man Verantwortung fürs eigene Leben und schrittweise auch ein wenig jenes der anderen entwickelt, wird sicher radikal hinausgeschoben – aufs Teenageralter und/oder das Leben ausserhalb der Familie. Irgendwie und irgendwo wird das Kind es dann schon lernen …
5. SOFORT HELFEND EINGREIFEN
Verwöhnen kann auch heissen, dass dem Kind sogleich zur Hilfe geeilt wird, wenn es etwas nicht auf Anhieb aus eigenem Antrieb machen kann. Aufgaben, etwas in der Freizeit oder auch das ‚richtige‘ Abtrocknen von Pfannen oder Platten in der Küche wird ihm im Nu abgenommen, wenn es die Sache in den Augen von Mama oder Papa nicht ideal anpackt.

Effekt: Tochter oder Sohn verlieren mit der Zeit den Glauben, viele alltäglichen Dinge oder eben auch Schulaufgaben selbständig – und mindestens zuerst ohne Kontrolle – ausführen zu können. Sie denken, es den Eltern (auch anderen Erwachsenen oder gar Gleichaltrigen) nie recht machen zu können. Dies führt zu Motivationsproblemen, Selbstzweifeln und im schlimmsten Fall zu ernsthaften Blockaden.
6. REGELN AUSSER KRAFT SETZEN
Ein letzter verbreiteter Typ des Verwöhnens besteht darin, im gemeinsamen Leben zwar bestimmte Regeln und Abläufe zu kennen und oft zu befolgen, sie jedoch beim ersten Hindernis für Sohn oder Tochter sogleich ausser Kraft zu setzen. Sonst nur mit gewaschenen Händen an den Tisch – heute aber ists schon spät: eine Ausnahme. Bloss zu vordefinierten paar Zeitpunkten pro Woche mit dem Auto in den Sportklub oder die Schule. Aber heute mag das Kind nicht recht laufen oder auf den Bus, und wenn Papa oder Mama 20 Minuten später ins Geschäft kommt, ists auch nicht weiter schlimm.

Effekt: Das Kind gewöhnt sich von zu Hause aus nicht daran, dass bestimmte Abmachungen einfach gelten, man sich auf sie verlassen kann – sie in der Regel selbst aber auch einhalten muss. Das hilft mindestens eine Weile lang im Freundeskreis, in der Lehre oder sonstwo nicht wirklich weiter.

Autor: Reto Meisser