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14. Januar 2013

«Die grössten Stars können nicht gut singen»

Musikmanager Tim Renner hat Rammstein entdeckt und managt die Schweizer Band The bianca Story. Ein Visionär über wirksame Mittel gegen Musikpiraten und den richtigen Weg für Talente.

Der Berliner Branchenkenner Tim Renner
Der Berliner Branchenkenner Tim Renner weiss genau, welche Wege die Musikindustrie weiterbringen und 
welche in einer Sackgasse enden.
The bianca Story aus Basel
The bianca Story aus Basel wollen gerade den deutschsprachigen Markt auf englisch für sich gewinnen. (Bild zVg)

«DER WEG FÜHRT ÜBER DIE EIGENINITIATIVE»
Tipps für angehende Popstars: Was Tim Renner Musikern empfiehlt, die eine grosse Karriere anpeilen. Für ihn geht der Weg nur über Eigeninitiative.


Tim Renner, was haben die Bands Rammstein, die Sie einst gross gemacht haben, und The bianca Story aus Basel gemeinsam?

Beide zeichnen sich durch eine klare Identität aus. Rammstein bedient fast klischeehaft ein martialisches Deutschlandbild. Die Band The bianca Story arbeitet immer selbstbewusster mit Elementen ihrer Heimat. Zum Beispiel spricht sie an Konzerten in Deutschland Schweizerdeutsch mit dem Publikum. Diese Authentizität ist ihre Stärke. Darauf muss sie bauen, wenn sie in den nächsten Jahren ihre Karriere vorantreibt.

Sie sprechen von Jahren?

So was braucht Zeit; man muss sich hocharbeiten. Ohne TV-Kooperationen, Castingshows und die damit verbundene Werbung schiesst heute kein Künstler mehr von null auf hundert.

Am 26. Januar startet in der Schweiz die Castingshow «The Voice». Hätte der Sänger von The bianca Story, Elia Rediger, mit seiner klassisch ausgebildeten Stimme gute Chancen?

In Castingshows geht es nur vordergründig um perfekten Gesang. Solche Formate verkaufen Emotionen. Der Zuschauer verfolgt – scheinbar – den Weg eines Künstlers nach oben. Die Emotionalität liegt also in der Show, nicht beim Künstler. Wenn der nach Hause geht, ist seine Relevanz weg. Im Musikbusiness macht man nicht mit einer besonders guten Stimme Karriere, sondern mit Ausdruck. Die grössten deutschen und Schweizer Stars können nicht gut singen.

Sie meinen DJ Bobo?

Der kann nicht singen. Auch die Gesangsfähigkeiten von Yello-Mitglied Dieter Meier halten sich in engen Grenzen. Selbst Sophie Hunger, eine hervorragende Musikerin, ist keine exzeptionelle Sängerin. Sie würde in einer Castingshow ordentlich abschmieren. Grönemeyer sowieso, der alte Nuschler: Im ersten Call wäre er raus.

Authentizität ist wichtiger als Technik?

Die deutschen Brachialrocker von Rammstein
Tim Renner machte die deutschen Brachialrocker von Rammstein trotz deutscher Texte weltberühmt. (Bild zVg)

Unter dem Namen «Motor» haben Sie ein Imperium aufgebaut, während etablierte Plattenfirmen serbeln. Was machen Sie anders?

Unsere Philosophie ist eine andere. Die Majors sind zwar uns gegenüber im Vorteil, weil sie sehr viel mehr Geld haben – und vor allem haben sie einen Katalog, also ein breites, etabliertes Angebot. Sie existieren teilweise seit 100 Jahren und haben in dieser Zeit wahnsinnig viele Rechte angehäuft, Rechte an Künstlern und an Musiktiteln. Davon leben sie heute noch. Sie sind uns gegenüber aber auch im Nachteil: Sie arbeiten noch nach dem alten Geschäftsmodell. Es basiert darauf, dass sie einem Künstler seine Rechte abkaufen und ihn über ein Beteiligungssystem am Gewinn partizipieren lassen. Wir machen es umgekehrt: Die Bands behalten ihre Rechte und bezahlen uns dafür, dass wir für sie arbeiten. Und zwar so lange, wie es für uns beide sinnvoll ist. Beide Seiten können die Beziehung beenden, wenn sie nicht nach Wunsch verläuft.

Wenn The bianca Story im Radio gespielt wird, verdient also primär der Künstler?

Er verdient, wenn der Song gespielt wird. Er verdient sehr viel mehr, wenn die CD verkauft wird. Denn er muss nicht indirekt unsere ganze Struktur mitfinanzieren, nicht unsere Flops, sondern er bucht uns als Dienstleister. Er kommt und sagt: «Kinder, wir brauchen von euch TV-Kommunikation für einen Monat, wir brauchen Funkkommunikation, eine Administration, ein Ablaufmanagement, und ihr müsst den ganzen Steuerkram für uns vorbereiten.» All die Dinge halt, die Künstler ausnehmend ungern tun, übernehmen wir für sie. Denn wir haben die richtigen Leute, die wissen, wie man sich um so etwas kümmert. Dafür werden wir vom Künstler bezahlt.

Das rentiert für beide Seiten?

Wir arbeiten auf dieser Basis mit ganz Grossen wie einem Marius Müller-Westernhagen, aber auch ganz kleinen Newcomern. Es rentiert deshalb für beide Seiten, weil der Künstler die wirtschaftliche Verantwortung mitträgt. Unser Job ist es, diese wirtschaftliche Seite im Auge zu behalten, dem Künstler wöchentlich darzulegen, wo er steht, mit ihm die nächsten Schritte zu besprechen und, vor allem, ihn auf mögliche Risiken hinzuweisen. Wir coachen die Künstler durch die Klippen auf dem Weg nach oben. Aber entscheiden tun sie.

Die beste Strategie gegen Piraterie ist ein gutes, günstiges, legales Angebot.

Mit diesem System wollen Sie auch die Piraterie aushebeln?

Es kann helfen, wenn User, die illegal Songs downloaden, wissen, dass sie nicht Konzernen, sondern Künstlern schaden. Dann werden sie es sich vielleicht zweimal überlegen. Entscheidend ist aber das Angebot. Die beste Strategie gegen Piraterie ist ein gutes, günstiges, legales Angebot. Da ist die Schweiz viel weiter als Deutschland. Bei euch haben Musikfans Streaming-Services wie Spotify schnell verstanden und akzeptiert.

Was ist der Unterschied zwischen Download und Streaming?

Fester Besitz gegenüber temporärem Besitz. Was ich downloade, ist meins. Beim Streaming habe ich Zugriff auf einen Server und darf eine Datei darauf hören oder sehen. Die Datei bleibt jedoch auf dem Server. Ich kaufe mir mit einem Abo nur das Zugriffsrecht, nicht aber den Besitz. Diese Angebote sind simpler in der Anwendung, als es Piraterie jemals sein kann. Der erste Markt, in dem betont auf diese Weise gearbeitet wurde, ist der schwedische. Der wächst seit zwei Jahren, und mittlerweile laufen 40 Prozent des Musikkonsums über Streaming. Das heisst: Wenn ich den Konsumenten ein legales Angebot liefere, das mindestens so vollständig ist wie das illegale – und dazu noch einfacher und zuverlässiger funktioniert –, wird das auch genutzt.

Man ist also bereit, weiterhin für Musik zu zahlen, wenn sie nicht allzu teuer ist?

Richtig. Das beweisen lustigerweise sogar die illegalen Angebote. Die werden ja nicht von Altruisten betrieben, sondern von Leuten, die ebenfalls Geld verdienen wollen. Sie verkaufen auf ihren Plattformen Werbung. Oder Optimierungssoftware, die bis zu 9.90 Euro pro Monat kostet. Für diesen Betrag bekomme ich aber werbefreies Streaming von Spotify und anderen Anbietern. Der Konsument zahlt also immer, wenn auch nicht immer mit Geld. Oft mit Zeit, wenn man sich durch endlose Pop-ups klicken muss, bis man endlich downloaden kann.

Sie haben dieses Szenario schon 1993 vorausgesagt – aber keiner glaubte Ihnen damals.

Gorbatschow sagte: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ich kann aus Erfahrung sagen: Das gilt auch für alle, die zu früh kommen. Ich wurde einst als Universal-Boss bös beschimpft. Es war für gewisse Leute halt zu früh, sich von alten Prinzipien zu lösen. Ich sagte, Kopierschutz mache keinen Sinn, weil er denjenigen bestrafe, der gewillt ist, legal zu kaufen. Heute gibt es keinen Kopierschutz mehr. In meinem Job geht es nicht darum, Dinge früh zu erkennen. Es geht darum, Mittel und Wege zu finden, um den Leuten begreiflich zu machen, was man erkannt zu haben glaubt.

Sie haben vieles vorausgesehen. Aber Sie haben sicher auch geirrt. Wo?

Häufig bei Geschwindigkeiten. Ich glaubte, der Wandel vollziehe sich schneller. 1993 nahm ich an, dass 2010 mindestens 80 Prozent der Musikkäufe non­physisch sein würden, also per Download oder Streaming stattfänden. In einem konservativen Markt wie Deutschland ist es genau umgekehrt. 2010 wurden noch mehr als 80 Prozent der Produkte physisch, also als CD oder Platte, gekauft.

Warum kauft die Mehrheit immer noch CDs?

Da gibt es zwei Faktoren. Einerseits gewöhnen sich die Leute nur langsam an Neues. Man gibt nicht gern auf, was man mal gelernt hat, also CDs oder – wie ich – Vinyl benutzen. Der andere Faktor ist die Branche, die bremst. Sie forciert ja nicht das Neue, sie schützt das Alte.

Ihr Buch «Digital ist besser» liest sich wie ein Anti-Digital-Angst-Ratgeber.

Digitalisierung ist unvermeidbar, dennoch stemmen sich viele noch dagegen. Nicht umsonst steht vorne als Widmung «für Erfa Renner», das ist meine Mutter.

Sie haben zusammen mit Ihrem Bruder also ein Buch für Ihre Mutter geschrieben?

In gewisser Hinsicht: ja. Wir sahen, wie viele Leute verunsichert waren, weil ein Kulturkampf daraus gemacht wurde: digital gegen analog. Frank Schirrmacher etwa, der Herausgeber der FAZ, liess richtige Kampfschriften vom Stapel, die echt Angst machten; seine gewagte These lautete, die Nutzung digitaler Medien führe zu Veränderungen im Hirn. Das ist Panikmache.

Die Risiken der Digitalisierung sind verkraftbar, wenn ich mir die Chancen anschaue.

Wir werden alle doof wegen Wikipedia?

Richtig. Dagegen wollten wir anschreiben. Wir wollten den Leuten die Angst nehmen. Statt sich über Neues zu freuen und zu rufen: «Heureka, schauen wir, was wir damit anstellen können!», herrscht blanke Angst. Natürlich gibt es neben den Chancen auch Risiken – wie bei jeder Neuerung. Aber die Risiken der Digitalisierung sind verkraftbar, wenn ich mir die Chancen anschaue.

Mit Ihrem Radiosender versuchen Sie gerade, eine solche neue Chance umzusetzen.

Wir versuchen, Radio digital so aufzupeppen, dass jeder es individuell nutzen kann. Das funktioniert so: Ein Hörer findet, in der Playlist des Radios fehle ein Musikstück, das er besonders mag. Also lädt er es hoch. Ab sofort ist es auf seiner Playlist und wird regelmässig gespielt. Jeder Hörer kann also mitbestimmen, was sein Radio sendet: Songs raushauen oder eben reinbeamen.

Das wird dann aber nur bei besagtem Hörer zu Hause gespielt, bei den anderen Hörern nicht?

Nein, bei den anderen nicht. Jeder hat sein personalisiertes Radioprogramm. Digitalisierung ist eben auch Demokratisierung: Jeder kann mitmachen. Für uns ist es hochinteressant, denn wir sehen ja, wenn viele Hörer einen bestimmten Song doof finden und löschen respektive Dinge hochladen, die wir gar nicht auf dem Radar haben.

Ist Jekami die Zukunft der Musikbranche?

Ja, das muss man möglich machen. Man muss sich öffnen und jedem erlauben, mitzumachen. Wir müssen technische Lösungen finden, die das ermöglichen.

Die Branche beobachtet, was ich mit dem Radio anstelle. Das ist unheimlich.

Noch haben wir keine Lösung, aber theoretisch kann der Konsument diese Informationen blockieren. Aber das fände ich doof, weil er dadurch ja auch Zugriff auf das Hauptprogramm hat. Wenn viele einen bestimmten Song hochladen, wird bei uns die Alarmglocke schrillen. Das ist die Chance für User, Einfluss auf das grosse Ganze zu nehmen. Und es ist eine Chance für vielversprechende Musiktalente, ihre Karriere auszubauen.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Jan von Holleben