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20. April 2015

Die Top Ten der Box-Filmgeschichte

Dramen, Tragikomödien, Dokus: Auf der Leinwand kandidieren völlig unterschiedliche Filme für den Titel des besten Boxfilms. Wir verraten unsere Favoriten – fehlt Ihrer? Nennen und begründen Sie ihn in einem Kommentar.

George Foreman und Muhammed Ali
George Foreman und Muhammed Ali im Dok-Film «Rumble in the Jungle» (1994).

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Klar, dass jede(r) für die Hitliste der besten Filme mit oder über einen Boxer oder das Boxen eine andere Reihenfolge erstellen würde. Migrosmagazin.ch ist gerade mit Blick auf das Porträt der Schweizer Boxerin Nicole Boss (Migros-Magazin vom 20. 4. 2015) überzeugt, dass neben den teuren US-Spielfilmen bei User-Ratings der eine oder andere Titel stets fehlt: der formal hervorragend gemachte Dokumentarfilm sowie auch sonst der eine oder andere Streifen aus Europa. Deshalb hier unsere zehn Favoriten – mit einem fast unbekannten Schweizer an der Spitze!
UNVERZICHTBAR

1. «Vaglietti zum Dritten»: Doku-Porträt eines verrückten Amateurs
Der Berner Dok-Filmer Alfredo Knuchel schaffte 1999 beim zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Porträt eines guten Amateurboxers, Ex-Kokainsüchtigen und IV-Empfängers (!) aus dem Mittelland etwas Seltenes: Fast beiläufig bannt er mit Kameramann Norbert Wiedmer die ganze Lächerlichkeit zwischen Träumen und Ansprüchen der Hauptfigur, die kaum einmal – und dann vielsagend – schauspielert, und dem Alltag weitab jeglichen Ruhms oder Anerkennung. Unvergessen die Szenen mit der durch die Stadt joggenden Hauptfigur, die zum Erhöhen des Trainingseffekts eine Schnorchel trägt. Zum Brüllen komisch, aber zugleich nimmt Knuchel seinen Protagonisten weiterhin ernst.
2. «Raging Bull»: Stilbildender Klassiker
Martin Scorseses Boxklassiker von 1980 verbindet die stilbildenden Einstellungen und Schnitte im Ring schlechthin mit dem philosophisch-psychologischen Hintergrund des Boxens. Das in jeder Szene bestechende Lehrstück demonstriert, wie Gewalt im Boxen gezielt eingesetzt wird, sich am Ende jedoch zersetzend auf das ganze Umfeld auswirkt. Die Rolle als am Ende einsamer Box-Champ Jake LaMotta gehört zum Besten, was Robert de Niro je auf die Leinwand brachte.
Zum Trailer 3. «Million Dollar Baby»: Persönlich berührendes Frauenschicksal
Durch die Linse des langjährigen Vorzeigemachos Clint Eastwood wird das Drama (2004) der Kellnerin Maggie (mit Finesse und Stärke zugleich: Hilary Swank) geschildert. Die Spätstarterin erobert den Box-Olymp fast aus der Gosse, dank dem alternden Coach Frank (Eastwood), der erstmals eine Frau trainiert – übersteht es aber nicht. Auch hier wächst der Ring mit den Regeln der Stärkeren weit in Job-, Familien- und Strassenwelt hinaus.
Zum Trailer 4. «The Boxer»: Ein Spiegelbild von Politik und Gesellschaft
Jim Sheridans Drama von 1997 zeigt, wie ein moralisch integres Vorzeigepaar (beeindruckend: Daniel Day-Lewis als Ex-Boxer und Ex-Knasti und Emily Watson) die brutale Vergangenheit des Nordirlandkonflikts hinter sich lassen und keiner Seite mehr angehören will. Ihnen und den Zuschauern wird gründlich jegliche Illusion ausgetrieben, mit einem leisem Hoffnungsschimmer am Ende. Das Boxen im Ring ist im Vergleich zur politischen und sozialen Gewalt mit allen ihren Schrecken definitiv die kultiviertere Kampfform, kriegt aber durch die Strasse viel an Skrupellosigkeit ab.
Zum Trailer Achtung: Nicht verwechseln mit dem überschätzt-eindimensionalen Actionfilm von 2009!
5. «When We Were Kings»: Der Kampf des Jahrhunderts
Der Oscar-prämierte Dok-Klassiker von Leon Gast (1996) erzählt raffiniert aufgebaut die Geschichte des grossen Duells Muhammed Ali-George Forman, das 22 Jahre früher in Kinshasa über die Bühne ging und weltweit einmaliges Aufsehen erregte. Im Zentrum stehen der persönliche Hintergrund der unterschiedlichen Stars, der mehr oder weniger versteckte Rassismus in den USA oder der Clash zwischen mondäner Sportwelt und bitter armem afrikanischen Dschungel. Und das Boxen selbst natürlich auch.
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Wen primär die Faszination für den zuvor als unbesiegbar geltenden Foreman und das Auftreten von Grossmaul Ali – der im Ring beim Jahrhundertkampf lange provokativ defensiv agierte – umtreibt, schaut besser «Rumble in the Jungle» (1994), den klassischeren Box-Dokumentarfilm zum Jahrhundertkampf mit viel klug ausgewähltem Originalmaterial.
Breite Ausschnitte des Films

WEITERE HITS

6. «Somebody Up There Likes Me» («Die Hölle ist in mir»/«Eine Handvoll Dreck»): Regisseur Robert Wise, der dank herausragenden Krimis und Gruselfilmen bekannte wurde, erzählt 1956 mit einem (nicht bloss im Ring!) grandios leichtfüssigen Paul Newman die Geschichte der Mittelgewichtslegende Rocky Graziano: Ein Tagedieb findet via Militär inklusive Vorzeigeboxcoach zu Schlagkraft, Erfolg – und gesellschaftlicher Standfestigkeit. Ein einmaliges Beispiel für eine raffiniert gebaute Story mit guten Darstellern, aber ohne die Tragik vieler Boxklassiker.
Zum Trailer 7. «The Fight Club»: Zugegeben, mit sportlichen Duellen vor Zahlpublikum und vor allem mit Ringrichtern hat David Finchers Kultfilm mit dem brillanten Edward Norton noch weniger zu tun als Jim Sheridans Drama. Aber mit dem verzweifelten Versuch junger Männer (mit oder) ohne existenzielle Sorgen, sich endlich wieder selbst zu spüren. Bloss dumm, stehen bald mehr als sich gegenseitig vermöbelnde Typen ohne Deckung da …
Zum Trailer 8. «Rocky I»: Wer den Beginn der Erfolgsserie von 1976 nicht kennt, denkt bei «Rocky» an testosteron-gepushte Kämpfe, welche die Amis in langatmiger Dramaturgie über die bösen Russen triumphieren lassen. Blödsinn: Hauptdarsteller Sylvester Stallone und ein wenig klassisches Drehbuch zeigen ein durch den Vietnam-Krieg zerrissenes Amerika, das am Ende obenaus schwingt, seine eigenen Dämonen aber keineswegs in die Mangel nehmen kann.
Zum Trailer 9. «Cinderella Man» («Comeback»): Eine unglaubliche Geschichte schildert der sonst auf die bessere englische Gesellschaft abonnierte Ron Howard mit der üblichen Sorgfalt. Jene von Jim Braddock (Russell Crowe), der als Bulldogge von Bergen die Gegner vor der wirtschaftlichen Depression der 20er-Jahre umstandslos auf die Matte schickte, von 1933 bis 1935 aber mit weit mehr Mühe und etwas anderer Strategie erneut den Weg an die Spitze fand. Vor allem spiegelt sich in seinem Weg die Zwischenkriegszeit Europas in all ihren Facetten.
Zum Trailer 10. «Elefantenherz»: Der weitgehend unbekannte Regisseur Züli Aladag zeichnet das eindrückliche Bild eines jungen Amateurboxers (eine Urkraft: Daniel Brühl), der verzweifelt für eine Profikarriere trainiert, die er als einzigen Ausweg aus der Tristesse der Duisburger Blocksiedlung mit allen familiären und ökonomischen Sorgen sieht.
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Autor: Reto Meisser