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20. Februar 2017

Globalisierung: Das Dossier

Brexit, Trump, Masseneinwanderungsinitiative: Der Mittelstand ist unter Druck und sucht Ventile für sein Unbehagen oder für Frust. Viele sehen in der Globalisierung die Wurzel allen Übels. Zu Recht? Wir haben Verlierer und Gewinner besucht sowie Experten gefragt, wie den gefährlichen Folgen der entfesselten Weltwirtschaft begegnet werden kann.

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Fünf Experten beantworten fünf Schlüsselfragen:
Wer profitiert von der Globalisierung, wer leidet?
Wer spürt die negativen Effekte am meisten?
Was bedeutet das Scheitern der Freihandelsabkommen?
Wie kann man den Verlierern helfen?
Was geschieht in der Politik, wenn die Zahl der Verlierer zunimmt?


Die Verlierer schlagen zurück. So haben es viele empfunden, als im vergangenen Jahr eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU stimmte und der unflätige Immobilienmogul Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde. Nachwahlanalysen zeigten, dass tatsächlich viele Verzweifelte zu den siegreichen Koalitionen gehörten – Menschen, die unter prekären Bedingungen ­leben, sich nach jahrelangen schlechten ­Erfahrungen von einem als abgekartet ­empfundenen System keine Hilfe mehr erhoffen und deshalb nach jedem Strohhalm greifen.

Aber viele stimmten dem Brexit und in der Schweiz der Masseneinwanderungsinitiative auch deshalb zu, weil sie sich unter Druck fühlen, den Abstieg befürchten und Gegensteuer geben wollen. Sie erleben mit, wie Schweizer Arbeitslose über 50 nur noch schwierig einen Job finden, derweil mehr und mehr gute und günstigere Fachkräfte aus der EU angestellt werden. Und sie beobachten mit Sorge, wie der technologische Wandel und die Globalisierung ganze Branchen umpflügen und bald vielleicht auch ihre eigene Arbeitsstelle bedrohen.

Besonders stark in Verruf geraten ist die Globalisierung. So hat der neue US-Präsident Donald Trump bereits verkündet, dass die USA aus dem neu geplanten Freihandelsabkommen mit Asien aussteigen. Zudem will er die Einwanderung besser kontrollieren – ein Anliegen, das auch andernorts im Westen auf grosse Sympa­thien stösst. Der britische Historiker Harold James glaubt gar, dass die Welt an einem Wendepunkt steht: Schon früher seien ­Globalisierungsphasen gestoppt und um­gekehrt worden, oft gefolgt durch einen Krieg – etwa 1914 den Ersten Weltkrieg. Geschichte wiederhole sich nie ­exakt, aber es gebe allgemeine Tendenzen, so James: «Einer Epoche von grösserer internatio­naler Zusammenarbeit und Verbundenheit folgt eine Epoche von grösserer Abschottung und Distanz», sagte er im «Bulletin» der Credit Suisse.

Sand im Getriebe der Globalisierung

Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik stellte in seinem Buch «Das Globalisierungs-Paradox» fest, dass das durch den Freihandel gewonnene zusätzliche Volkseinkommen zu wenig dafür verwendet wird, die Verlierer der Globalisierung aufzufangen, umzuschulen und mit anderen Jobs zu versorgen. Er plädiert dafür, etwas Sand ins Getriebe der Globalisierung zu streuen, um den einzelnen Staaten wieder mehr Raum für die eigenen demokratischen Prozesse zu geben.

Und Autor Daniel Binswanger brachte es im «Magazin» so auf den Punkt: «Entweder kann die Globalisierung sozialpolitisch gestaltet werden, oder sie wird an ein unschönes Ende kommen. Gegen die Interessen der Mehrheit kann dauerhaft keine Politik gemacht werden.»
Was also müsste getan werden, um den Verlierern und den Besorgten zu helfen? Um zu verhindern, dass auf globale Kooperation Abschottung oder gar Konflikte folgen? Wir haben dazu Experten befragt und mit Menschen gesprochen, die hier in der Schweiz den Kräften der Globalisierung ­direkt aus­gesetzt sind. 

Autor: Ralf Kaminski

Illustrationen: Patric Sandri