Archiv
07. Dezember 2015

Ein Engel für immer

Warum Amerikaner «That’s really Heidi» sagen und das Naturkind in Japan grosse ­­Kulleraugen ­­hat: Heidi war in den vergangenen 100 Jahren vielen Einflüssen ausgesetzt. Trotzdem hat der kleine Liebling seine Unschuld behalten – auch im neuesten Film.

Verschiedene Heidis im Bild
Heidi im Wandel der Zeit: vom Hollywood-Kitsch über Sozialkritik bis zur Rückkehr zu Altbewährtem.

All die Jahre auf den Bildschirmen dieser Welt sind Heidi nicht zu Kopf gestiegen: Die wichtigsten Wesensmerkmale, die Johanna Spyri ihrem Naturkind 1880 mit auf den Weg gegeben hat, sind bis heute praktisch unverändert. Heidi ist ein fröhliches, bescheidenes und höfliches Mädchen. Sie ist mitfühlend und gutmütig. Und sie hat ein ausgesprochenes Talent, zwischen den Menschen zu vermitteln, fast wie ein Engel, und solche überdauern bekanntlich Zeit und Raum. Allerdings hat sich das kleine Mädchen aus den Schweizer Bergen auf seiner Reise um die Welt und in der Zeit etwas verändert und musste dafür des Öfteren auch Kritik einstecken, trotz Erfolgs beim Publikum.

1937: Zapfenlocken und Pappkartonberge

Heidi schrieb schon Schlagzeilen, als ihr Leben ausschliesslich zwischen Buchdeckeln stattfand, aber der Karrieredurchbruch findet in einem US-Film von 1937 in den Wäldern von Nordkalifornien vor Pappkartonbergen statt. Heidi ist damals blond, trägt Zapfenlocken und eine bayrisch anmutende Kleidung. In der Heimat kommt das nicht gut an: «Der Grossvater mit dem aufgeklebten Bart kommt aus der Requisitenkammer der Opernbühne und Shirley Temple aus einem Hollywood-Schönheitssalon», kritisiert etwa die «Zürcher Illustrierte».

Heidi, Allan Dawn, USA 20th Century-Fox, 1937 Realspielfilm

1952: «Geistige Landesverteidigung»

In der Nachkriegszeit holt man das Kind nach Hause und stellt es in den Dienst der «geistigen Landesverteidigung». Selbstlos, wie Heidi ist, lässt sie sich leicht instrumentalisieren. Jahre später wird die NZZ schreiben: «Heidi repräsentiert schweizerische Identität, die es gegen die Bedrohung aus dem Ausland und gegen feindliche Kräfte aus dem Inneren zu verteidigen gilt. Der Heidi-Film von 1952 gerät geradezu zur Verherrlichung der Schweiz.» Drei Jahre später folgt ein Remake, das noch mehr auf Kitsch setzt. Die «Weltwoche» schrieb: «Tiefer geht es nun wohl nicht mehr.»

Heidi, Luigi Comencini, CH, Presens-Film AG, 1952, Realspielfilm

1968: Schimpfwort für Football-Fans

Ende der 1960er-Jahre sorgt Heidi in den USA für einen Skandal, der sogar in den Wortschatz eingeht: Der TV-Sender NBC unterbricht 1968 die dramatische Endphase eines Football-Spiels, um den neuen US-Heidi-Film pünktlich auszustrahlen. Noch heute sagt man unter Football-Fans bei ähnlichen Ärgernissen «That’s really Heidi».

Heidi, Elbert Mann, USA EPC/Omnibus-Biography Productions 1968, Realspielfilm

1974: «Gartenzwerg im Dirndlkleid»

In den 1970er-Jahren geht Heidi nach Japan, wird zur Manga-Figur und erobert nun definitiv die Welt. Das gelingt ihr mit einem überproportional grossen runden Kopf und riesigen Kulleraugen – aber auch, weil sie sich von ihrer christlich-religiösen Prägung emanzipiert und dafür universelle Werte wie die Liebe zur Natur und das Bedürfnis nach Heimat noch stärker lebt. Gemäss der Literaturwissenschaftlerin Bettina Hurrlemann verliert Heidi in dieser Phase jedoch nicht nur ihre religiöse Gesinnung, sondern auch die psychologische Tiefe: «Übrig bleibt eine beliebige Reihung von Episoden um die unverwüstliche Spring-ins-Feld-Heidi, ein Kindchenschema, eine Art lachender Gartenzwerg im Dirndlkleid.» Mit dem japanischen Heidi kommt auch eine Flut von Merchandisingartikeln auf den Markt.

Heidi, Isao Takahata, JAP, Zuiyo Production 1974, Animationsserie in 52 Folgen

1978: Heidi als Serienstar

Im Windschatten des Trickfilm-Heidis feiert auch das Serien-Heidi einen Erfolg. «Heidi» aus dem Jahr 1978 wird zur erfolgreichsten TV-Serie, die das Schweizer Fernsehen bis anhin produzierte: Die 26 Folgen laufen sogar in Asien. Die Kritiken sind meist wohlwollend. So schreibt die «Stuttgarter Zeitung», dass die Serie ohne Kitsch auskomme und die Hauptdarsteller glaubwürdig seien.

Heidi, Tony Flaadt, CH/D, Intertel Television AG, 1978, Fernsehserie in 26 Folgen

2001: Heidi im Hier und Jetzt

Nach der Jahrtausendwende lässt Heidi die Vergangenheit hinter sich: Sie beschäftigt sich zwar weiterhin mit Themen wie Heimat, Geborgenheit und Freundschaft, doch sie lebt im Hier und Jetzt. Sie färbt sich die Haare blau, schreibt Mails und kann dank des Internets wieder in die Schweiz zurückfahren: Peter sammelt Geld im Netz für Heidis Heimreise. Auch ihre Freundin, eine Berlinerin, tickt anders als bisher: Clara ist nicht gehbehindert, sondern schwererziehbar. Heidi indes bleibt ihrer Vermittlerrolle treu und schafft es vor ihrer Heimreise, Clara mit ihrer Mutter zu versöhnen. Heidi, Markus Imboden, CH, Vega Film AG, 2001, Realspielfilm

2015: Zurück in die Idylle

Heute hat sich Heidi wieder in die Vergangenheit geflüchtet: Kutschen statt Autos, Lederstiefel statt Turnschuhe, Heimatidylle statt Sozialkritik. Der neuste Film orientiert sich am Geschmack der Masse und bietet brav etwas Drama, Glück und Slapstick. Teilweise scheint sich das neue Heidi sogar an seinem japanischen Alter Ego anzulehnen: Es hat grosse Augen, springt über die Wiesen und kann lustig lachen. Obwohl es in seiner Entwicklung einen Rückschritt macht, ist Heidi im Jahr 2015 doch ein Kind seiner Zeit, schliesslich orientiert man sich in schwierigen Zeiten oft an Altbewährtem und kann damit vielleicht – trotz starken Frankens – ein paar Touristen ins Land locken.

Heidi, Alain Gsponer, CH/D, Claussen Wöbke Putz Filmproduktion, 2015, Realspielfilm Kinostart: Donnerstag, 10. Dezember 2015.

Autor: Andrea Freiermuth

Illustrationen: 2 agenten / Rinah Lang