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23. September 2013

Die geheime Welt hinter der Opernbühne

Hinter den Kulissen: Für einmal sind nicht berühmte Solisten oder Figuren wie Don Giovanni die Stars, sondern die Menschen, die entscheidend dafür sorgen, dass eine Opernaufführung reibungslos verläuft. Zum Start der Serie im Migros-Magazin: Requisiteurin Kathrin Skrodzki.

Die Bühne hinter der Bühne
Die Bühne hinter der Bühne: Facettenreiche Opernwelt. (Bild Cortis&Sonderegger)

«WOLLEN SCHWELLEN SENKEN, NICHT AUFBAUEN»
Andreas Homoki, Direktor am Zürcher Opernhaus, will ein Musiktheater für alle — ein Gespräch über Buhs, Bravos und Blut. Zum Interview

Die Unsichtbare, die für Aufsehen sorgt

Kathrin Skrodzki erzeugt künstliche Blitze und fürchtet sich vor echtem Blut auf der Bühne.

Kathrin Skrodzki
Kathrin Skrodzki ist für die Effekte auf der 
Opernbühne zuständig.

Gerade wollte sich Kathrin Skrodzki (36) mit einem Kaffee hinsetzen, da dröhnt eine Ansage aus dem Lautsprecher der Opernhauskantine: «Don-Giovanni-Feuerprobe. Bitte Requisite auf die Bühne.»
Noch vor wenigen Minuten hiess es, die Probe fände erst in einer Stunde statt. Egal. Kathrin Skrodzki lässt ihren Kaffee stehen und nimmt auf dem Weg zur Bühne gleich zwei Stufen aufs Mal. Aufregen über den Stress tut sie sich nicht: «Das ist halt Oper. Kurzfristige Änderungen sind an der Tagesordnung.»
Die zierliche Deutsche ist eine von acht Personen, die im Opernhaus Zürich in der Requisite arbeiten. Ihr Traumberuf. Gleich nach dem Abitur begann sie, in einem kleinen Theater in Bayern als Mädchen für alles zu schuften. Fit für die grossen Häuser machte sie sich mit einer Ausbildung zur Dekogestalterin. Am Opernhaus Zürich ist sie schon seit elf Jahren.

Als Kathrin Skrodzki nach ihrem kurzen Treppenspurt auf die Bühne huscht, stehen da schon mehr als zehn Personen. Im Mittelpunkt des Geschehens der neue Don Giovanni Markus Werba – in einem prächtigen orangefarbenen Gewand, mit rotschwarzer Perücke und feuerfesten Handschuhen. Er steht hinter einem Tisch, der mit einem frugalen Mal gedeckt ist.
«Don Giovanni» ist eine Wiederaufnahme vom letzten Jahr. Die Feuerprobe findet statt, weil Markus Werba noch nicht weiss, was genau passiert, wenn er im 2. Akt seine Höllenfahrt beginnt.

Es geht los. Sänger Werba breitet die Hände über dem Tisch aus, als ob er ihn hypnotisieren wollte, und lässt seinen Bariton erklingen. Kathrin Skrodzki nimmt ein klobiges Schaltbrett mit Antenne in die Hand und jemand beginnt, den Takt zu zählen. «Eins» – ein Blitz zuckt vom linken Bühnenrand. «Zwei» – eine Flasche fällt zu Boden. «Drei» – Funken sprühen. «Vier» – die Kerzen entzünden sich. «Fünf» – der Tisch fängt Feuer. «Sechs» – dem Schwein kullert ein Apfel aus dem Mund. «Sieben» – aus einem übergrossen Plastikpenis ergiesst sich eine klebrige Flüssigkeit. «Acht» – ein Teller fällt zu Boden.

Auch sie hat Lampenfieber bei einer Premieren-Aufführung
Bei jedem Taktschlag betätigt die Requisiteurin den Schalter am Gerät. Das tut sie nicht nur bei der Probe, sondern auch während der Vorstellung. Kathrin Skrodzki trägt eine grosse Verantwortung: Die Szene wäre ohne Feuerwerk nicht dieselbe. Und würde sie ihren Einsatz verpassen, könnte Don Giovanni im schlimmsten Fall sogar aus dem Takt fallen. So versteht sich von selbst, dass die Requisiteurin vor ihrem «Auftritt» jeweils etwas Lampenfieber hat — vor allem bei Premieren.
Schlimmer als ein verpatztes Feuerwerk wäre jedoch ein vertauschtes Messer: «Vor ein paar Jahren ist das tatsächlich passiert. Nicht bei uns, zum Glück.» Die Verwechslung habe zu schlimmen Verletzungen geführt — und sei «der absolute Horror für jeden Requisiteur», erzählt Kathrin Skrodzki später.

Sie hat sich einen neuen Kaffee geholt. Da schnarrt eine Stimme aus dem Walkie-Talkie, das sie an ihren Jeans trägt: «Requisite — bitte den Schlamm bereit machen.» Die Probe für «Die Soldaten» steht an. Da gibts im 2. Akt eine Schlammschlacht. Kathrin Skrodzki muss los — und ein weiterer Kaffee wird kalt.


Nächste Folge in der Oper-Serie (30. 9.): Triangelspieler H.-P. Achberger.

Autor: Andrea Freiermuth