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08. Mai 2017

Die Geburtenzahl wird weiter zunehmen

Marcel Heiniger vom Bundesamt für Statistik erklärt im Gespräch, dass seit 2006 in der Schweiz wieder deutlich mehr Kinder geboren werden. Der Grund: Es gibt immer mehr Frauen im gebärfähigen Alter.

Ihr Kinderlein kommet
Ihr Kinderlein kommet – die AHV freuts. Doch der Trend wird nicht ewig anhalten. (Bild: Getty Images)

Die Geburtenzahlen in der Schweiz steigen laut Statistik wie schon lange nicht mehr. Ist das wirklich so?
In absoluten Zahlen ausgedrückt ist das so. Seit 2006 stieg die Anzahl der jährlich geborenen Kinder permanent an. Im Gegensatz zu den Jahren vor 2006, als wir 30 Jahre lang mehrheitlich einen Rückgang zu verzeichnen hatten.

Gibt es in der Schweiz einen Babyboom?
Das nicht gerade, auch wenn wir aktuell die meisten Geburten seit den frühen 1990er-Jahren haben.

Marcel Heiniger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Statistik
Marcel Heiniger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Statistik in der Sektion Demografie und Migration.

Aber Kinder zu kriegen ist wieder in?
Das kann man so nicht sagen, denn die Zahlen widerspiegeln im Wesentlichen eine Entwicklung in der Bevölkerung. Seit 2006 nahm die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter in der Schweiz um fünf Prozent zu. Wir haben heute rund 88 000 potenzielle Mütter mehr als noch vor zehn Jahren. Da ist es ganz normal, dass es mehr Kinder gibt.

Das heisst, wir haben zwar mehr Kinder, aber keine höhere Geburtenrate?
Genau, denn die effektive Geburtenrate nahm nicht wirklich zu. Die bewegt sich seit Jahren wenn nicht gar Jahrzehnten irgendwo im Bereich von durchschnittlich 1,5 Kindern pro Frau.

Mehr Frauen können doch nicht der einzige Grund für den aktuellen Geburtenanstieg sein.
Ein anderer Grund waren die aufgeschobenen Geburten. Also Mütter, die zuerst eine Karriere verfolgt und sich erst spät für ein Kind entschieden haben. Das zeigt die Statistik ja deutlich: Der Anteil der Frauen, die 30 Jahre alt oder älter Mutter werden, stieg in den letzten 45 Jahren von 31 Prozent auf knapp 70 Prozent.

Heute liegt der Anteil von Frauen, die über 30 Mutter werden, bei knapp 70%.

Der Anstieg hat mit den späten Müttern zu tun?
Zum grossen Teil. So konnte man von 2006 bis 2010 gut sehen, dass die aufgeschobenen Geburten eine wichtige Rolle spielten. Heute liegt es hauptsächlich daran, dass mehr Menschen in der Schweiz leben und entsprechend mehr Kinder zur Welt bringen.

FRAUEN WERDEN IMMER SPÄTER MUTTER
100 Prozent entsprechen dem Total der Geburten im jeweiligen Jahr:

Quelle: Bundesamt für Statistik
Quelle: Bundesamt für Statistik


Das heisst also, wir verdanken die vielen Kinder den zugewanderten Ausländern?
Das kann man so sehen. Fakt ist, dass die Geburtenzahlen bei Ausländerinnen prozentual deutlich stärker angestiegen sind als bei Schweizerinnen. 2007 hatte noch jedes vierte geborene Kind keinen Schweizer Pass. Heute sind fast 30 Prozent aller Neugeborenen ausländischer Herkunft.

Verdrängen uns Ausländer, weil sie mehr Kinder bekommen?
Keine Angst, immer noch haben sieben von zehn Neugeborenen einen roten Pass. Es ist aber so, dass zum Beispiel Angehörige aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien tendenziell mehr Kinder haben. So haben Frauen aus Serbien im Schnitt 2,0 Kinder und Frauen aus dem Kosovo sogar 2,7 Kinder.

Wie nachhaltig ist denn eine solche Entwicklung, wenn wir bedenken, dass Ausländer oftmals zurück in ihre Heimatländer gehen?
Die Rückwanderungsziffer ist tatsächlich relativ gross. Doch sind es die Älteren oder Junge vor der Familiengründung, die in ihr Heimatland zurückkehren. Das bedeutet nicht, dass die jungen, oftmals in der Schweiz Geborenen,ebenfalls zurück möchten. Effektive Daten dazu haben wir zwar nicht. Aber ich bin sicher, dass ein guter Teil hier bleibt.

Viele Kinder bedeuten gleich viele zukünftige Lohnempfänger: Kann die AHV demnach aufatmen?
Leider nein, denn immer älter werden wir trotzdem. Zwar hat der Geburtenanstieg einen leicht mildernden Effekt auf die AHV, aber in den nächsten Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Und von ihnen gibt es definitiv mehr, als neue Babys auf die Welt gekommen sind. Die Trendwende für die AHV dürfte erst nach 2065 einsetzen, wenn die Babyboomer langsam gestorben sein und mit den geburtenschwachen Jahrgängen weniger Alte in Rente gehen werden.

Der Geburtenanstieg hat einen leicht mildernden Effekt auf die AHV.

Wird dieser Geburtentrend so weitergehen?
Veränderungen der Geburtenzahlen sind langsame Prozesse und Voraussagen im Grunde simple Mathematik. Das heisst, wir rechnen damit, dass die Geburten bis 2027 weiter zunehmen auf rund 91 000. Ab 2028 wird ein Rückgang einsetzen. Die Frauen, die heute jung sind, werden dann für eine Schwangerschaft zu alt sein. Und es kommen weniger Junge nach, denn dann werden die die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er- und 2000er-Jahre im gebärfähigen Alter sein.

ENTWICKLUNG DER GEBURTENRATEN
Von 1965 bis 2015, in Tausend:

Quelle: Bundesamt für Statistik
Quelle: Bundesamt für Statistik


Die Statistik zeigt, dass vor allem in den eher ländlich geprägten Kantonen die Anzahl Kinder pro Frau hoch ist. Haben Sie dafür eine Erklärung?
In ländlichen Gebieten ist das Familienmodell eher traditionell geprägt. Dazu gehören mehrere Kinder. Das war schon immer so und hat sich bis heute nicht wesentlich geändert.

In der Geburtenstatistik fällt auf, dass mehr Knaben als Mädchen geboren wurden. Gibt es dafür Gründe?
Das ist biologisch bedingt und seit Jahren relativ stabil. Wenn der Mensch nicht mit selektiven Abtreibungen eingreift, kommen auf 100 Mädchen 104 bis 106 Knaben zur Welt. Damit kompensiert die Natur wohl die höhere Sterblichkeit junger Männer. Ab dem 20. Lebensjahr gleicht sich dieses Verhältnis aus. Und ab 60 Jahren kehrt es sich sogar um, weil nach wie vor Frauen eine höhere Lebenserwartung haben.

Hat die aktuelle Wirtschaftslage mit der höheren Arbeitslosigkeit einen Einfluss auf die Geburtenzahlen,weil Frauen sich aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen?
Im Gegenteil. In den vergangenen Jahrzehnten waren Krisensituationen eher Zeiten mit geringerer Geburtenzahl. Eine Ausnahme bildete die Zeit des Zweiten Weltkriegs, während der es den ersten Babyboom gab. 

Marcel Heiniger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Statistik in der Sektion Demografie und Migration. Der 57-Jährige ist kinderlos und wohnt in Bern.

Autor: Thomas Vogel