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17. Oktober 2016

Die Fremde

voll ins Einkaufserlebnis vertieft
Ob jüdisch oder nicht: Die zwei Mädchen sind voll ins Einkaufserlebnis vertieft. (Bild © Migros)

Ich habe sie, die orthodoxe Jüdin, nur ein einziges Mal gesehen. Vor wenigen Wochen standen wir gemeinsam in dieser irrwitzig langen Warteschlange vor der Mini-Migros.

Meine Töchter wollten dort unbedingt «Verkäuferlis» spielen. Und ihre Kinder scheinbar auch. Und so taten wir, was Mütter halt so tun. Wir warteten geduldig mehr als eine Stunde mit unseren Kleinen, bis sie endlich den Spielsupermarkt betreten durften.

Zwei- oder dreimal kreuzten sich unsere Blicke. Es war ein stummer Dialog, von Mami zu Mami: Was machen wir nicht alles, damit unsere Kinder glücklich sind? Wir mussten beide lächeln.

Dann drehte sie sich wieder weg und spängelte ihrem Jüngsten seine verrutschte Kippa fest. Ich muss gestehen, ich habe die ganze Zeit hinüber gestarrt. So wie alle anderen Leute auch. Mir lagen so viele Fragen auf der Zunge. Ich hätte sie gern gestellt. Aber ich gebe zu, mir fehlte der Mut, die orthodoxe Jüdin anzusprechen. So was macht man einfach nicht.

Während sie koschere Cracker an ihre Lieben verteilte, drückte ich meinen beiden Blévita in die Hand. Mütter sind patente Wesen: Sie wissen, wie man die Mannschaft bei Laune hält. Gerade ging es mal wieder einen Meter vorwärts. Die Schläfenlocken der Buben wippten, und meine Kleine bohrte in der Nase.

Ich überlegte die ganze Zeit, wie alt die Frau wohl sein mochte. Sie war jünger als ich. Vielleicht. Die Perücke, die sie trug, machte das Schätzen schwer. Wird es nicht irrwitzig heiss unter dem Kunsthaar? Stimmt es, dass orthodoxe Jüdinnen ihren Kopf nach der Heirat kahl scheren?
Und warum trägt ihre Tochter ein rosafarbenes Kleidchen, sie selbst aber nur gedeckte Farben?

Ich hatte vor gut zwei Jahren das Buch einer ultraorthodoxen Aussteigerin gelesen. Aber reichte mir diese Lektüre aus, um zu verstehen? Nein, eindeutig nicht.
Mir wurde an jenem Tag klar, wie ähnlich wir uns trotz allem waren. In erster Linie waren wir Mütter. Warum konnten wir nicht über das, was uns trennte, hinwegblicken?

Vielleicht hätte ich sie ansprechen sollen. Möglicherweise hätte sie auch Fragen an mich gehabt. Wer weiss das schon? Wir Mamis, wir hätten es geschafft, die Unterschiede für einen Augenblick zu vergessen, oder?

So wie meine Töchter, die nach über einer Stunde Warten gemeinsam mit den jüdisch-orthodoxen Kindern Mini-Migros spielten.

Autor: Bettina Leinenbach