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02. August 2016

Die Frau von Terminal 2

Im vollgepferchten Shuttlebus
Im vollgepferchten Shuttlebus geht der Blick an die Decke ...
Ein Shuttlebus
Ein Shuttlebus wie der zwischen Terminal 1 und 2 angetroffene.

Da war diese Busfahrerin am Flughafen einer Stadt im Süden. Eine drahtige und alterslose Gestalt, die nicht einmal mehr genervt oder gelangweilt wirkte – nur noch müde. Sie fuhr zwischen Terminal 1 und Terminal 2 hin und her, immer von Terminal 1 zu Terminal 2 und wieder zurück, nichts anderes. Nahezu gefühllos, ihr Ausdruck. Immer nur Terminal 1, Terminal 2, eine Strecke von wenigen hundert Metern, hin und her. Man nennt es Shuttlebus.
Immerfort musste sie sich durch eine hupende Kolonne von Autos schlängeln und drängeln, überall wuselten Touristen und traten achtlos auf die Fahrbahn. Ein Scheissjob, und entsprechend schaute die Chauffeuse auch drein.

Zuvorderst im rappelvollen Bus stand ich, mich an eine Haltestange klammernd, gleich neben ihr. Nur wenige Minuten bis Terminal 2. Einige Tage später fuhr ich noch einmal mit ihr, diesmal in die andere Richtung, und wieder sagte ihr stumpfer Blick, dass sie sich vom Leben etwas anderes erträumt hatte, als Fluggäste zwischen zwei Terminals hin- und herzuchauffieren. Bitterkeit war in ihrem Gesicht.

Ob solch einer Fahrerin beschleicht den Reisenden ein schlechtes Gewissen. Und seither muss ich über das Wesen des Glücks nachdenken. Sie will mir nicht aus dem Kopf, die Frau im Süden, die zwischen den Terminals hin- und herpendelt. Bricht auch sie jemals zu einem Strand auf? Sitzt sie manchmal mit Freunden bei einem Glas Wein, plaudernd und albernd, und raucht genüsslich eine Zigarette? Dass sie Raucherin ist, war ihr anzusehen. Aber man kann sie sich nicht genussvoll rauchend vorstellen, nur hastig.

Bänz Friedli muss übers Glück nachdenken
Bänz Friedli (51) muss übers Glück nachdenken

Das ewige Hin- und Herfahren muss sie zur Enttäuschten gemacht haben. Aber schrieb nicht Albert Camus, wir müssten uns Sisyphos – der stets denselben Krampf ausführte, ohne je ans Ziel zu gelangen – als glücklichen Menschen vorstellen? Und war da nicht dieser Busfahrer in Winterthur? Er weilte gerade als Fan an der Fussballendrunde in Frankreich, als er vom Arbeitgeber heim-beordert wurde: Er müsse fahren. Ausgerechnet während eines Spiels der Schweizer hatte er Dienst, bekam dann per Radio mit, dass sein Bruder eben ins Tor getroffen hatte, und jubelte so freudig, dass die Fahrgäste sich erkundigten, was los sei.

Arsim Mehmedi heisst der Chauffeur. Sein Bruder Admir ist Profi, verdient haufenweise Geld und jettet um den Erdball. Er, Arsim, fährt immerzu von A nach B und wieder zurück. Doch er sagt: «Ich habe einen tollen Job, der mich völlig ausfüllt.» Und sein Gesicht ist das eines zufriedenen Mannes, der anderen deren Glück gönnt. Weil er es vermutlich selber ist: glücklich.

Wir dürfen uns also, frei nach Camus, auch Busfahrer als glückliche Menschen vorstellen.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli