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15. September 2014

Die Frau mit dem Pumpzerstäuber

Frau mit dem Pumpzerstäuber
Nicht jede Kundin kommt in den Genuss des Parfümtests... (Bild Getty Images)

Kennen Sie auch diese Momente, in denen man nicht recht weiss, ob man nun lachen oder weinen soll? Neulich ist mir etwas passiert, das fällt genau in diese Kategorie. Ich sage Ihnen: Tragikomik vom Feinsten. Ich war mit Ida, Eva und einer Kollegin der beiden im Shopping-Center unterwegs. Ich arbeitete meine Liste ab (bestelltes Buch abholen, Brot mitnehmen, Mantel in die Reinigung bringen, nach neuen Handtüchern gucken). Die Kinder trotteten neben mir her. (Okay, ich zerrte das eine hinter mir her und trieb die anderen beiden lautstark an. Aber das sind Nebensächlichkeiten.)

Jedenfalls mussten wir irgendwann auf dem Weg zu den Heimtextilien durch die Parfümerieabteilung laufen. Ich rede nicht von einem kleinen Regal mit zwei, drei Flakons, nein, ich spreche vom Kosmetik-Paralleluniversum. Erst kommen die Lippenstifte von Chanel, dann die Lippenstifte von Clinique, dann die Lippenstifte von Rubinstein. Eine ganze Etage voller total unterschiedlicher Produkte. Toll!

Okay, wo war ich stehen geblieben? Tragikomischer Moment. Die drei Kinder und ich, wir laufen an den Trilliarden von Lippenstiften und Nagellacken vorbei. Mitten im Weg steht eine Parfümfrau. Sie stellt ein neues Duftwässerchen vor. Die Dame spritzt das Zeug in die Luft, auf Papierstreifen und wahlweise auch auf willige Kunden. Dabei verdreht sie ihre Augen, ihre Stimme überschlägt sich vor Begeisterung. Dieses Parfüm möchte ich auch testen, denke ich. Zumal ich mir schon lange nichts mehr gegönnt habe. (Von neuen Turnschuhen für Ida oder einer Hello-Kitty-Kette für Eva habe ich ja nicht viel). Ich will der Dame, die das Parfüm auf Kundinnen leert, schon mein Handgelenk – ach was, meinen Hals, meinen Bauch und meine Füsse – hinstrecken, da passiert es. Sie sieht mich, ihr Blick erfasst die Szenerie, dann werden ihre Pupillen weiter. Und dann – dreht sie sich weg. Nur einen Mikrometer, aber ich schwöre, ihre Pupillen wurden weiter. Dann drehte sie sich weg. Sie drehte sich verdammt noch mal weg. So, als wäre ich raus aus dem Spiel. Ich bin nicht sexy genug für dieses Parfüm. Ich bin zu alt, zu abgekämpft, zu mütterlich, zu ausgeleiert, zu hausbacken für den neuen Duft. Und dann habe ich auch noch drei (!) Bälger am Rockbändel hängen. Mann, ist das bitter. Die Situation ist so absurd, dass ich anfange, hysterisch zu lachen. Die drei Kinder finden mich peinlich. Super. Sonst noch jemand, der etwas sagen will? Ich bin gerade sehr aufnahmefähig.

Irgendwann schaffe ich es dann doch noch, mir das Ganze schönzureden: Genau genommen verachte ich doch alle Parfümerieverkäuferinnen. Hirnlose Schnepfen. Hätten die in der Schule aufgepasst, müssten sie jetzt nicht tagein, tagaus pumpen und zerstäuben. Jawoll. Würden die morgens die Zeitung lesen und ein Müesli essen, statt sich stundenlang anzumalen und dann ohne Zmorge aus dem Haus zu gehen, könnten die echt etwas aus sich machen. Wie gut, dass ich jeden Tag die «NZZ» lese. Von vorne bis hinten. Auch das Feuilleton. Ohne Ausnahme. Echt jetzt.

Autor: Bettina Leinenbach