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27. Januar 2014

Die Frau hinter der Maske

Martine Felber ist an den Solothurner Filmtagen mit dem Prix d’honneur ausgezeichnet worden. Seit bald 30 Jahren verwandelt die Maskenbildnerin Schauspieler in Filmfiguren. Gewinnen Sie zum Porträt im Filmmasken-Quiz (rechts) Kinotickets.

Maskenbildnerin Martine Felber 
in ihrem Atelier 
in Lausanne.
Maskenbildnerin Martine Felber 
in ihrem Atelier 
in Lausanne.

Sie hat schon mit allen gearbeitet, die in der Schweizer Filmszene Rang und Namen haben: Bruno Ganz, Géraldine Chaplin, Anatole Taubman, Mona Petri, Matthias Gnädinger, Thomas Imbach, Fredi M. Murer, um nur einige zu nennen. Aber noch nie hat sich Martine Felber (53) so sehr selbst im Fokus der Aufmerksamkeit gefunden wie jetzt gerade. Der Prix d’honneur, der ihr am Samstag an den Solothurner Filmtagen überreicht worden ist, katapultierte die Tochter von alt Bundesrat René Felber überraschend ins Zentrum des Medieninteresses. «Es ist ziemlich stressig, und, ehrlich gesagt, ist es mir auch eher unangenehm», sagt Felber. «Ich bin halt wirklich lieber hinter den Kulissen.»

Die Preisankündigung habe sie völlig unerwartet getroffen. «Es ist eine grosse Ehre für mich, aber man fragt sich natürlich sofort: Warum gerade ich? Warum nicht jemand anders, der genauso gute Arbeit leistet?» Der Prix d’honneur ist mit 10'000 Franken dotiert und wird jedes Jahr einer Person verliehen, die sich hinter den Kulissen für den Schweizer Film einsetzt. Martine Felber tut das bereits seit fast 30 Jahren.

Es ist das Handwerkliche, das Kreative und die Arbeit mit Menschen, die sie am Beruf der Maskenbildnerin reizen. Sie frisiert, sorgt für das Make-up der Darsteller und kreiert Spezialeffekte wie Wunden. Ihre Berufskarriere begann die Neuenburgerin mit einem Textildesignstudium in St. Gallen; zum Film fand sie nach einer Ausbildung zur Maskenbildnerin und Coiffeuse am Theater Comédie in Genf. Seit 1984 ist sie freiberuflich tätig und arbeitet von Auftrag zu Auftrag bei Film und Fernsehen, aber auch für Modeschauen oder Werbespots. Bis heute ist es so, dass es hektische Jahre mit vielen Jobs gibt, aber auch solche mit wenigen, wo es finanziell auch mal eng werden kann. «Der Markt in der Schweiz ist halt nicht so gross.» So ist sie häufig unterwegs, meistens zwischen Lausanne, wo sie mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Kindern wohnt, und Zürich, wo sie häufig im Einsatz steht.

Während der Arbeit wird sie zur Vertrauten der Schauspieler

Martine Felber liebt alles an ihrem Job: «Jedes Projekt ist neu und anders, es gibt keine Routine, und man muss immer wieder mit allen Beteiligten aushandeln, was die beste Lösung ist. Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung.» Am allermeisten Spass macht ihr das Entwickeln einer Maske, eines Looks.

Ein herausfordernder Auftrag: Für den Schweizer Thriller «Marmorera» kreierte sie 2007 eine verkohlte Leiche. (Bild: snakefilms GmbH)

Besonders in Erinnerung ist ihr der Thriller «Marmorera» (2007) von Markus Fischer. «Da musste ich zum Beispiel eine total verbrannte Leiche und viele Wunden kreieren, das war sehr aufwendig und hat grossen Spass gemacht.» Kreativ durfte sie auch bei Thomas Imbachs «Mary, Queen of Scots» (2013) sein, wo es galt, historische Kostüme und Frisuren möglichst akkurat und detailgetreu herzustellen.

Jedes Projekt ist anders und eine neue Herausforderung. Es gibt nie Routine.

Felber ist während Dreharbeiten jeden Tag auf dem Set und schminkt und frisiert die Darsteller, bevor sie vor die Kamera treten. «Heutzutage dauert der Dreh eines Kinofilms sechs bis neun Wochen, da entsteht eine besondere Bindung.» Oft werde sie zu einer Vertrauten für die Nöte und Klagen der Schauspieler. «Uns gegenüber sagen sie auch Dinge, die sie dem Regisseur lieber nicht erzählen.» Geht es um unbequeme Frisuren oder unangenehme Prothesen im Gesicht, versucht Felber Kompromisse zu finden, mit denen der Regisseur leben kann und die Darstellerin sich wohlfühlt. «Manchmal kann das schwierig sein. Es braucht auch psychologisches Geschick und Menschenkenntnis.»

Nervös sei sie nie gewesen, wenn sie einen grossen Star zum ersten Mal auf ihrem Stuhl hatte. «Das sind Menschen wie alle anderen auch.» Aber es gebe schon ab und zu Diven, die ein wenig anstrengend sein können. «Damit gut umzugehen, gehört zum Job.» Letztlich sei die Schweizer Filmszene aber so klein, dass sich ohnehin alle kennen. Wohl auch ein Grund, weshalb sie sich konkrete Beispiele nicht entlocken lässt.

Den Traum von Hollywood hat sie nie geträumt

Wobei Felber durchaus auch international im Einsatz steht. Entweder für Schweizer Produktionen, die im Ausland gedreht werden, oder wenn es Co-Produktionen mit anderen europäischen Ländern gibt. So kennt sie die Branche in Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien ziemlich gut und hatte auch schon Stars wie Ulrich Mühe (ein «Tatort» von 1996) oder Mathieu Almaric («L’amour est un crime parfait», 2013) bei sich in der Maske. Von Hollywood aber hat sie nie geträumt. «Das ist mir zu gross, dort sind Maskenbildner nur spezialisiert im Einsatz und machen nur einen kleinen Teil der Arbeit. Ich bevorzuge Filme, wo ich alles machen kann.»

Je nach Grösse des Projekts ist sie allein am Werk oder mit ein bis drei anderen. «Die grössten Herausforderungen sind Zeit und Geld. Fast immer hätte man gerne entweder mehr Zeit, um etwas Perfektes abzuliefern, oder würde gerne teurere Materialien einsetzen, damit es richtig gut aussieht. Oft beides», sagt sie und lacht. «Da muss man dann einfach das Beste draus machen.»

In den drei Jahrzehnten hat sich zudem filmtechnisch eine Menge verändert, an das Felber sich immer wieder neu anpassen musste. Als zum Beispiel mit HD und Blu-ray plötzlich alles im Fernsehen und auf der Leinwand gestochen scharf aussah, mussten das Make-up und die Spezialeffekte wesentlich subtiler werden. «Wir mussten neue Produkte und Arbeitsmethoden entwickeln. Ich besuche deshalb auch ständig Weiterbildungen und Workshops, um auf dem neusten Stand zu bleiben.»

Für die Zukunft erhofft sich Martine Felber weiterhin viele schöne, herausfordernde Projekte – zum Beispiel mal einen Fantasyfilm. «Solche Fantasiewelten zu gestalten, wäre sehr spannend. Aber es kommt, wie es kommt.»

Fotograf: Christophe Chammartin