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26. Mai 2015

Die Frau auf dem nächsten Badetuch

Am Eröffnungstag der Badi Dreilinden in St. Gallen treffen sie sich und verbringen danach drei Monate fast täglich nebeneinander – bis die Saison zu Ende geht. Vera Lutz und Elsa Sturzenegger kennen sich nur vom Badetuch. Lutz: «Das Privatleben sollte man nicht thematisieren.»

Badi­Freundinnen Elsa Sturzenegger (links) und Vera Lutz
Beim Stammplatz kennen sie keinen Spass: Die Badi­Freundinnen Elsa Sturzenegger (links) und Vera Lutz.

Einen Sommer lang liegen sie nur wenige Meter auseinander: «Ich sehe Vera immer, wenn ich ins Wasser steige», sagt Elsa Sturzenegger (77), «und dann schwatzen wir zusammen.» Beide gehören einer Gruppe von rund zehn Leuten an, welche die dreimonatige Badesaison im Familienbad Dreilinden oberhalb von St. Gallen verbringt. «Es sind immer die gleichen hier, darum ist es so lustig.» Die Liegeplätze sind seit über zehn Jahren dieselben, Stammplätze sozusagen. Notfalls verteidigen sie diese auch – «mittels useekle», präzisiert Sturzeneggers Partner. Um unnötige Schwierigkeiten mit anderen Badegästen zu vermeiden, halten sie sich gegenseitig die Plätze frei.

Vera Lutz (74) kommt um 9 Uhr morgens, Sturzenegger ein wenig später. Beide sind sich einig: «Am Morgen ist es am schönsten.» Die Tage verbringen sie mit Lesen, Schwimmen, Picknicken und Plaudern. Von Kindesbeinen an kommen sie hierher, doch der Kontakt zueinander begann erst mit ihren Pensionierungen vor gut zehn Jahren. Seit dann sind die ehemaligen Verkäuferinnen täglich in die Badi gegangen. Vera Lutz kam früher schon in ihren Mittagspausen zum Schwimmen, sie ist die Wasserratte der beiden. Heute schwimmt sie einen bis zweieinhalb Kilometer pro Tag. Die regelmässige Bewegung scheint sich positiv auszuwirken: Beide wirken deutlich jünger, als sie sind. «Wir sind die, die auch bei halbbatzigem Wetter in die Badi gehen», sagt Elsa Sturzenegger. «Sogar Nieselregen stehen wir durch», ergänzt ihre Badi-Nachbarin. Heimgehen gilt nicht, da müsste schon ein ganztägiges Unwetter anstehen. Bei kurzen Gewittern flüchten die beiden unters Garderobendach.

Wetter, Enten und Clique sind erlaubt
Das «Dreilinden» ist am Waldrand gelegen und bietet mit seinem Weiher chlorfreies Naturwasser an. Das schätzen die beiden. Sturzenegger und ihr Partner wohnen in der Nähe, Lutz kommt vom anderen Ende der Stadt. «Ah was? Det wohnsch du?», fragt Sturzenegger. In zehn Jahren hatten sie noch nie darüber geredet, wer wo lebt. «Das Privatleben sollte man nicht thematisieren», sagt Lutz: «Das ist schliesslich privat.» Elsa Sturzenegger nickt zustimmend. Themen ohne Tabu sind: Wetter, Enten oder Leute aus der Clique – zum Beispiel, wenn jemand fehlt. Das einzig Persönliche, über das sie reden, ist Sturzeneggers Partner: Den lernte sie in der Badi kennen, er gehört zur Gruppe.

Alle drei sind Dauergäste mit Kabine. Darin lagern sie Badehosen, Tücher, Liegestühle, Sonnenschirme und Prosecco – «für Fäschtli», erklärt Sturzenegger. Etwa bei Saisonstart und -ende. Letzteres feiern sie mit Sekt, Snacks und Grill. Dann kommt die Verabschiedung für neun Monate: «En guete Winter!», wünschen sie sich. «Man könnte eigentlich ausserhalb der Saison auch mal abmachen», sinniert Sturzenegger. Aber auch so ist es für beide in Ordnung – jede hat schliesslich ihr eigenes Leben. 

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Salvatore Vinci