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17. November 2014

Die fetten Jahre

Vorfreude vor der Explosion des Glücks
Die Vorfreude vor der Explosion des Glücks – aber wo ist das Snickers? (Bild: iStockPhoto)

Ich muss andauernd an den Snickers-Riegel in unserem Küchenschrank denken. Dort liegt er und raunt mir unanständige Sachen zu. «Nimm mich!» oder «Du willst es doch auch». – Er hat ja so recht. Die knackigen Erdnüsse, die Karamellmasse, die die Zahnzwischenräume verklebt, die Schokolade, das Wahnsinnsgefühl, wenn sich alle Zutaten mit Spucke vermischen. Ahhhhhhh!

Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die ihren Körper never ever mit so viel Kohlenhydraten und Dreck belasten würden. Schon klar. Sie hätten den Schokoriegel in dem Moment, in dem ihre Kinder ihn vom Halloween-Umzug mitgebracht hätten, entsorgt.

Oder sind Sie von Natur aus schlank und haben selten Appetit auf «Hochkalorisches»? Gratuliere! Wie schön für Sie. Ich kann nur hoffen, Sie gehören nicht zu den Leuten, die überall herumerzählen, dass die eigene gute Figur harte Arbeit sei, dass man sich keinesfalls gehen lassen dürfe, sonst würde man bald aussehen wie Beth Ditto. (Anmerkung am Rande: Diese Menschen sind mir besonders lieb und teuer: Gewehr, Abzug, Peng!)

Nein, alles Quatsch. Die Sache ist recht simpel: Die einen haben gute Gene, die anderen schlechte. Wobei alles eine Frage der Perspektive ist. Vor 30’000 Jahren wären meine Pölsterchen meine Lebensversicherung gewesen. Die Krieger meines Stammes hätten sich darum gerissen, mit mir unter das Bärenfell zu kriechen. Denn: Mein Körper hätte gesund und widerstandsfähig ausgesehen, ich wäre nicht vom ersten rauen Herbstwind weggeweht worden. Heute sieht die Sache etwas anders aus. Wer volle Kühlschränke und Heizungen statt Lagerfeuer hat, der sollte nicht alles, was ihm in die Finger kommt, essen. Scheiss-Gene!

Bei mir ging es angeblich schon im ersten Lebensjahr los. Meine Mutter sagt, der Milchschoppen habe mir nie gereicht. Sobald das Fläschchen leer war, orderte ich Nachschlag. Ich war das Kind, das nach dem Schnitzel auch noch Platz für ein Stück Kuchen hatte, das immer nach der Werbung im Fernsehen Hunger bekam. Wir kennen das von Hannibal Lecter, dem Kannibalen aus dem Thriller «Das Schweigen der Lämmer». Dort sagt er zur Polizistin Clarice: «Was man sieht, das begehrt man.» Irgendwie hat sich bis heute nichts daran geändert. Ich esse mit den Augen.

Neulich schrieb ein Wirtschaftsjournalist, die fetten Jahre seien nun vorbei. Von wegen! Ich bin mir fast sicher, die fetten Jahre kommen erst noch. Denn mit Ende 30 wird der Hunger noch grösser. Aber lassen wir das. Ich fühle mich – von kurzen Krisen abgesehen – eigentlich wohl in meiner Haut. Noch besser ginge es mir allerdings mit dem Snickers. Deswegen gehe ich jetzt mal zum Schrank. Und frage sogleich: «Weiss jemand, wo der Schokoriegel abgeblieben ist? »
Ida: «Ach, Mami, ich hatte so Lust auf ihn, er sah so fein aus, da habe ich ihn gegessen. Vorgestern. Nach dem Zmittag. »

Autor: Bettina Leinenbach