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29. September 2014

Die etwas andere Bank

Muttermilch ist das Beste für Babys, sagen Experten. Deshalb gibt es in sechs Schweizer Spitälern Frauenmilchbanken. Mütter, die mehr Milch haben, als ihr eigenes Baby braucht, können ihre Milch dort spenden. Christina Leuppi hat dies getan.

Milchbank
Pflegefachfrau Silvia Sigrist leitet die Frauenmilchbank im Luzerner Kinderspital. Sie hat immer 20 bis 30 Liter in Reserve.

Zwei Mal am Tag fährt Christina Leuppi mit dem Velo den Hünenberg in Luzern hinunter Richtung Luzerner Kantonsspital. Ihre wertvolle Fracht hat die 39-Jährige in einer Kühltasche im Velokorb verstaut: Muttermilch in Plastikfläschchen abgefüllt. Angekommen, wird ein Teil der Milch für ihren Sohn Colin bereitgestellt, der andere in einen Extragefrierschrank bei minus 20 Grad eingelagert. Hier, in der Milchküche des Kinderspitals des Luzerner Kantonsspitals, lagern literweise Frauenmilch, nach den höchsten hygienischen Standards aufbereitet.

Auch in den Städten St. Gallen, Aarau, Basel und Bern gibt es die Möglichkeit, überschüssige Milch zu spenden und über eine Frauenmilchbank anderen Babys zugutekommen zu lassen. In Luzern gibt es diese Einrichtung seit 1972. «Als Spenderinnen kommen Frauen infrage, die gesund sind und mehr Muttermilch haben, als ihr eigenes Baby braucht», erklärt Silvia Sigrist (49), Pflegefachfrau HF und Leiterin der Frauenmilchbank am Luzerner Kinderspital.

Christina Leuppis eigener Sohn bekam Milch von einer Spenderin

Christina Leuppis Sohn Colin kam am 1. März 2014 zur Welt, sechs Wochen vor Termin, 36 Zentimeter gross, kaum schwerer als ein Beutel Mehl. Anders als termingerecht Geborene durfte er kein Gewicht verlieren. Daher bekam er über eine Magensonde Milch einer Spenderin, bis zum vierten Lebenstag. «Dann setzte bei mir der Milcheinschuss ein», erinnert sich Christina Leuppi.

Bis heute ist es keiner Firma gelungen, Muttermilch künstlich herzustellen. Ihre Vorteile beruhen auf dem unnachahmbaren Wechselspiel zahlreicher Inhaltsstoffe wie Eiweisse, Enzyme, Antioxidantien und Fette. «Man hat festgestellt, dass Frühgeborene, die Muttermilch bekommen, weniger anfällig für nekrotische Darmentzündungen sind», sagt Silvia Sigrist. Die Pflegefachfrau unterscheidet dabei zwischen Milch der eigenen Mutter, die ideal auf das eigene Baby abgestimmt ist, und Milch einer fremden Frau.

«Muttermilch ist das Beste, Frauenmilch das Zweitbeste», sagt sie. Mit anderen Worten: Selbst gespendete Milch hat einen so positiven Effekt auf die Entwicklung von Frühchen, dass dies das aufwendige Verfahren rechtfertigt, das es braucht, um sie zu gewinnen.

Kostbare Fracht in der Kühltasche: Fünf Wochen lang brachte Christina Leuppi ihre Milch auf die Milchbank.
Kostbare Fracht in der Kühltasche: Fünf Wochen lang brachte Christina Leuppi ihre Milch auf die Milchbank.

So durchlaufen die Spenderinnen wie bei einer Blutspende ein strenges Aufnahmeverfahren. Sie müssen Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten, ihr Blut und nicht zuletzt ihre Muttermilch wird kontrolliert. Eine Raucherin scheidet ebenso aus wie eine Frau, die regelmässig Medikamente und Alkohol konsumiert. Ausschlusskriterien sind ebenfalls Tätowierungen, Piercings und Impfungen, die kurz vor der Mutterschaft gemacht wurden. Durch den Bluttest soll sichergestellt werden, dass die Spenderin nicht mit Hepatitis B und C oder dem HI-Virus infiziert ist.

Christina Leuppi hat all diese Hürden genommen. «Für mich war das keine Frage, ich wollte das zurückgeben, was mein eigenes Kind bekommen hat.» Zu dieser Zeit pumpte sie – schon zu Hause – Milch ab, während Colin noch im Spital überwacht wurde. Eine typische Situation für eine Spenderin, erklärt Silvia Sigrist das Verfahren. «Es soll den Frauen kein Mehraufwand entstehen. Sie pumpen sowieso ab. Und nur die Milch, die übrig bleibt, wird gespendet.»

116 Liter Frauenmilch wurden letztes Jahr in Luzern gespendet

Christina Leuppi bekam eine Spenderinnennummer und musste sich an hygienische Regeln halten: vor dem Abpumpen Hände waschen, das Pumpset ein Mal am Tag abkochen und die abgefüllte Milch bei 0 bis 4 Grad im Kühlschrank lagern. Zwei Mal täglich brachte sie ihre Milch ins Spital, fünf Wochen lang. Unentgeltlich. Wird die Milch nicht für ein Neugeborenes benötigt, lagern die Einwegschoppen drei Monate lang, bevor die Milch aufgetaut, untersucht und pasteurisiert wird. Anschliessend könnte sie, erneut eingefroren, weitere drei Monate aufbewahrt werden.

Allein im Jahr 2013 haben am Kinderspital des Luzerner Kantonsspitals auf diese Weise zehn Spenderinnen für 75 Kinder 116 Liter Milch gespendet. In der Regel sind es Babys, die vor der 32.  Schwangerschaftswoche mit einem Geburtsgewicht von unter anderthalb Kilo auf die Welt kommen. «Meist ist der Körper ihrer Mutter noch nicht parat, sie haben noch keine eigene Milch», weiss Silvia Sigrist. Haben sie ein Gewicht von zwei Kilogramm erreicht, brauchen sie die kostbare Frauenmilch nicht mehr.

Einen Vorrat von 20 bis 30 Litern hat die Milchbankleiterin immer in Reserve. Sollte dieser Vorrat zur Neige gehen, hilft eine der fünf Milchbanken in der Schweiz aus. Es besteht eine engmaschige Vernetzung, sagt die Pflegefachfrau.

Colin ist mittlerweile zu Hause. Seine Mama spendet nicht mehr, ist aber von der Seriosität dieses Angebots überzeugt und dankbar. Christina Leuppi: «Ich wusste immer, dass das Beste für seine Entwicklung getan wird.»

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: Tina Steinauer