Archiv
20. August 2012

«Die ersten deutschen Ärzte gehen wieder»

Patricia Manndorff ist eine der Hauptfiguren in einer «Dok»-Serie des Schweizer Fernsehens über Assistenzärzte. Die Chefärztin des Spitals Interlaken über deutsche Rückkehrer, verärgerte Patienten und die Krise mit dem Nachwuchs.

Patricia Manndorff
Patricia Manndorff ist sich sicher: Das Reservoir an deutsch sprechenden Ärzten ist am Versiegen.

Patricia Manndorff, das Leben und Leiden von Assistenzärzten kennt man aus TV-Serien. Entspricht das Bild der Realität?

Das weiss ich nicht, weil ich aus Zeitmangel keine TV-Serien schaue. Ich weiss aber, dass die Assistenzärzte von heute viel besser auf die Realität vorbereitet sind, als ich es zu meiner Zeit war.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Tag?

Und ob. Ich wurde einfach in den OP gestellt und sollte einen Patienten anästhesieren. Ohne Hilfe der hochkarätigen Fachanästhesiepflege wäre ich aufgeschmissen gewesen. Heutzutage ist das Studium mit vielen Praktika deutlich praxisorientierter. Assistenzärzte können schon als Einsteiger fachgerecht Patienten untersuchen und meist korrekte Diagnosen stellen.

Assistenzärzte sind Mangelware und Interlaken nicht der Nabel der medizinischen Welt. Wie kommen Sie an den Nachwuchs?

Ich habe das seltene Glück, dass ich unter den Besten auswählen kann. Anästhesieerfahrung gehört zur Basisausbildung für Notärzte. Wir arbeiten mit der Rega zusammen. Dort Einsatz zu leisten, ist sehr, sehr begehrt.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Anfänger ab Staatsexamen sind für diese Rotationsstelle nicht geeignet. Ich verlange ein, besser zwei Jahre Erfahrung in der Medizin oder der Chirurgie. Das ist Voraussetzung für den Einsatz bei der Rega. Und ich nehme niemanden, der sich selber überschätzt. Das kann zu gefährlichen Situationen führen.

Kosten Assistenzärzte oder rentieren sie?

Am Anfang sind sie eher defizitär, zumal die Ausbildung Ressourcen im Kader schluckt, weil immer ein Oberarzt anwesend sein muss. Ab Mitte der Ausbildung ist es eher ein Plusgeschäft für das Spital. Ein Mediziner hingegen, der an einer Universitätsklinik in einem hochspezialisierten Bereich seine Fachausbildung macht, kostet wahrscheinlich bis zum Abschluss mehr, als er einbringt.

Sind diese Kosten schuld am Ärztemangel?

Teuer ist das Studium. Primär muss man sich die Frage stellen, wie die Schweiz zu ihren Ärzten kommt. Da stellt man schnell fest, dass es viel zu wenige Studienplätze gibt. Im Moment schliessen pro Jahr bloss etwa 800 Mediziner ab.

Und wir bräuchten etwa 1000?

Wesentlich mehr, denn jährlich finden über 1000 ausländische Ärzte bei uns eine Stelle. Für mich ist es absolut unverständlich, warum man hier nicht die eigene Nachwuchselite, die eigene medizinische Jugend, fördert. Interessenten gibt es ja genügend. Etwa drei- bis viermal so viele, wie Studienplätze vorhanden sind.

In den letzten zehn Jahren wurden 15 Prozent mehr Studienplätze geschaffen.

Das reicht nicht. Es müssen mehr sein. Wahrscheinlich müssten neue Fakultäten an grossen Kantonsspitälern geschaffen werden, da die bestehenden ihr Angebot nicht beliebig ausweiten können. Der Ball liegt bei den Politikern. Sie müssen diesen Engpass, dieses Nadelöhr, öffnen. Und zwar dringend. Es kann auf Dauer nicht funktionieren, dass die Schweiz mehr Mediziner im Ausland rekrutiert, als sie selbst ausbildet.

Viele Patienten beklagen sich über die Überfremdung in der Medizin.

Warum soll das nicht gehen?

Das Reservoir an deutsch sprechenden Ärzten ist am Versiegen. Die Anstellungsbedingungen in Deutschland haben sich massiv verbessert. Die ersten gehen bereits wieder zurück. In Österreich zeichnet sich ebenfalls ein Ärztemangel ab. Man wird auch dort die Konditionen verbessern, um die für teures Geld ausgebildeten Mediziner zu binden. Zwar ist das Reservoir in anderen Nationen aufgrund der Preisdifferenz voll. Aber es stellt sich ein enormes sprachliches und zuweilen qualitatives Problem, wenn Ärzte aus Osteuropa oder Übersee in die Schweiz kommen. Man sieht es bereits in der Westschweiz. Dort melden sich viele aus Nordafrika. Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich.

Trotz Bürokratie und starker Ökonomisierung des Klinikalltags: Patricia Manndorff liebt ihren Beruf.
Trotz Bürokratie und starker Ökonomisierung des Klinikalltags: Patricia Manndorff liebt ihren Beruf.

Warum haben Gesundheitspolitiker und Universitäten nicht längst reagiert?

Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiss, dass bis Mitte der 90er-Jahre eine Ärzteschwemme prognostiziert wurde. Gleichzeitig explodierten die Gesundheitskosten. Man versuchte, das Problem und die Kosten mit dem Numerus Clausus, also einer künstlichen Barriere, in den Griff zu bekommen. Sie funktionierte. Zeitgleich stieg aber der Bedarf an Ärzten wegen rapider Überalterung der Bevölkerung und der immer grösseren Komplexität der Medizin.

Reagierte man damals überstürzt?

Nun, es gab Ansätze zu einer Ärzteschwemme. Aber rückblickend war es ein Irrtum.

Und warum riss niemand das Steuer herum, als sich der Irrtum abzeichnete?

Das kann ich nicht beantworten. Ich vermute, es war finanziell lukrativ, die teure Ausbildung von Ärzten anderen Ländern zu überlassen — und es hat bis heute ja sehr gut funktioniert.

Allerdings auch mit Folgen.

Bei der Bevölkerung kam das nicht allzu gut an. Viele Patienten beklagen sich erheblich über die Überfremdung in der Medizin — und ich verstehe das gut. Wenn ich mir vorstelle, in Deutschland wäre die gleiche Situation, könnte ich auch kein Verständnis dafür aufbringen.

Patienten wollen Schweizerdeutsch sprechende Ärzte?

Natürlich, viel lieber. Wirklich schlimm wird es, wenn ausländische Ärzte nicht einmal mehr deutsch sprechen.

Wie viel kostet die Ausbildung eines Humanmediziners die öffentliche Hand?

Laut Bundesamt für Gesundheit sind es bis zum Abschluss als Facharzt bis 1,2 Millionen Franken. Allein das Studium kostet etwa 720'000 Franken. Aber die Investition ist notwendig. Bereits heute sind 40 Prozent der Hausärzte über 57 Jahre alt. Der Bedarf ist gross.

Tickt da eine Zeitbombe?

Das kann man so sagen, auf jeden Fall. Man kann sie nur entschärfen, indem man endlich anfängt, die in der Schweiz benötigten Ärzte auch in der Schweiz auszubilden. Mir tut es weh, dass dem nicht so ist. Der eigenen Jugend wird der Zutritt zu diesem Beruf verwehrt. Die Schweiz vergibt die hochkarätigen Posten an Ausländer. Das ist eine herbe Sache. Im Moment gibt es tatsächlich keine Alternative. Aber das Problem ist hausgemacht.

Die Schweiz vergibt die hochkarätigen Posten an Ausländer.

Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?

Ein normaler Arbeitstag hat selten unter elf Stunden. Dazu kommen die Nacht- und Wochenendbereitschaftsdienste. Bis zu 80 Arbeitsstunden pro Woche sind eher die Regel als die Ausnahme.

Steht darum ein Bett in Ihrem Büro?

Wenn im OP alles gut läuft und ich in einer Nacht wirklich sehr müde bin, lege ich mich manchmal kurz hin.

Sind diese Arbeitszeiten mitverantwortlich für den Ärztemangel?

Die Wochenarbeitszeit von Assistenz- und Oberärzten ist gesetzlich auf 50 Stunden beschränkt. Die Zeiten haben sich auch in diesem Punkt wesentlich geändert. Die neue Generation legt mehr Wert auf die Work-Life-Balance. Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird noch mehr ein Thema, denn rund 60 Prozent der Studienabgänger in der Medizin sind heute weiblich — und im besten gebärfähigen Alter. Da ist abzusehen, dass viele Frauen Teilzeit arbeiten müssen. Auf dieses Szenario sind wir nur mangelhaft vorbereitet. Wir brauchen also noch mehr Köpfe, um die Stellen zu besetzen.

Wie machen Sie das mit Ihren drei Kindern?

Die sind mittlerweile zwischen 19 und 23 Jahre alt. In meiner eigenen Assistenzzeit, in den 90er-Jahren in Deutschland, hatte ich einen sehr fortschrittlichen Chef, der auch drei Kinder hatte — und eine Ehefrau, die Intensivschwester war. Ab und zu fuhr sie in die Ferien und überliess ihm die Kinder. Er wusste also, was das bedeutet. Eigentlich wollte ich in die Chirurgie, aber der Chef dort sagte zu mir: «Doktorin, wenn du Kinder hast, gehörst du an den Herd, das ist mit der Chirurgie nicht vereinbar.»

Tat diese Zwangswahl weh?

Im OP blickte ich früher wehmütig übers Tuch zu den Chirurgen. Heute bin ich glücklich mit meiner Wahl, denn mein Fach ist interdisziplinär. Wir bekommen von anderen Abteilungen alles mit und lernen an deren Problemen. In der Anästhesie konnte ich im Job-Sharing meine Ausbildung machen. Das war auch für das Spital ein Gewinn: Wenn wir uns um die Mittagszeit ablösten, zählte niemand die Minuten.

Jetzt sind Sie selber in der Position, Ärztinnen genau das zu ermöglichen. Tun Sie es auch?

Von den sechs leitenden Ärzten in der Anästhesie — zwei davon Frauen — arbeitet keiner 100 Prozent. Das hat etwas ungeheuer Praktisches: Wenn irgendwo eine Lücke entsteht, sind die Teilzeiter bereit, kurzfristig ihre Pensen etwas zu erhöhen. Wenn jemand ausfällt, bin ich also viel weniger darauf angewiesen, jemanden von extern einzukaufen. Wir können Lücken wunderbar hausintern ausbalancieren.

Müssen Sie das gegenüber Ihren Chefs rechtfertigen?

Nein, da habe ich relativ freie Hand, man sieht den Vorteil. Problematisch ist Teilzeit bei den Assistenzärzten. Deren Weg zum Facharzt dauert sechs Jahre. In Teilzeit könnte er bis zwölf Jahre dauern. Da müssen wir uns etwas einfallen lassen.

Ihre Tochter studiert Medizin in Bern. Haben Sie ihr davon abgeraten?

Nein, ich liebe diesen Beruf. Ich stehe jeden Morgen gerne auf, um zur Arbeit zu gehen. Aber die Bedingungen sind zunehmend härter. Und mit dem ausufernden bürokratischen Gerangel auch frustrierender. Die Ökonomisierung des Klinikalltags hat ein Mass erreicht, das für uns Ärzte kaum mehr verkraftbar ist. Ein Spital wird nur noch als Produktionsbetrieb gesehen. Wirtschaftlichkeit und positive Bilanz sind die Schlagworte. Wenn es so weitergeht, gibt es statt Patienten bloss noch Kunden, Leistung kaufende Kunden. Dagegen wehren wir uns. Es führt sonst weit weg von den Beweggründen, warum jemand Medizin studiert. Das finde ich sehr schade.

Die «Dok»-Serie «Assistenzärzte – Zeit der Bewährung» startet am Freitag, 24. August 2012, um 21 Uhr auf SF 1

Autor: Reto Wild, Ruth Brüderlin

Fotograf: Marco Zanoni