Archiv
11. Mai 2015

Die Erbschaftssteuer mit Ost-West-Gefälle

Wie hoch besteuern andere Staaten Erben? Vergleicht man die unterschiedlichen Steuerregeln in Europa, stechen die vorteilhaften Bedingungen im ehemaligen Ostblock heraus, fast einheitliche Sätze im Norden und grosse Unterschiede mit Rekorden im Westen. Einige Staaten schafften die Steuer seit 2000 ab. Rechts Jacqueline Badran und Philipp Müller zur Abstimmung vom 14. Juni («Das Duell zur Erbschaftssteuer»).

Eines vorweg: Die Schweiz steht in einem grösseren Vergleich der «Wiener Zeitung» von Ende 2013 in Sachen Erbschaftssteuer weder als Steuerhölle noch als -paradies da. Dafür wohl als Co-Rekordhalterin in Sachen Binnenunterschiede, erheben doch bisher die Kantone eigenständig Erbschafts- wie auch ein paar andere Steuern. Die Mehrheit tut es. Ein einziges europäisches Land lässt seinen Regionen ähnlich viel Freiraum bei der Bemessung von Erbschaftssteuern: In Spanien kennt eine knappe Mehrheit von 9 (der 17) Regionen die Steuer, in den anderen wird das Fehlen jedoch teilweise mit entsprechend höheren Wertsteigerungssteuern auf Grundstücke kompensiert.

Damit wäre man bei der wichtigsten Einschränkung eines internationalen Vergleichs der Erbschaftsbesteuerung: Lässt man andere Steuer- und Abgabesysteme beiseite, entsteht schnell ein unvollständiges Bild der Steuerbelastung. Bei Haus- und Grundstückeigentümern müssten oft Grundstück-Gewinnsteuern bei Besitzerwechseln in die Gesamtbetrachtung mit einfliessen, bei familieneigenen Klein- oder mittelgrossen Unternehmen die entsprechenden Belastungen.
Dennoch lässt der unten stehende Vergleich Schlüsse über einen Grossteil der Sonderlasten für Erben zu. Und vor allem zeigt er auch, welchen symbolischen Stellenwert die jeweiligen Länder der Weitergabe von Eigentum von Generation zu Generation zumessen. Österreich brach das Gedankenspiel einer Wiedereinführung der 2008 erst abgeschafften Erbschaftssteuer nach einer kurzen Gesamtschau vor über einem Jahr sogleich wieder ab. Es ist bis heute der einzige Schweizer Nachbar ohne spezielle Belastungen für Erbende.

Nachholbedarf in früher kommunistischen Ländern?
Umso amüsanter, dass ausgerechnet Teile des früheren Ostblocks mehrheitlich keine Erbschaftssteuer kennen. Wichtige Ausnahmen bilden die Tschechische Republik und die Slowakei. Russland schaffte die gesonderte Besteuerung von Erbschaften 2007 gänzlich ab. Zeigen die ehemals kommunistischen Nationen in Sachen Aufbau privater Vermögen einen derart grossen Nachholbedarf, dass sie das Erben trotz sonst teils hoher Steuersätze nicht gesondert belasten?
Weiter fällt auf, dass eine Mehrheit der nordeuropäischen Länder beinahe kompakt mittelhohe Steuersätze kennt, mit dem Ausreisser Dänemark. Die höchsten Steuersätze auf Erbschaften gibt es Richtung Westeuropa, mit Frankreich als Nummer 1, und der nicht besteuernden Ausnahme Portugal.
Und die USA? Weitet man den Blick über Europa zur ersten Wirtschaftsnation und dem führenden Wirtschaftsmotor weltweit, so verzeichnen die USA je nach Höhe des Erbes für nahe Verwandte mit mindestens 18% eine sehr hohe, für entfernte Verwandte mit maximal 35% eine dem Durchschnitt nähere Steuerhöhe.

Trend geht Richtung Abschaffung
Aus wirtschaftlichen Gründen - weil man vermögende Ausländer anziehen möchte - wie zuletzt in Rumänien (2011) und in Portugal (2003) oder darüber hinaus auch zur Verbesserung der Steuergerechtigkeit wie in Schweden (2004) oder Österreich: In Europa geht der nationale Trend seit der Jahrtausendwende eher in Richtung Abschaffung von Sondersteuern bei Erbschaften. Demgegenüber diskutierte die EU zuletzt mehrmals über erste Schritte zur Vereinheitlichung von Erbschaftssteuen, um diesbezüglich Wettbewerb zwischen den Staaten einzudämmen oder mindestens zu kontrollieren. Bisher allerdings ohne konkrete Übereinstimmungen und Beschlüsse.

ERBSCHAFTSSTEUER IM EUROPÄISCHEN VERGLEICH (%)

Erbschaftssteuer im europäischen Vergleich
Erbschaftssteuer im europäischen Vergleich

Autor: Reto Meisser