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10. Dezember 2012

Die Emmentalerin

Wer Emmental hört, denkt im Rest der Schweiz zuerst an Käse. Dass es dort mehr zu entdecken gibt als Löcher im Käse, Kühe und Hügel, beweist die Verlegerin, Autorin und Bloggerin Verena Zürcher.

Verena Zürcher
Verena Zürcher blickt von der 
Gartegg auf das Dorf Langnau: 
Inmitten der 
Natur zu wohnen, helfe ihr, ihre 
Ruhelosigkeit 
zu kanalisieren, sagt sie.

Die besten zehn Tipps von Verena Zürcher, um ihre Heimat Emmental kennenzulernen: Auf ins Emmental!

Verena Zürcher (45) sitzt mit lang ausgestreckten Beinen auf einer Bank, den Rücken an die verwitterte Holzwand ihres 250-jährigen «Heimetli» in Langnau im Emmental gelehnt, nimmt einen Schluck aus der dampfenden Kaffeetasse und blinzelt in die Herbstsonne. Sie wirkt sehr entspannt, als ob sie alle Musse der Welt hätte. Gemütlich, wie die Berner eben sind, denkt man.

Das 250-jährige Heimetli, in dem Verena Zürcher lebt, ist zugleich Verlagshaus und Redaktionsstube.
Das 250-jährige Heimetli, in dem Verena Zürcher lebt, ist zugleich Verlagshaus und Redaktionsstube.

Doch der Schein trügt. Verena Zürcher ist alles andere als langsam oder behäbig. Ihr Lieblingswort ist «hurti», rasch, und sie spricht zwar gmögigen Berner Dialekt, das aber schnell. «Tausend Zwerge» habe sie im Kopf, «die alle sitzen möchten, aber es hat nur einen Stuhl»: So hat sie ihren üblichen Gemütszustand einmal in einem Interview beschrieben. Jetzt sagt sie: «Inmitten der Natur wohnen zu dürfen, hilft enorm, die Ruhelosigkeit zu kanalisieren.» Und auch das Emmental erhält etwas von der Ruhelosen zurück, denn über die hügelige Region zwischen Schangnau und dem Kanton Solothurn, das Tal der Emme und seine Seitenarme, die Menschen, die Weiler und die Bräuche weiss Verena Zürcher nahezu alles, und sie macht es auf charmante Art und Weise bekannt — mit Büchern, Kolumnen, einem Blog und einem Magazin.

Zu dumm für eine Floristenlehre – so wurde sie halt Lehrerin

Verena Zürcher, aufgewachsen als jüngstes von zehn Kindern auf einem Bauernhof im verschlafenen Dörfchen Trub im Oberemmental, wollte ja eigentlich Floristin werden. Doch der Lehrer sagte, sie sei zu dumm, um sich die lateinischen Namen der Pflanzen zu merken. «Also wurde ich selber Lehrerin», sagt sie und schmunzelt. Nach ein paar Jahren als Primarlehrerin in Trub ging Verena Zürcher auf Reisen und wurde Journalistin bei verschiedenen Zeitungen, unter anderem beim «Blick» und als Freischaffende beim «Beobachter». «Aber irgendwie kreiste ich immer ums Emmental», erinnert sie sich. Den Entscheid, in Langnau einen Kleinverlag zu gründen, fällte sie vor fünf Jahren aus dem Bauch heraus, ohne Businessplan, dafür mit viel Motivation. «Wenn ich etwas im Grind habe, dann muss ich es einfach umsetzen», sagt Verena Zürcher, «ich finde es ganz grundsätzlich gut, wenn man etwas probiert, etwas wagt.»

Maultier Pasqua ist Langzeitferiengast und Reiten die neuste grosse Leidenschaft der Familie.
Maultier Pasqua ist Langzeitferiengast und Reiten die neuste grosse Leidenschaft der Familie.

Das Wagnis «Landverlag» hat Erfolg. Gleich mit einem der ersten Bücher, den «Emmentaler Mordsgeschichten», traf die Jungverlegerin ins Schwarze — die gut lesbaren, stimmungsvollen Kurzkrimis von unterschiedlichen Autoren fanden reissenden Absatz und schafften es sogar auf Platz elf der Schweizer Bestsellerliste. Das finanzielle Risiko minimiert Verena Zürcher, indem sie die Autoren erst dann auszahlt, wenn das Buch in den schwarzen Zahlen ist. Dafür erhalten sie statt der üblichen paar Prozent die Hälfte des Gewinns. Vor Kurzem ist der dritte Band «Noch mehr Mordsgeschichten aus dem Emmental» erschienen — weil die Leserinnen und Leser nicht aufhörten, Nachschub zu fordern. «Das Emmental hat etwas Mystisches», findet Verena Zürcher, und sieht mit den Nebeln zwischen den Hügeln und den abgelegenen Höfen einen idealen Nährboden für gruselige Geschichten.

Hinterwäldler und Ewiggestrige gibt es im Emmental genauso viele wie überall.

Gut verkauft sich auch das Magazin «Lebenslust Emmental», und zwar an Zürcher Kiosken genauso wie bei den einheimischen Abonnenten. In «Lebenslust Emmental», lanciert vor knapp drei Jahren, geht es um altes und modernes Handwerk, Gartentipps, Heilkunde, Handarbeiten und Porträts. Verena Zürcher ist Chefredaktorin, Texterin, Vertriebsleiterin, Aboverwalterin und Inserateverkäuferin in Personalunion, das Büro dazu liegt in ihrem Häuschen, fünf Schritte von der Wohnküche entfernt.

Einmal im Jahr ans Meer in die Ferien

Dass sie von ihrem leicht chaotischen, aber gemütlichen Zuhause aus arbeiten kann, ist wichtig für Verena Zürcher, denn sie ist nicht nur Geschäftsfrau, sondern «eigentlich in erster Linie Mutter»: Mit ihr lebt der siebenjährige Sohn Hannes. Sein Vater ist mit Telefonanrufen und Besuchen präsent und unterstützt die alleinerziehende Mutter moralisch und finanziell.

Auch Verena Zürchers Sohn Johannes ist gerne als Cowboy unterwegs.
Auch Verena Zürchers Sohn Johannes ist gerne als Cowboy unterwegs.

Sie sei froh um diesen Support, denn unerschöpfliche Energie habe sie nicht, auch wenn es vielleicht so aussehe. «Ich gehe oft gleichzeitig mit Hannes ins Bett», sagt sie. Dafür stehe sie um fünf wieder auf, heize den gusseisernen Ofen ein und füttere «hurti» die Hühner. Zum Emmentaler Landleben gehören nämlich auch sechs Hühner, ein Güggel, Hund Flex, zwei Zwergziegen, zwei Zwergschafe, drei Katzen, zwei Meersäuli und zwei Maultiere. Zweitklässler Hannes reitet regelmässig auf ihnen und führt sie spazieren. «Sie sind halb Ross, halb Esel», erklärt der Blondschopf ernsthaft, um dann schelmisch schmunzelnd zu ergänzen: «Aber das heisst nicht, dass sie halbiert wurden!»

Bei Zürchers macht man ganz allgemein keine halben Sachen. Bei all ihren Emmental-Projekten ist Verena Zürcher mit ganzem Herzen dabei. Denn sie liebt die Gegend voller Tradition und Charakter. «Hinterwäldler und Ewiggestrige gibt es im Emmental genauso viele wie überall», meint sie. «Ich habe hier auf den abgelegensten Höfen schon viele unglaublich weltoffene und geistig bewegliche Menschen getroffen.»

Hat sie bereits eine neue Idee? «Ich kann heute sagen, ich habe keine, und morgen habe ich eine», sagt sie. Eines sei aber sicher: «Solange es bleibt, wie es ist, und mir einmal im Jahr jemand die Viecher hütet, damit ich ans Meer reisen kann, ist alles perfekt.»

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Ruben Wyttenbach