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03. Februar 2014

Die Ehekiller

Pfarrer Jaroslaw Duda (porträtiert im Migros-Magazin Nr. 6/2014) bindet mit Ritualen und Beratung Partner enger aneinander. Doch gegen welche Gefahren gilt es die Ehe besonders zu schützen? Die grössten Scheidungsrisiken im Überblick – und welchen Einfluss einige Berufe auf das Eheglück haben.

Wenn die Liebe Streit oder Langeweile gewichen ist
Wenn die Liebe dem Streit oder der Langeweile gewichen ist: Was war bei ihnen der Grund? (Bild Getty Images)

Neu ist die Erkenntnis nicht, Scheiden ist in Mode. Zwar hat in den letzten Jahren in etlichen Regionen die Anzahl Neugeborener zugenommen (klar, dafür brauchts längst keine Heirat mehr), in einigen auch die der Paare, die einander «Ja, ich will» zuhauchen. Doch auf der anderen Seite heisst es eben auch immer öfter: «Ja, ich will … mich scheiden lassen». Die Rate der Scheidungen erreicht in der Schweiz bald 9 Fälle auf 20. Die Gründe sind vielfältig, bei Befragungen im deutschsprachigen Raum, zuletzt einer in Österreich, kristallisieren sich dennoch einige Ursachen häufiger heraus.
DIE TOP TEN

1. Die Sinnfalle
Bringt ein(e) Verheiratete(r) die Sinnfrage der Ehe auf den Tisch, ist es meist schon vorbei mit der Liebe. Die Trennung rückt in Siebenmeilenstiefeln näher. Denn letztlich steht hinter der Frage ‚Welchen Sinn macht die Ehe?‘ gar nicht die tiefere Suche nach der Art einer Beziehung, verschwiegen wird nämlich am Ende das Wort: noch.
Anders gesagt: Was bleibt denn noch, wenn die Liebe gegangen ist? Und darauf gibts selten eine andere überzeugende Antwort als die Trennung.
2. Die Veränderungsfalle
Zugegeben, manchmal ist ein Satz wie «Wir haben uns auseinandergelebt» auch eine bequeme Floskel, die andere Probleme versteckt. Häufig stimmt sie aber auch einfach. Die Beziehung hat sich verändert, weil eben eine Person oder gar beide sich stark verändert haben. Jemand entwickelt nervige Unarten oder Marotten – oder verliert alte, die das Gegenüber mochte.

3. Die Ego-Falle
Auch weit vorne unter den oft genannten Trennungsgründen steht beim einen oder anderen die wachsende Tendenz, eigene Bedürfnisse im Vergleich zu jenen des Ehepartners immer stärker in den Vordergrund zu rücken. Gerade rasant an Bedeutung gewinnende Hobbys tönen zuerst harmlos, doch irgendwann fehlt die nötige Freizeit, die Beziehung zu leben (oder weiter zu entwickeln).
4. Die Schweigefalle
Letztlich verwandt mit Punkt 3, doch tritt dieses Phänomen auch auf, wenn Paare durchaus noch Zeit miteinander verbringen, sich jedoch kaum mehr etwas zu sagen haben. Vielleicht reizen sie sich nicht mehr, vergewissern sich nicht mehr gewisser Gemeinsamkeiten, tragen aber auch keine Differenzen mehr aus. Und was geschieht mit Meinungsverschiedenheiten, die nicht mehr aufs Tapet kommen? Sie werden gewiss nicht kleiner.
5. Die Sexfalle
Auch ein immer wieder auftauchender Scheidungsgrund. Wird der Sex als Ehekiller ins Feld geführt, kann dies natürlich Grundverschiedenes bedeuten: Entweder ist jegliche Lust in Bezug zum Partner am Erlöschen oder schon erloschen – oder man wünschte sich einen ganz anderen Sex, findet aber keinen Weg, einen Schritt in diese Richtung zu gehen.
6. Die Haushaltsfalle
Ein verbreiteter Ehekiller ist auch ein grosses Gefälle zwischen den Partnern im Erledigen von Haushaltsarbeit. Speziell bei Familien mit Kindern, wegen derer immer mehr Eltern Teilzeit arbeiten, meistert noch immer eine Person den Löwenanteil der Aufgaben. Meistens die Frau. Über längere Zeit führt dies zu Spannungen oder einem schleichenden Erkalten der Beziehung. Auch starke Ungleichgewichte in der Erwerbsarbeit können zu Problemen führen, wenn die Situation von beiden Seiten ganz unterschiedlich wahrgenommen wird.
7. Die Geldfalle
Der schnöde Mammon? Tatsächlich sind das Ehebudget und die Entscheide respektive die Verwaltung der Ausgaben ein häufig genanntes Scheidungsrisiko. Dabei gehts keineswegs bloss um prekäre Verhältnisse, bei denen das Geld nirgends hinreicht und jedes allein getrunkene Bier aufs Tapet kommt. Genauso oft kommt es zu Streit bei grosszügigen Budgets, von denen eine Seite in ihrer Wahrnehmung kaum was abkriegt.
8. Die Kinderfalle
Der Umgang mit Kindern taucht leider ebenfalls oft auf unter den Hauptgründen, an denen eine Ehebeziehung zerbrechen kann. Fast immer aufgrund ungeklärter und unterschiedlicher Auffassungen – jedoch in zwei ganz anderen Stadien der Familienbildung: Die Partner haben völlig unterschiedliche Ideen von Erziehung, und diskutiert wird erst, wenn der Nachwuchs da ist. Oder weit früher: Der Kinderwunsch wird beim einen Ehepartner immer drängender, beim anderen jedoch nicht. Und lange glaubte man, das Thema regle sich dann irgendwie von selbst, sollte es aktuell werden. Tut es aber in der Regel nicht.
9. Die Betrugsfalle
Klar, Fremdgehen ist eine der zehn häufigsten Ursachen für das Ende einer Ehe. Weit weniger klar ist, weshalb. Bei den einen reicht allein der Gedanke an den (erfolgten) Seitensprung des Partners für einen irreparablen Beziehungsschaden. Bei anderen ist es eher die Tatsache, dass die/der andere etwas Neues sucht, weil sie/er mit der Beziehung wohl nicht mehr glücklich ist. Den dritten geht es um das Vertrauen, weil eine andere beginnende Beziehung oder Seitensprünge zumeist verschwiegen werden.
Kurz: Der Sprengstoff beim ‚Fremdgehen‘ liegt oft nicht so sehr in der Nähe zu jemand Drittem, sondern in der aufkommenden Fremdheit zwischen den Eheleuten.
10. Die Streitfalle
Sicher werden heutzutage Differenzen eher offen auf den Tisch gelegt, auch ausgefochten. Schliesslich predigen dies viele Psychologen und Lifestyleberater. Trotz der beschworenen Streitkultur schaffen es aber nach Umfragen viele Paare nach einer gewissen Zeit nicht mehr, den Streit produktiv anzugehen oder schlicht den Schaden in Form von Provokation bis hin zur Beleidigung im Rahmen zu halten. In einigen Fällen geht esgar bis zur wiederholten physischen Gewaltanwendung.
BERUFE: Viel Kundenkontakt, Kreativität … oder Fliessband
Auffällig ist auch, dass neben dem Umgang zwischen den Ehepartnern auch die Berufswelt einen Einfluss auf die Beziehungsgestaltung hat, manchmal gar mitschuldig ist am Zerbrechen. Klassisch die Fälle, bei denen jemand sich im Beruf nicht mehr sinnvoll beschäftigt sieht, unter stetig zunehmendem Stress steht, gar Mobbing oder eine schwer verdaubare Entlassung aufs Gemüt schlägt. Dies kann das Leben zu Hause und in der Freizeit schwer belasten.
Interessant aber auch, dass die österreichische Befragung einige Berufe ans Tageslicht gebracht hat, die ein weit höheres Scheidungsrisiko aufweisen als andere. Dabei stechen zwei Gattungen ins Auge: Das wären erstens Jobs mit sehr viel und vielfältigem Kundenkontakt (wenig überraschend) wie Call-Center-Agenten und Telefonverkäufer, Barkeeper und Kellner, Hotellerieangestellte (Concierge oder Gepäckträger zuvorderst), Spielcasinomitarbeiter (Croupiers!) sowie … Masseure. Weiter auch Arbeitende in klassischen Pflegeberufen oder der Psychologie. Zweitens in der Öffentlichkeit exponierte Leute wie Sportler und Künstler – die Nummer 1 für das höchste Scheidungsrisiko der Erhebung sicherte sich der Tänzer und Choreograf. Und drittens klassische, oft auf der unteren sozialen Stufe angesiedelte Handwerks- und Reinigungsberufe.

Autor: Reto Meisser