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07. September 2015

Die DS von Citroën schwebt noch immer

Das legendäre DS-Modell von Citroën wird 60 Jahre alt. La Déesse war ihrer Zeit punkto Design und Technik weit voraus und hat bis heute nichts von ihrem Charme verloren. Fünf Fans zeigen ihre geliebte Göttin – und rechts unten lässt sich eine Fahrt in einer DS gewinnen.

Beat und Elisabeth Bühler sind in einer Rarität unterwegs.
Beat und Elisabeth Bühler sind in einer Rarität unterwegs.

Der Weg zur Ikone ist meist ein langer. Das DS-Modell von Citroën hingegen war praktisch schon bei der Lancierung eine Legende. Am Morgen des 8. Oktobers 1955 wurde die Déesse am Pariser Autosalon enthüllt, 45 Minuten später waren 750 Stück verkauft, abends waren es 12 000 – und bis zum Ende des Salons beinahe 80 000.

Der Höhenverstellhebel für mehr oder weniger Bodenfreiheit.
Der Höhenverstellhebel für mehr oder weniger Bodenfreiheit.

Die DS bot bahnbrechende Neuerungen: ein hydraulisches System für Kupplung, Schaltung, Steuerrad und Bremspedal. Heute Standard, damals eine Sensation und bis heute einzigartig. Und dann war da natürlich noch die Federung, die auf derselben Technik beruhte, aber noch heute einzig von der französischen Automarke mit dem Doppelwinkel im Logo eingesetzt wird. Die Luftfederung mit der automatischen Niveauregulierung liess das Automobil über Schlaglöcher und Bodenwellen schweben. Sie bescherte ihm nicht nur den Kosenamen Sänfte, sondern machte auch den Radwechsel ohne Wagenheber möglich. Und rettete vielleicht sogar ein wichtiges Leben: Im August 1962 schossen Attentäter auf die Limousine von Charles de Gaulle. Zwei Reifen gingen platt, aber die Federung kompensierte den Schaden – und der Chauffeur konnte den Staats­präsidenten trotz des Defekts in Sicherheit bringen.

Futuristisch bis heute

Neben der Funktion erregte auch die Form viel Aufmerksamkeit: Das windschnittige Design war unkonventionell und geht bis heute als futuristisch durch. Oder wie sonst liesse sich erklären, dass die DS zahlreiche Rollen in Science-Fiction-­Streifen erhielt – wie etwa als schwebendes Taxi im Blockbuster «Zurück in die Zukunft II» (1989)?

Ein Auto mit Sinn für Schönheit
Ein Auto mit Sinn für Schönheit.

Nicht zuletzt ist da noch der geniale Name, der beinahe zufällig entstand. Die frühen Prototypen der DS liefen im Citroën-Werk unter «D1», «D2» und so weiter. Der Legende nach soll jemand mal ein Plural-S ­angehängt haben – was klanglich identisch ist mit Déesse (französisch für Göttin).

Heute kann man sich keinen passenderen Namen für dieses Auto vorstellen, das bis 1975 produziert und in verschiedenen Versionen rund eineinhalb Millionen Mal verkauft wurde.

Die Sympathieträgerin

Eugen Fricker mit seiner DS 20 Pallas.
Eugen Fricker mit seiner DS 20 Pallas.

«Mit einer DS fährt man nicht, man schwebt», beschreibt Eugen Fricker (52) das himmlische Fahrgefühl im legendären Citroën-Modell DS 20 Pallas, Baujahr 1972. Das liege nicht nur an der komfortablen Luftfederung, sondern auch an der Form. «Da gibt es nichts Eckiges, alles ist rund und weich, in perfekter Harmonie.» Um ein Beispiel zu nennen: Der Teppichboden seiner Pallas sei mit einer vier Zentimeter dicken Schaumstoffschicht unterlegt. Ein Auto, in dem man sich im Strassenverkehr so sicher fühle wie auf dem Ohrensessel im Wohnzimmer.

Form und Funktion in Perfektion.

Form und Funktion in Perfektion.

Etwa zehn Mal im Jahr besucht Eugen Fricker ein Oldtimertreffen, wobei er auch offen für andere Marken ist: «Ich finde es faszinierend, wie man früher noch Sinn für Schönheit hatte.» Heute müsse alles zweckmässig oder der Norm entsprechend sein. «Zierleisten, um eine Linie zu betonen, oder ein Blinker am Ende einer Flucht: So was findet man in der Regel nur noch an alten Autos.» Toll findet das Vorstandsmitglied des DS Club Suisse auch, wie er mit seinem Auto auf der Strasse wahrgenommen wird: «Die DS ist ein Sympathieträger, die Leute winken und lächeln.» Früher sei das für seine Zeit unglaublich innovative Franzosenauto in der Schweiz weit verbreitet gewesen, viele hätten Kindheitserinnerungen, wie er selber auch: Schon sein Vater fuhr – beziehungsweise schwebte – in einer Göttin durch die Gegend.

Die Exklusive oben ohne

Beat und Elisabeth (59) Bühler sind in einer Rarität unterwegs.
Beat und Elisabeth Bühler sind in einer Rarität unterwegs.

Zehn für eine: Das war Beat Bühlers (54) Einsatz, um an eine DS 21 Cabriolet zu kommen. Er vermachte 1986 einem Freund seine DS-Limousinen, die er über die Jahre gesammelt hatte. Die restaurationsbedürftigen Autos dienten dem späteren Götti seiner Tochter als Grundstock zur Firmengründung. Denn dieser wollte sich als Spezialist für die Restauration von Oldtimern selbständig machen.

Das DS-Cabriolet wartet mit Exklusivitäten wie den Jaeger-Armaturen auf, die sonst nur in Kampfflugzeugen vorkommen.
Das DS-Cabriolet wartet mit Exklusivitäten wie den Jaeger-Armaturen auf, die sonst nur in Kampfflugzeugen vorkommen.

Ein Jahr später kam die Belohnung für den Freundschaftsdienst: Beat Bühler durfte sein DS 21 Cabriolet (Jahrgang 1966)entgegennehmen, tadellos instand gesetzt. Der hohe Einsatz lässt sich so erklären: Weltweit gibt es heute nur noch etwa 300 Göttinnen, die oben ohne unterwegs sind. Den Wert seines Autos schätzt der Finanz­planer aus Matten BE auf zwischen 100 000 und 200 000 Franken. Aber um keinen Preis der Welt würde er den Flitzer hergeben: «Allein die Radkappen sind unbezahlbar, weil es die einfach nicht mehr gibt.»

Wie die meisten DS-Fans ist auch Beat Bühler fasziniert von der Technik und dem Design seines Autos: «Die Aerodynamik und die Hydraulik, das war damals absolute Avantgarde.» Und wie so viele Besitzer einer DS fährt er auch im Alltag eine «Zitrone», einen Citroën C6. «So schwebe ich täglich wie Gott in Frankreich durch die Welt.»

Eine Seele von einem Auto

Hat mehr Stauraum als ein Offroader: Das Kombi-Modell von Daniel Kammermann, 
der hier mit seinen Zwillingssöhnen Christian und Guido (35) unterwegs ist.
Hat mehr Stauraum als ein Offroader: Das Kombi-Modell von Daniel Kammermann, 
der hier mit seinen Zwillingssöhnen Christian und Guido (35) unterwegs ist.

Die Liebe zur Marke Citroën wurde Daniel Kammermann (67) praktisch in die Wiege gelegt. Sein Vater fuhr ihn kurz nach der Geburt im Jahr 1948 mit einem Citroën Traction Avant 11 Légère vom Spital nach Hause. Kaum hatte Kammermann den Führerschein, erstand er sich selber eines dieser Modelle mit Vorderradantrieb. Die ID 20 F Break, ein Kombi-Modell der DS, stöberte er in den 80er-Jahren in der Fundgrube auf. Der Fünfplätzer mit Baujahr 1969 und zwei Notsitzen im Heck gehörte damals einem Milchhändler im Fricktal AG. «Das Auto roch säuerlich nach Milch, und der Laderaum war durch die Milchsäure total verrostet.» Er habe «das ganze Füdli» neu aufbauen müssen, verbunden mit vielen Karosseriearbeiten.

Für alle Fälle gerüstet: Die klappbaren Notsitze im Fond.
Für alle Fälle gerüstet: Die klappbaren Notsitze im Fond.

Kammermann empfand das Schrauben und Hämmern an seiner Göttin stets als wohltuenden Ausgleich zu seinem Beruf. Der Teilrentner ist seit 40 Jahren Zahnarzt: «Früher hatten die Autos noch eine Seele, aber im Gegensatz zu meinen Patienten können sie nicht Aua schreien.» Oft hättensich die Leute gewundert,wie er als Zahnarzt ein Hobby pflegen könne, bei dem die Hände soschmutzig würden: «Zum Glück gibt es Handschuhe.» Kammermanns Leidenschaft hat auf seine vier inzwischen erwachsenen Söhne abgefärbt. In Familienbesitz befinden sich mehrere Oldtimer, die meisten davon Citroëns.

Die Luxuriöse

Ein schönes Paar: Angelina Bucheli mit ihrer Déesse. Im Hintergrund: Ehemann Kurt Schärer (55).
Ein schönes Paar: Angelina Bucheli mit ihrer Déesse. Im Hintergrund: Ehemann Kurt Schärer.

Das erste und einzige Auto von Angelina Bucheli (60) ist ihre DS 21 Pallas (Baujahr 1969), eine Luxus­version des Urmodells. Sie hat ihre ­Göttin 2007 über einen pensionierten Gara­gisten gefunden: «Eigentlich bin ich überhaupt kein Auto­fan, aber diese ‹Polster­gruppen auf vier Rädern› haben mich schon als Kind fasziniert. Vielleicht, weil mein inzwischen verstorbener Vater stets von ihnen schwärmte, sich selber aber kein solches Auto leisten konnte.»

Form und Funktion in Perfektion.
Form und Funktion in Perfektion.

Der ehemalige Zweitwagen eines Basler Ärztepaars war in ­einem super ­Zustand, als ihn Angelina Bucheli übernahm – bis auf den rostigen Tank. Die Rostpartikel verstopften regelmässig den Filter, was dazu führte, dass kein Benzin mehr in den Vergaser gelangte und das Auto stehen blieb. «Es ist wahnsinnig, wie tolerant die Leute sind, wenn man mit einer DS unterwegs ist. Nie hat jemand gehupt, selbst wenn ich die ganze Kreuzung blockierte.»

Im Gegenteil: Manch einer wollte der adretten Boutiquebesitzerin aus Baar ZG mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die wusste sich aber immer selber zu helfen, was die Herren der Schöpfung zuweilen in Erstaunen versetzte. «Bei einer DS kann man eben noch selber Hand anlegen. Bei den neuen Autos bleibt einem bei einer Panne meist nur der Abschleppdienst.»

Die Königin

Fast wie Ferien in Frankreich: Robert Hürzeler mit seiner 
Frau Brigitte (53) an ihrem Wohnort in Lyss BE.
Fast wie Ferien in Frankreich: Robert Hürzeler mit seiner 
Frau Brigitte an ihrem Wohnort in Lyss BE.

Das Coupé DS 21 Chapron von Robert Hürzeler (58) ist so was wie die Königin unter den Göttinnen: ein Zweitürer, der vom französischen Meisterkarossier Henri Chapron umgebaut worden ist. Citroën-Kunden beauftragten Chapron in den 60er-Jahren immer wieder mit Spezialanfertigungen.

Da schlägt das Herz des Kenners höher: Ein Chapron-Heck.
Da schlägt das Herz des Kenners höher: Ein Chapron-Heck.

In Auftrag gegeben wurde das Sondermodell 1967 von einem deutschen Industriellen, der im Berner Oberland ein Ferienhaus besass. Dort war Hürzeler als Bub oft bei seinem Onkel zu Besuch. Das schnittige Auto des reichen Nachbarn faszinierte ihn unglaublich. Als der Mann starb, erinnerte sich die Witwe an die Schwärmereien des Buben und bot ihm die DS zum Kauf an: «Ich war damals in der Lehre als Automechaniker. Die Frau wusste, dass ich kein Geld hatte.Sie meinte, wenn ich ihr versprechen würde, das Auto nicht gleich wieder zu verkaufen, würde sie es mir zu einem guten Preis überlassen.» Für wie viel, will Hürzeler nicht verraten.

Der damals 20-Jährige kratzte den letzten Rappen seines Stiftenlohns zusammen und hielt sich an sein Versprechen.Die Witwe besuchte das Auto oft und liess sich vom einstigen Nachbarsbuben auf kleine Spritztouren entführen. Sie ist inzwischen verstorben, und Hürzeler könnte verkaufen: «Unmöglich. Die DS gehört zur Familie.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Holger Salach