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20. Juni 2016

Die besten Schweizer Filmerinnen

Zum Porträt der jungen Regisseurin Kim Dang (rechts: «Filme statt Mathematik») stellt Migrosmagazin.ch die sechs derzeit interessantesten Filmemacherinnen mit ihrem bisher besten Werk vor.

Ursual Meier
Ursual Meier anlässlich der Verleihung des Schweizer Filmpreises 2016. (Bild: Keystone)

Dem verbreiteten Vorurteil ist schwer beizukommen: Die Schweiz sei eher ein Land des Dokumentarfilms, und in Sachen Spielfilm dominieren meist Herren gesetzteren Alters.
Beides trifft schon länger nicht mehr zu. Seit Ende der 90er-Jahre haben sich einige Regietalente mit überzeugenden Spielfilmen durchgesetzt. Bloss werden sie leider zu wenig wahrgenommen. Die Öffentlichkeit und auch die Medien bleiben lieber bei den etablierten Regiealtstars wie Xavier Koller, vielleicht erhält bei den jüngeren noch ein Michael Steiner genug Aufmerksamkeit. Seine Chancen erhöht, wer sich mit bekannten Schweizer Figuren (Heidi, Schellenursli, Sennentuntschi) auseinandersetzt. Wer zeitgenössische soziale Themen aufs Tapet bringt, riskiert eine bei weitem geringere Beachtung.

Léa Pool als Vorläuferin
Dabei hat sich im fiktiven Kinoschaffen einiges getan, und in vielen Fällen sind die Verantwortlichen Frauen. Lange konnten höchstens die welschen Filmfans auf Léa Pool verweisen, die bereits seit den frühen 80er-Jahren ihre weibliche Sicht auf Familien- und Gesellschaftsprozesse gekonnt mit einer Weiterführung von Erzähltraditionen der Nouvelle vague verband (Paradebeispiel: Emporte-moi). Auch noch nach der Jahrtausendwende brillierte sie mit neuen Filmen, zuallererst mit dem tragikomischen Maman est chez le coiffeur, einem der besten Filme über Familien nach einer Trennung der letzten 25 Jahre überhaupt. Nur: Pool verliess die Schweiz früh Richtung Kanada und verschwand über lange Zeit vom Radar der hiesigen Öffentlichkeit.

Als einzige jüngere Regisseurin seit 2000 landete Bettina Oberli mit Herbstzeitlosen 2006 einen Grosserfolg an der Kasse – eine gelungene Komödie, die frech mit Vorurteilen zu Altersschichten, Geschlechtern und Stadt-Land-Gegensätzen spielte. Allerdings filmisch auch nicht unbedingt ihr bester Film.
Hier stellen wir unsere fünf Favoritinnen zum aktuellen Schweizer Filmschaffen mit dem bisher überzeugendsten Werk (und Youtube-Trailer) vor.

URSULA MEIER: Home
Zuletzt überzeugte die schweizerisch-französische Doppelbürgerin, aufgewachsen in Genf, mit L'Enfant d'en haut (2012), der zwei ausserordentliche Jungdarsteller (Kasey Mottet Klein und der französische Jungstar Léa Seydoux) formal bestechend zwischen trüb-winterlicher Talatmosphäre und sonniger Bergstation (wo die Hauptdarsteller sich als Diebe betätigten) pendeln liess.
Genauso bewusst gestaltete Meier spezielle Räume im ersten Kino-Langspielfilm Home, damals gar mit Topstar Isabelle Huppert. Eine Familie mit neuem Häuschen direkt an der Autobahn zeichnet sie ohne jegliche Klischees, konsequent entsteht der Zugang zur Person über die Räume, die die Kamera den Figuren eröffnet. Die Dramaturgie lässt Privatraum und öffentlichen Raum in kongenial aufgebauten Etappen aufeinanderprallen, bis sich die Bewohner gegen Filmende hin einzumauern beginnen. Der Privatraum wird regelrecht vom öffentlichen getrennt. Seit Polanski gestaltete kaum mehr jemand derart raffinierte Innen-Aussen-Spiele im Kino: Und dies bei aller Konzeptkunst so intuitiv verständlich wie packend. Der Film bekam viel Lob in Cannes, nicht aber die durchaus verdiente Palme.

SEVERINE CORNAMUSAZ: Coeur animal
Die Westschweizerin, in der Deutschschweiz sicher das meistunterschätzte Regietalent des Landes, brillierte 2010 mit der vielschichtigen Erzählung über ein in Gewalt und Abhängigkeitsmustern gefangenes Bergbauern-Paar, dessen Alltag ein spanischer Gastarbeiter hin zu mehr Bewusstsein, aber auch zerstörerischer Eifersucht durcheinanderwirbelt. Rapport aux bêtes heisst die ebenso preisgekrönte Buchvorlage von Noëlle Revaz, dem Film brachte der Clash von Alpidylle und (alp-)traumatischem Schrecken den Filmpreis 2010 ein, aber kaum viel mehr Eintritte östlich des Röstigrabens. Wie das Buch, gegenüber dem Cornamusaz sich sonst einige (nötige!) Freiheiten erlaubt, brilliert Coeur animal durch viel Einfühlsamkeit ohne Schwarz-weiss-Denken. Zuerst schockiert die Brutalität des Bauern gezielt das Publikum, doch neben dem grossen Schrecken macht der Film subtil die Muster deutlich, die dazu führen konnten.

STINA WERENFELS: Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Nach dem in Sachen Kamera und Schnitt bereits überzeugenden Nachbeben (2006) legte Werenfels 2015 ihr bisheriges Meisterstück vor. Hier stimmten auch Plot und Rhythmus bis ins letzte Detail. Wie eine Handicapierte 18-Jährige die Medikamente absetzt und ihre Weiblichkeit entdeckt, ist hinreissend gespielt (Victoria Schulz), aber auch wegweisend im Mix aus sanfter Annäherung an ein lange tabuisiertes Thema und der Urkraft, mit der die Hauptdarstellerin ihre Figur gestaltet – und damit Publikum wie auch Teile ihrer Umgebung ansteckt.

ANDREA STAKA: Das Fräulein
Mit diesem Film holte sich die Zürcherin 2006 auch gleich den Goldenen Leoparden in Locarno, alles andere als ein alltäglicher Erfolg. Noch seltener in Kombination mit dem Hauptpreis am Filmfestival von Sarajewo.
Die Versuchsanordnung des Films um drei Frauen mit Wurzeln im ex-jugoslawischen Raum (serbisch, kroatisch und bosnisch) und unterschiedlich fortgeschrittener Integration in der Schweiz tönt etwas berechnend, wirkt aber ganz anders: Überaus lebendig gestaltet sich das Zusammentreffen einer 50-jährigen Kantinenleiterin und ihrer etwas älteren Angestellten mit der neu dazustossenden Frau in den Zwanzigern, die mit viel Spontaneität den eingespielten Lauf in Kantine und Leben aus dem Trott bringt. Der Film macht in etlichen Szenen gekonnt den Eindruck, die Fortsetzung sei völlig offen. Es geht in den Schnee, ins Casino und ... ins Spital. Denn die junge Obdachlose hat Leukämie.

BETTINA OBERLI: Tannöd
Die Herbstzeitlosen gelten zu Recht als eine der erfolgreichsten Schweizer Komödien überhaupt. Noch davor zeigten schon Kurzfilme (Supernova!) und der erste Langspielfilm Im Nordwind Bettina Oberlis grosses Talent für Schauspielführung, Dialogumsetzung und einprägsame Stimmungen. Unser Favorit ist jedoch Tannöd, der im deutschen Bauerngebiet und der Vergangenheit spielt. Selten hat ein Film in scheinbar unbegrenzter Licht- und Farbpalette so konsequent die Zuschauersicht eingetrübt und dabei (gefühlt) den Blick geschärft. Und dies in einem Streifen, der zugleich als Krimi mit Wer-wars-Rätsel funktioniert. Ein konsequenter Abgesang auf die Landidylle! Darf Oberli vielleicht mal einen Tatort in diesem Stil drehen?

IVANA LALOVIC: Sitting Next to Zoe
Schon in Ich träume nicht auf Deutsch bestach die Regisseurin mit einzigartigem Blick auf Nöte und Freuden von Teenagern zwischen Balkan und der Schweiz. Noch verfeinert hat die «Schweizer Filmemacherin mit jugoslawischen Wurzeln, die zurzeit in Schweden lebt» (mit ihrem bei der schwedischen Filmstiftung arbeitenden Partner), ihre Herangehensweise für Sitting Next to Zoe (2013). Die beiden 15-jährigen Asal und Zoe lernen in den gemeinsamen Sommerferien den deutschen Backpacker Kai kennen. Mindestens so sehr wie für die Befindlichkeiten von Einwanderern und ihren Zöglingen verfügt Lalovic (sie stammt aus Sarajewo) über ein einmaliges Sensorium für die Gefühle der ersten Liebe, des ersten Liebeskummers oder jenen zwischen besten Freundinnen. Wie fast niemand schafft sie es, beim Publikum starke Erinnerungen zu wecken, fast ohne je zu vereinfachen.


WER FEHLT?
Haben wir eine aussergewöhnliche (noch lebende) Schweizer Regisseurin vergessen?
Danke für Ihren Tipp mit kurzer Begründung im Kommentar.

Autor: Reto Meisser