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29. Mai 2017

Die Botschafterin in Deutschland möchte gestalten, nicht verwalten

Mit Christine Schraner Burgener ist eine der wichtigsten Schweizer Vertretungen seit 2015 mit einer Frau besetzt. Sie wohnt und arbeitet in der Botschaft in Berlin, die gerade 150 Jahre alt geworden ist. Die Diplomatin will die Feiern nutzen, um das Verhältnis zu Deutschland weiter zu intensivieren – und hofft auf einen Durchbruch im ewigen Fluglärmstreit.

Christine Schraner Burgener
Christine Schraner Burgener vertritt seit 2015 ...

Christine Schraner Burgener, sind Sie heute wieder mit dem Velo zu Ihren Terminen in Berlin unterwegs?

Nein, heute habe ich nur Verabredungen innerhalb der Schweizer Botschaft.

Wie sind die Reaktionen, wenn eine Botschafterin mit dem Fahrrad anreist?

Komisch. (lacht) Als ich dem Personal sagte, dass ich mit dem Velo zum Auswärtigen Amt fahren möchte, fragten sie, ob ich nicht das Auto vorziehe. Inzwischen weiss das Team, dass ich das Velo bevorzuge, weil ich damit viel schneller vorwärtskomme, etwas für den Umweltschutz tue und gleichzeitig fit bleibe. Allerdings geht beim Auswärtigen Amt das Tor nicht auf, weil es am Velo kein Diplomaten-Nummernschild gibt.

Sie wohnen mit Ihrer Familie im Botschaftsgebäude. Wie stark haben Sie die Einrichtung beeinflusst?

Im Parterre, wo sich die öffentlichen Räume befinden, lässt man alles so, wie es Innenarchitekt Peter Suter 2001 eingerichtet hat. Ich habe dort einzig mit persönlichen Gegenständen wie Büchern, Fotos und Pflanzen dekoriert, weil es bewohnt aussehen soll. Darüber befinden sich die Privaträume mit unseren eigenen Möbeln, darunter viel Asiatisches aus unserer Diplomatenzeit in Thailand und meiner Jugend in Japan.

Wie wohl fühlen Sie sich so mitten im deutschen Regierungsviertel? Angela Merkel arbeitet ja in Sichtweite und könnte kontrollieren, wann Sie ins Bett gehen.

Viele wissen gar nicht, dass ich hier auch wohne. Ich fühle mich sehr wohl – klar, das Regierungsviertel ist kein Kiez mit Cafés und Lädeli, es ist eher ruhig. Aber ich habe sowieso keine Zeit für ein Abendbier, und mittags trinke ich meist nur einen Rüeblisaft oder esse eine Frucht.

Ihre Botschaft feierte am 15. Mai 150 Jahre diplomatische Vertretung in Berlin. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?

Es ist toll, dass dieser Geburtstag gerade jetzt stattfindet, wo ich in Berlin lebe. Deutschland ist der wichtigste Partner der Schweiz. Wir haben eine enge Verflechtung in verschiedenen Bereichen wie Energie, Umwelt, Verkehr, Tourismus, Handel und Forschung. Es macht natürlich besonders Spass, so ein Jubiläum mit einem Partner zu feiern, mit dem wir freundschaftlich ­verbunden sind. Es werden diverse Anlässe stattfinden, bei denen sich Leute aus der Schweiz und aus Deutschland begegnen. ­Höhepunkt wird der 30. Juni sein, zu dem wir in der Botschaft gegen 1000 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur erwarten. Die Vorbereitungen für dieses Fest laufen auf Hochtouren.

Welches Bild der Schweiz wollen Sie vermitteln?

Wir wollen eine moderne, innovative Schweiz präsentieren und aufzeigen, wie gut wir mit Deutschland vernetzt sind. Die Anlässe sind auch eine Chance, dieses Netzwerk zu stärken und unsere Berührungspunkte und Ähnlichkeiten zu betonen, ohne die Unterschiede zu negieren.

Welche Unterschiede?

Die Deutschen sind zum Beispiel viel direkter als die Schweizer. Aber ich schätze es, wenn man weiss, woran man ist.

Dann war es in Asien, wo Sie vorher waren, schwieriger für Sie?

Ich kann mich schnell anpassen. Wichtig ist, dass man sich mit der Kultur befasst, bevor man in ein Land wechselt. Tatsächlich scheint die Art der Asiaten den Schweizern näher zu sein, als sie es für die Deutschen ist. Wenn ich nun aber hier die Höflichkeitsformen von Thailand oder Japan anwenden würde, käme ich zu nichts. Hier spricht man Klartext, ohne unhöflich zu werden.

Wie nehmen die Deutschen die Schweiz wahr?

Sehr positiv. Die meisten mögen uns, schwärmen von unserem politischen System, der Landschaft, der Freundlichkeit, und sie mögen unseren Akzent. Ich war überwältigt von so vielen Komplimenten und wünschte mir, dass die Schweizer auch so positiv über Deutschland urteilten.

Die meisten Deutschen schwärmen von unserem politischen System, der Landschaft, der Freundlichkeit, und sie mögen unseren Akzent.

Wie gut ist denn nun die Beziehung der beiden Länder wirklich?

Sie ist sehr gut. Es vergeht keine Woche, ohne dass eine hochrangige Fachdelegation aus der Schweiz in Deutschland ist.

Weniger harmonisch sieht es aus, wenn man den Streit um den Fluglärm in Zürich anschaut oder die Spionageaffäre um die gestohlenen Bankdaten.

In finanzpolitischen Fragen gibt es keine grossen Probleme mehr. Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben gemacht, die OECD-Richtlinien übernommen und den automatischen Informationsaustausch eingeführt. Wir treffen Finanzminister Schäuble regelmässig, der die Schweiz auch zum finanziellen Teil des G-20-Gipfels eingeladen hat. Die «Spionage-Affäre» betrifft eine Zeit vor den rechtlichen Anpassungen in der Schweiz und wird meines Erachtens die ausgezeichneten Beziehungen nicht trüben. Aber es gab 2016 mit der Debatte zur Umsetzung der Einwanderungsinitiative tatsächlich eine schwierigere Zeit. Wir mussten viel Aufklärungsarbeit leisten und erklären, wie es zu diesem Abstimmungsergebnis kam und was es bedeutet.

Aber der Flughafen ist ein echtes Problem.

Ja, ich beschäftige mich mit diesem Dossier nahezu täglich und bin oft in Baden-Württemberg. Informationen dazu leite ich nach Bern weiter, denn letztlich ist Bundesrätin Doris Leuthard die Chefin des Dossiers.

Wann ist eine Lösung in Sicht?

Ich bin ambitiös und möchte möglichst rasch einen Durchbruch. (lacht) Klar ist: Es kann nur eine Lösung geben, wenn es für alle stimmt. Deshalb ist es wichtig, die Leute anzuhören und im Dialog eine Lösung zu finden. Genau das mag ich: die Anliegen der Leute aufzunehmen und nachher einen Kompromiss auszuarbeiten.

Wie sehr hat Sie bei Verhandlungen Ihre Zeit in Asien geprägt?

Ich habe viel von der asiatischen Art mitgenommen. Aber auch von meiner Mutter, die uns Anstand und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen beigebracht hat. Sie bleibt immer ruhig und höflich. Ich bin ebenfalls sehr ruhig, auch innerlich. Meine Leitidee ist, mich nicht zu wichtig zu nehmen. Und ich will gestalten, nicht verwalten.

Beschäftigt Sie die Flüchtlingskrise?

Stark. Letztes Jahr mussten wir Deutschland mehrfach erklären, dass die Schweiz bereits 2012 grosse Migrationsherausforderungen zu bewältigen hatte. In diesem Jahr gab es in der Schweiz, gemessen an der Einwohnerzahl, prozentual etwa gleich viel hängige Asylverfahren wie in Deutschland 2016. Ich informierte über das 48-Stunden-Verfahren, die Einführung von Fast-Track-Ländern und unsere Auffangzentren. Wir haben auch Reisen von deutschen Referenten in die Schweiz organisiert, um ihnen unsere Verfahren zu erklären.

Die Migration war auch ein Thema bei Ihrem letzten Posten in Thailand.

Ja, ich habe mich für die Anpassung des Gesetzes zur Bekämpfung des Menschenhandels eingesetzt sowie für Kinder, die sich in Ausschaffungshaft befanden. Vor einem halben Jahr habe ich gehört, dass diese ­Kinder nun in einem separaten Gebäude ­untergebracht sind – so etwas zu erreichen, erfüllt mich. Solche Erfahrungen, wie auch diejenige, die ich durch meine Vermittlungstätigkeit zwischen «Rot- und Gelbhemden» im internen Konflikt in Thailand gewonnen habe, sind wichtig, um auch in anderen Bereichen erfolgreich vermitteln zu können.

Ich trat der SP vor allem deshalb bei, weil ich sozial eingestellt bin und (...) unser Schulsystem verbessern wollte.

In Europa gibt es ja auch genug Arbeit. Die EU befindet sich in der grössten Krise ihrer Geschichte. Hand aufs Herz: Waren Sie als SP-Mitglied nie froh, dass die Schweiz nicht Teil der EU ist?

Nachdem das Stimmvolk 1992 den EWR nicht angenommen hatte, war der Bundesrat überzeugt, dass die Schweiz den bilateralen Weg gehen muss. Dieser Linie folge ich, da spielt meine Parteizugehörigkeit keine Rolle. Ich trat der SP vor allem deshalb bei, weil ich sozial eingestellt bin und durch eine Parteizugehörigkeit unser Schulsystem verbessern wollte. Als wir in Bern wohnten, war ich im Elternrat und wollte mich weiter politisch engagieren; gleichzeitig wurde ich aber auf eine Stelle befördert, die mir keine Zeit mehr für ein offizielles Amt liess.

Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook haben in Ägypten oder Tunesien mehr bewegt als die Diplomatie. Wie oft sind Sie in diesen Netzwerken unterwegs?

Wir führen auf der Botschaft Twitter, Facebook und Instagram und verschicken beinahe täglich eine Nachricht. Ich weiss allerdings, dass diese Medien mit der nötigen Vorsicht zu nutzen sind. Ich erinnere mich an Bangkok, wo die US-Botschafterin in Thailand twitterte – und dabei auch schon mal Demonstrationen vor der Botschaft ­auslöste. Ich sagte früher gegenüber den ­Medien stets, dass ich keine Zeit für Twitter und Facebook habe, weil ich arbeiten muss. Doch ich versuche, mich jeden Tag davon zu überzeugen, dass es diese sozialen Medien im Berufsalltag wirklich braucht und sie halt auch zur Arbeit gehören.

Sind Frauen die besseren Diplomaten?

Ich würde mich nicht getrauen, so etwas zu behaupten. Aber sicher sind Frauen für die Diplomatie geeignet, weil sie es nur schon aus biologischen Gründen gewohnt sind, eine Familie zusammenzuhalten. Dieser Instinkt ist in der Diplomatie sehr nützlich. Frauen versuchen, das Gesamtbild zu sehen, und nehmen sich oft eher etwas zurück. Auch das ist in der Diplomatie nützlich. In meinem Team hier in Berlin sind übrigens alle Abteilungsleitenden Frauen, das hat sich aber eher aus Zufall so ergeben. Wir wählten ganz einfach die besten Kandidaten aus. Ich war allerdings immer feministisch, veranlasste beispielsweise auch die Einführung der Teilzeitarbeit im EDA und versuchte, unsere Kinder von Stereotypen zu befreien. Ich stellte aber rasch fest, dass der Sohn lieber mit Autos spielte, obwohl ich ihm bewusst auch Puppen gab. Und beide lernten schon früh Schach, aber nur der Bub wollte unbedingt an Turnieren teilnehmen und sich mit anderen messen. Unterschiedliche Verhaltensmuster gibt es also, aber die Chancen müssen die gleichen sein.

Frauen versuchen, das Gesamtbild zu sehen, und nehmen sich oft eher etwas zurück.

Wie haben Sie es geschafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen?

Dank meinem Mann. Ich rate allen Diplomatinnen: Überlegen Sie sich genau, welchen Partner Sie wählen. Wenn er im Ausland frustriert ist, weil er dort nicht arbeiten kann, belastet das sehr. Ich habe das Glück, dass wir beide in der Diplomatie arbeiten. Ich habe das Jobsharing im EDA eingeführt und war froh, dass mein Mann bereit war, mit mir über Jahre die Stelle zu teilen. Das war im Rückblick sehr anstrengend, da jeder von uns trotz halbem Lohn den Anspruch hatte, volle und gute Arbeit zu leisten; schliesslich wollten wir das Pilotprojekt zum Erfolg führen. Besonders anstrengend war, das Mittagessen für die Kinder immer zeitgerecht zwischen der Arbeit bereitzuhalten. Oft gingen wir abwechselnd am Abend noch einmal ins Büro. Damals hatte ich praktisch keine Zeit für Hobbys. Für unsere Kinder war es allerdings ein grosser Gewinn, auch wenn sie den Nachteil von Diplomatenkindern spürten, alle vier Jahre an einen anderen Ort zu ziehen und die Schule jedes Mal zu wechseln.

Ihr Mann ist heute Inspektor beim EDA und besorgt die interne Revision von Botschaften weltweit. Hat er auch schon Berlin geprüft, oder würde er in diesem Fall in den Ausstand treten?

Klar, das würde nicht gehen. Aber die Botschaften werden alle vier Jahre inspiziert, Berlin letztmals kurz bevor ich hierherzog, und Bangkok, als ich selbst noch da war.

Wie oft kommen Sie noch zum Geigenspielen, Schwimmen oder Kochen?

Zum Kochen unweigerlich, weil ich am Wochenende für die Familie Menüs zubereite. Für Musik reicht es nur einmal pro Woche; seit fünf Monaten nehme ich zusätzlich Saxofonunterricht. Der Lehrer passt sich jeweils meinem Wochenplan an und unterrichtet mich in der Residenz.

Was kochen Sie am liebsten?

Japanisch ist meine Lieblingsküche. Ich bereite Tempura, Gyoza oder Soba zu. Aber ich mache auch gern Trüffelravioli. Kochen ist etwas Kreatives, und Kochbücher sind wie Krimis für mich. Leider ist mein Mann kein Gourmet. Als Walliser sagt er, es reiche doch, «dä Ranze z’fille». Aber der Sohn isst sehr gerne. Kürzlich habe ich zehn Freunde ­eingeladen und für sie einen Siebengänger zubereitet. 

Botschafterin Schraner Burgener: «Frauen sind es gewohnt, eine Familie zusammenzuhalten.»
Botschafterin Schraner Burgener: «Frauen sind es gewohnt, eine Familie zusammenzuhalten. Dieser Instinkt ist in der Diplomatie sehr nützlich.»

Botschafterin Schraner Burgener: «Frauen sind es gewohnt, eine Familie zusammenzuhalten. Dieser Instinkt ist in der Diplomatie sehr nützlich.»

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Daniel Hofer