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03. Oktober 2016

«Wir ziehen die besten Forscher aus aller Welt an»

Die Schweiz ist führend in der Medizintechnik – auch dank Fachleuten aus dem Ausland, sagt der ETH-Professor Robert Riener. Diesen Vorteil drohe unser Land zu verlieren.

Robert Riener
Robert Riener (47) ist Professor für sensomotorische Systeme am Departement für Gesundheitswissenschaften und Technologie der ETH Zürich, das er auch leitet. Zudem ist er Professor am Universitätsspital Balgrist und der Organisator des ersten Cybathlons.

Robert Riener, wie bedeutsam ist der Forschungsplatz Schweiz für die Entwicklung von Assistenzsystemen für Menschen mit Behinderung?

Enorm wichtig. In der Medizintechnik ist die Schweiz weltweit führend. Was auch daran liegt, dass es hier eine starke Pharma- und Feinmechanikindustrie gibt. Und die Schweiz profitiert vom Forschungsplatz: Der technologische Vorsprung führt zu vielen Innovationen, neuen Firmen und Produkten, wodurch auch Arbeitsplätze generiert werden.

Für einen jungen Forscher ist die Schweiz also attraktiv?

Absolut. Aber das Land ist natürlich klein, und die Plätze sind dadurch limitiert.

In welchen Bereichen spielt sie in der obersten Liga mit?

Bei Hörgeräten oder bei künstlichen Hüftgelenken und Knochenersatz. Ein wichtiger Bereich sind auch die Neurowissenschaften und die Neurorehabilitation, wo man etwa Patienten nach einem Schlaganfall mithilfe von robotischen Geräten neu trainiert.

Wie häufig kommt es vor, dass Forschungsprojekte erfolgreich kommerzialisiert und von der Allgemeinheit genutzt werden können?

Forschung hat nicht unbedingt zum Ziel, ein Produkt zu entwickeln, das sich verkaufen lässt. Man will schliesslich die Freiheit haben, neue Dinge und Zusammenhänge zu entdecken. Aber während früher vielleicht eher durch Zufall bei der Forschung etwas herauskam, das sich kommerzialisieren liess, neigt man heute dazu, es von Anfang an anzustreben. Der Anteil angewandter Forschung nimmt also gegenüber der Grundlagenforschung zu.

Im Schnitt werden in Europa nur etwa 2 von 1000 Patenten zu einem erfolgreichen Produkt.

Welches sind die Herausforderungen für eine Produktentwicklung?

Im Schnitt werden in Europa nur etwa 2 von 1000 Patenten zu einem erfolgreichen Produkt. Eine gute Idee allein reicht also nicht. Es braucht einen genug grossen Markt, eine Herstellung, die auch in höherer Stückzahl funktioniert, und nicht zuletzt ein gutes Marketing. Ausserdem sollten Entwickler viel enger mit Ärzten und Patienten zusammenarbeiten, damit sie mehr darüber wissen, was gefragt ist und gebraucht wird. Und natürlich gibt es auch noch immer technische Grenzen: Diese Assistenzsysteme brauchen Energie, wenn sie mobil sein sollen, also eine Batterie. Die hält meist nicht sehr lange. Und vieles ist noch immer zu klobig und schwerfällig und deshalb im Alltag nicht bequem einsetzbar.

Wenn der Markt für etwas Bestimmtes zu klein ist, forscht man dann gar nicht erst in dem Bereich?

In der medizintechnischen Forschung achtet man schon darauf, ob es einen genügend grossen gesellschaftlichen Nutzen gibt, bevor man loslegt. Ausser es geht um etwas Neues in der Grundlagenforschung. Das hat auch dann eine Chance, wenn zunächst nur wenige Menschen betroffen sind.

Wo liegen die Hürden für die Forschung selbst?

Die Finanzierung ist immer eine Herausforderung. In der Schweiz stehen wir jedoch noch vergleichsweise gut da, in den USA hingegen ist es sehr schwierig geworden – insbesondere für riskantere Forschungsprojekte, wenn also ein Produkteerfolg nur vielleicht gewährleistet ist. Wichtig sind auch gutes Personal, gute Technik, gute Infrastruktur; und natürlich muss man eine Nische finden, wo es noch etwas Neues zu entdecken oder entwickeln gibt. In der Schweiz sind die Bedingungen so vorteilhaft, dass wir an der ETH die besten Forscher aus aller Welt anziehen können.

Das war es, was auch Sie in die Schweiz gelockt hat?

Ja, genau, aus München.

Bei Vorstellungsgesprächen haben Bewerber auch schon gefragt, ob sie hier als Ausländer wohl diskriminiert werden, wenn sie den Job annehmen.

Wie problematisch wäre es, wenn die Schweiz beim europäischen Forschungsprogramm Horizon 2020 nicht mehr dabei sein könnte, was ja wegen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative passieren könnte?

Das wäre schon ziemlich schlimm. Forschung ist sehr international, man misst sich mit den Kollegen im Ausland, aber arbeitet auch mit ihnen zusammen. Das Problem wäre also nicht nur das Geld, es würde dann viel schwieriger, noch in die nötigen Netzwerke reinzukommen. Es macht sich schon heute bemerkbar: Internationale Forscher zögern, Schweizer Partner zu fragen, ob sie mitmachen wollen, weil sie befürchten, dass der Antrag abgelehnt wird.

Ist es bereits schwieriger geworden, gute Forscherinnen und Forscher in die Schweiz zu locken?

Ich kann es nicht belegen, aber es fühlt sich so an. Bei Vorstellungsgesprächen haben Bewerber auch schon gefragt, ob sie hier als Ausländer wohl diskriminiert werden, wenn sie den Job annehmen. Das Image hat also bereits gelitten. Und wenn die Vorteile weniger werden, bleibt man lieber, wo man ist – oder man geht in ein anderes Land mit attrak­tivem Forschungsplatz, etwa England oder Deutschland.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Ruben Wyttenbach