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29. Februar 2016

Die besten Bücher zu den US-Wahlen

Der USA-Korrespondent Martin Kilian (im Interview: «Spannung im US-Wahlkampf») verfolgt die Amerika-Politik seit 1984. Die letzten neun Kampagnen und die Sieger bieten auch die Chance, sich dem Land mit herausragender Literatur der jeweiligen Zeit anzunähern. Die Migrosmagazin.ch-Lesetipps.

Siri Hustvedt  Anfang 2016 im Theater Rigiblick
Schrieb einen Roman zur (weiblichen) Eroberung der (Kunst-)Machowelt, der als Lektüre zur Wahl von Hillary Clinton zur ersten US-Präsidentin passen würde: Siri Hustvedt Anfang 2016 im Theater Rigiblick in Zürich. (Bild: Keystone)

Natürlich ist es nicht Aufgabe der Literatur, die politischen Ereignisse, deren Protagonisten und gesellschaftlichen Veränderungen einfach abzubilden. Dafür gibt es genügend Fachbücher der Sozial- oder Politikwissenschaften sowie natürlich der Historiker. Auf manchmal unterschwellig subtile, bisweilen auch auffälligere Weise findet man geänderte Verhältnisse bei den Machthabern in Washingtons Kapitol jedoch auch in bekannten Werken der Belletristik wieder.
Dies geschieht kaum einmal, weil sich Werke der besten nordamerikanischen Literaten die US-Präsidenten und ihren Weg an die Macht als Hauptthema vornehmen. Eher, weil sich in herausragenden Büchern der gesellschaftliche Wandel spiegelt – manchmal ganz ähnlich, wie er dies auch in den Wahlkämpfen bis zum Feststehen des Präsidenten für die nächsten vier Jahre tut.
Weil die politischen Entwicklungen zur Neuwahl oder Bestätigung eines Präsidenten dem Entscheid oft um Jahre vorausgehen und weil sich die Kunst bisher als schneller im Aufnehmen von gesellschaftlichem Wandel erwies, sind die folgenden Buchvorschläge durchwegs etwas älter als das Votum für Obama, Bush und Co.

Hier zum aktuellen US-Wahlkampf und zurück bis 1984 neun Lesetipps, (fast) alle erhältlich bei ExLibris.ch.
Haben Sie einen speziellen Bücherliebling zu einer der letzten Wahlen? Verraten Sie Titel und Erscheinungsjahr sowie ein paar Stichworte unten in einem Kommentar.

2016: Vor der Entscheidung im November

SIRI HUSTVEDT:DIE GLEISSENDE WELT
Seit Jahren ist die Kandidatur von Hillary Clinton (Frau von Ex-Präsident Bill) für die Wahlen 2016 bekannt, der Demokratin werden nach eher schwachem Start der innerdemokratischen Ausmarchung gegen Bernie Sanders wieder die besten Chancen auf die Präsidentschaft eingeräumt. Der bei den Republikanern bislang dominierende Donald Trump ist zu schrill, das Partei-Establishment auf der Rechten hat noch mehr Mühe. So sehr Clinton aus einer präsidentschaftserfahrenen Familie kommt (wie George W. Bush als Sohn von George Bush 2000), ihre Wahl wäre so geschichtsträchtig wie jene Barack Obamas: Sie wäre die erste Präsidentin der US-Geschichte.
Schon fast ebenso lang wie Clinton die Politik prägt die New Yorkerin Siri Hustvedt die Literaturszene mit, besonders bei aufgeschlossenen Städtern im Nordosten Amerikas: Noch in den 1990ern in der Öffentlichkeit als ebenfalls schreibende Frau des Stars Paul Auster bekannt (so wie Hillary meist noch im Schatten Bills stand), hat sie ihn in Sachen Verkaufszahlen, aber auch Kritiken und gesellschaftlichem Ansehen längst überflügelt. In ihrem Roman von 2014/15 schildert sie in modern wechselnden Erzählperspektiven und -tönen die Geschichte einer Kunstmalerin, die sich lange Strohmännern bediente, um in einer Macho-(Kunst-)Welt ihre Werke mit Erfolg zu vermarkten. Und um Machotum und -gehabe danach blosszustellen. Eine vielschichtige Erfolgsgeschichte, die auch alle Schattenseiten gekonnten weiblichen Marketings dokumentiert. Ob dies in der Kunst anders funktioniert als in der Politik?

2012: Barack Obama (Demokrat)

TONI MORRISON:GNADE
Weil wir auf dem Weg zur ersten Wahl Obamas die Finanzkrise und die bis vor kurzem anhaltende Wirtschaftsbaisse als entscheidender ansehen als seine Hautfarbe, gilt es hier etwas nachzutragen. Mit einem im Gesamtwerk der letzten US-Literatur-Nobelpreisträgerin (1993) einzigartigen Spätwerk - als Stütze der These, dass Obama trotz eines aussenpolitisch zögerlichen Einstands einmalige Krisenjahre gut gemeistert hat und sich gegen teilweise unter Realitätsverlust leidende (Tea-Party-)Republikaner verdient wiederwählen liess. Die Bestätigung des ersten farbigen Präsidenten ist darum punkto Überwindung des Rassismus fast wichtiger als die Gnade der ersten Wahl, die auch den abgewirtschafteten Gegnern zu verdanken war. Der Rassismus bleibt in Gesellschaft und (Rechts-)Staat der USA ein grosses Problem, beim politischen Repräsentieren von Macht scheint er eingedämmt worden zu sein.
In «A Mercy» beschreibt Morrison, die Doyenne der afroamerikanischen Literatur, eindrücklich, wie ein Gnadenakt in der Sklavenwirtschaft des 17. Jahrhunderts in Amerika noch keinen Ausweg aus den Strukturen und Machtverhältnissen verheisst, ja diese eher noch zementiert. Es mutet fast wie das «schwarze» Negativbild zur US-Politszene nach 2010 an.

2008: Barack Obama (D)

RICHARD FORD:DIE LAGE DES LANDES
Nichts scheint uns passender zum Umbruch 2008 und dem Abschied von der Bush-Epoche als der Roman von Altmeister Richard Ford von 2006/2007. Keine vorauseilende Anklage der Finanzspekulanten, die den riesigen Immobiliencrash mitsamt folgender Wirtschaftskrise anprangert. Doch Ford liefert eine in jedem Detail überzeugend geschriebene Situationsanalyse eines in Eigenheim- und anderen Träumen eingesperrten Landes, das sich melancholisch vergangener Grösse erinnert, während es beginnt, das Tafelsilber zu verscherbeln. Man fährt zumeist im Auto mit dem alles andere als heldenhaften Helden durch die Landschaften New Jerseys und bekommt aus seiner Sicht zu jeder Siedlung oder jedem Haus, das der Immobilienhändler loszuwerden versucht, innert Kürze so vielsagende wie vieldeutige Beschreibungen. Eine Bestandesaufnahme des Meisters von kleinen und alltäglichen Szenen. Alles verlangt nach etwas Klarheit, Ehrlichkeit, dem Rückzug aus dem Weltenchaos. Und dafür stand auch Obama.

2004: George W. Bush (Republikaner)

JONATHAN FRANZEN:DIE KORREKTUREN
Sicher hätte man für diese Phase auch das Weltgeschehen stärker miteinbeziehende Bücher wählen können. Immerhin stand die Wiederwahl Bushs drei Jahre nach den Al-Qaida-Anschlägen auf Manhatten mit 3000 Toten noch stark unter dem Einfluss verlorener Sicherheit sowie mässig erfolgreicher Anti-Terror-Grosseinsätze in Fernost. Allerdings schien man bei abnehmendem Vertrauen in die politische Führungsriege mit Bush und Minister Dick Cheney mit ihren Versuchen, dem Land zu mehr Sicherheit zu verhelfen oder nur schon den Schock zu verarbeiten, eher den Rückzug ins Private anzutreten. Und auch dort stand gar nicht alles zum Besten: Eine deregulierte Welt hat sich im stilbildenden Epos «Corrections» bis in den Alltag durchgesetzt, das Miteinander wurde zur entfernten Hoffnung oder betrauerten Vergangenheit. Auch wenn man im Detail über Franzens Stil streiten kann: Wohl niemand beschreibt die Auflösung gängiger Familien- und Beziehungsstrukturen so konsequent und schonungslos eindrücklich wie er. Ein wortgewaltiger Abgesang.

2000: George W. Bush (R)

DAVID FOSTER WALLACE:UNENDLICHER SPASS
Die zweite Amtszeit Clintons führte bis zu den Wahlen 2000 nicht zuletzt wegen (angeblicher oder echter) «Verfehlungen» mit einer Praktikantin und darauf folgenden Vertuschungsversuchen zu einem Comeback der Moral. Nicht zu einer durchaus ebenso angezeigten Entdeckung der Ökologie, wie sie der demokratische Kandidat Al Gore gefordert hat, oder der sonst gestiegenen Verantwortung einer zehn Jahre nach Zusammenbruch des Ostblocks unangefochtenen Grossmacht. Nein, es ging vorab um individuelle Moral, ein unbeflecktes Auftreten und Image. Sowie einen im Rückblick naiven Glauben, mit ein paar kriegerischen Auslandseinsätzen Kriegsgebiete im Interessenseinfluss der USA zu befrieden – und den eigenen Einfluss zu sichern. Der Sohn von Ex-Präsident George Bush und seine republikanischen Berater feierten damit einen Grosserfolg. Ein guter Beschrieb dieser Umstände ist der vielgelobte, so komplex gebaute wie sprachlich schillernde Roman von Foster Wallace. Darin wird natürlich keiner einfachen Moral gehuldigt (ebenso keiner republikanischen Gesellschaftssicht!), und doch dient dieses Buch in einmaliger Art dem Verständnis, was Ausschweifung alles bedeuten kann. Nicht einfach in simpel verwerflichem Tun, sondern in Haltung und Denken.

1996: Bill Clinton (D)

JEFFREY EUGENIDES:DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN
Für diesen Wahlkampf und die Bestätigung von Bill Clinton im Amt empfiehlt sich Jeffrey Eugenides' grandioses Romandebüt «The Virgin Suicides» (kongenial von Sofia Coppola verfilmt). Den grössten Verkaufserfolg landete der Sohn eines griechischstämmigen Hypothekenbankers und einer Mutter aus englisch-irischem Umfeld mit dem epochalen «Middlesex». Doch die Verstörungen und Unsicherheiten einer ganzen Generation erscheinen in den «Selbstmord-Schwestern» zugleich zwingender wie auch spielerischer. Und das alles hat mit der einsetzenden Beliebigkeit, dem Ironie-Zeitalter des «Anything Goes» am Ende des Jahrtausends, einiges zu tun.

1992: Bill Clinton (D)

JOSEPH BRODSKY: UFER DER VERLORENEN
Eine ausserordentliche Stelle in der US-Literatur nimmt der 1972 von der UdSSR ausgebürgerte und über Wien zu Schriftsteller und Professor W.H. Auden in die USA emigrierte Joseph Brodsky ein. Der neben russischer Tradition stark durch europäische Kultur geprägte Lyriker erhielt schon 1987 den Literatur-Nobelpreis für sein neues Heimatland. Ideal passt aber seine vielschichtige Prosa-Liebeserklärung an Venedig (1991) zu Wahl und Amtsantritt des welt- und speziell Europa-offenen Demokraten Clinton aus dem Kleinstaat Arkansas. Fast nie öffnete sich die amerikanische Politik und die (bessere) Gesellschaft so stark. Und Brodskys Hommage an einen Inspirationsort der alten Welt beeinträchtigen höchstens etwas viel Belesenheit und Zitatsucht. Übrigens idealisiert der Autor Venedig (und die europäische Kultur) keineswegs, vielmehr schildert er fasziniert neben den Liebesklischees der Lagunenstadt auch deren Todesfaszination und analysiert seine Italien- und Venedig-Liebe als Spiegeleffekt, der keiner plumpen Realität zu entsprechen braucht.

1988: George Bush (R)

TOM WOLFE:FEGEFEUER DER EITELKEITEN
Vor und zum Amtsantritt von Vater George Bush raten wir zum Vorzeigebuch des New Journalism von 1987. Tom Wolfe präsentiert eine beissende Satire zum Auftakt einer Umbruchszeit mit einem Osten vor dem Zusammenbruch und den nächsten Nahostkrisen. Einem nächsten starken Mann im Auftreten und den Aussenbeziehungen in Washingtons Machtzentrale stellt der Autor und Journalist in «The Bonfire of the Vanities» einen Wallstreet-Broker, einen Staatsanwalt und einen Journalisten gegenüber, die in bizarren Wirren erstaunliche Auf- und Abstiege hinlegen und ähnlich wie die Leserschaft mitunter den Durchblick etwas verlieren. Kernige Sprache und theatralische Zuspitzungen machen die Lektüre lohnenswert.

1984: Ronald Reagan (R)

JOHN UPDIKE:BESSERE VERHÄLTNISSE
Zur Halbzeit von Reagans Präsidentschaft passt am besten der dritte Teil von John Updikes bekanntesten Büchern aus der Serie um die «Rabbit»-Figur (Übername der Hauptfigur). Es geht ums Image, wie sich jemand selbst sieht – und was dies mit ihm und seiner Umwelt anstellt. Nicht unpassend zum Ex-Schauspieler Reagan und seinen vielen Rollen des starken Mannes im Kino, die er irgendwie zur Rolle des mächtigsten Mannes der Politwelt ausdehnte.
Rabbit ist zu Geld gekommen, hangelt sich durch eine Menge mehr oder weniger bedrückender Alltagsprobleme, von trinkender Frau über Ex-Geliebte mit drei Kindern (von denen eines von Rabbit sei), den Sohnemann mit einer bei den Eltern aufgetauchten schwangeren Partnerin (die er am Ende zurück an die Uni und für eine andere Freundin verlässt!), bis zu schwer erträglichen Luxussorgen wie dem wachsenden Bauchfett eines Ex-High-School-Basketballstars (Rabbit himself). Alles in einer kongenialen Mischung aus Figurensicht und in vielen Formulierungen dennoch anklingender Distanz.

Autor: Reto Meisser