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26. September 2016

Beseelte Brüder

Der eine füllt als Schnulzensänger Konzertsäle, der andere als Pfarrer Gotteshäuser: Die Brüder Lukas Jäger alias Dagobert und David Jäger haben mehr gemein, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Pfarrer David Jäger (l.) und sein berühmter Bruder Dagobert
Ungleich und doch sehr gleich: Pfarrer David Jäger (l.) und sein berühmter Bruder Lukas alias Dagobert

Fast 190 Zentimeter gross und schlank ist er. Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» schreibt über Sänger Dagobert, er sei «diese seltsame Schweizer Mischung aus Dandy, armem Poeten und Hans im Glück». Er habe den Schlager für Hipster erfunden. Lukas Jäger wohnt in einer Wohnung ohne WLAN, TV und Radio im Berliner Viertel Prenzlauer Berg. Im August wurde er 34 Jahre alt. Seinen Geburtstag feierte der Aargauer Single mit Freunden in einer Berliner Karaokebar bis in die frühen Morgenstunden.

Frau
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Selbst David (38) spricht Bruder Lukas mit Dagobert an, Dagobert steht auch im Pass. Und Dagobert sagt über Beziehungen: «Ich habs probiert und festgestellt, dass das bei mir nicht funktioniert.» Im Gegensatz zur amerikanischen Comicfigur in Entengestalt schwimmt der Schweizer nicht im Geld. Auf seinem Konto habe er nur noch ein paar Euro, sagt er. Und: In den letzten zehn Jahren habe er wohl 1,3 Tonnen Reis gegessen, weil das «preiswert und nahrhaft» sei. Der Metzgersohn ist das jüngste von fünf Geschwistern, David ist das zweitjüngste, und lebt seit zwei Jahren vegan, weil das Leadsänger Mille Petrozza seiner neuen Lieblingsband Kreator auch tut. Inzwischen ist er mit ihm eng befreundet.

«Wir verstehen uns schon ziemlich gut»

Die Thrash-Metal-Band Kreator sei super, wirft Dagoberts Bruder David ein. «Früher bin ich mit Dagobert oft durch Clubs getingelt. Wir haben viele Abende und Nächte gemeinsam verbracht.» Heute ist David reformierter Pfarrer und war Vikar am Basler Münster. David mag aber auch die Musik seines Bruders und sagt, dass sie «etwas Echtes und Intimes» habe: «Ich fühle mich von seinen Liedern angesprochen.» Das Lied «Hochzeit» wurde an Davids Vermählung im Piemont uraufgeführt – mit Dagobert an der Orgel.

David ist mit Sabina (38) verheiratet, Vater von Jakob (9) und Lou (7). Sabina ist es auch, die die Bühnenkleider für Dagobert entwirft. Das deutsche Männermagazin «GQ» wählte ihn zum bestangezogenen Schweizer. «Ich glaube, derjenige, der diese Liste erstellt, kennt keine Schweizer», sagt Dagobert mit einem Lächeln. Aber die Kleider, die seine Schwägerin entwerfe, seien «schon ziemlich gut».

David und seine Familie befinden sich seit ein paar Wochen auf einer Reise, die sie während eines Jahres via Zentral- und Südostasien nach Neuseeland führen soll. Sabina, Primarlehrerin, und der Pfarrer unterrichten unterwegs die Kinder. Dagobert gefällt die Idee: «Ich finde sowieso, dass mein Bruder alles richtig macht.»

Obwohl sich die beiden nicht oft sehen, ­«verstehen wir uns schon ziemlich gut. Unter Brüdern ist das Verhältnis anders als unter Schwestern: eher entspannt.» Die beiden sind Geistesverwandte, wenn es um Schuhe, Kleider, Filme und Bücher geht. Und sie lesen beide Nietzsche. «Wir haben eine ähnlich nihilistische Lebenseinstellung, ähnliche Werte im Umgang mit anderen Menschen», sagt David. Und beide Brüder haben Kehrtwenden in ihren Biografien vollzogen: Vor seinem Philosophiestudium absolvierte David die Kunstschule Luzern und führte drei Jahre lang ein Atelier. «Anfangs malte ich viel und trank wenig. Mit der Zeit war es genau umgekehrt.» Das Hochwasser in Luzern im August 2005 schwemmte all seine Werke weg. David gab zuerst die Kunst und nachher sein Philosophiestudium auf, weil «ich mehr an den Grundfragen der Menschen interessiert war. In der Theologie konnte ich mich mit diesen beschäftigen.»

Dagobert dagegen trat mit 18 aus der Kirche aus, weil er in ihr keinen Sinn fand. Er zog sich 2005 für fünf Jahre in das Bergdorf Panix GR zurück. Er las nebst Nietzsche Donald-Duck-Taschenbücher, war auf Sinnsuche und fand seinen Künstlernamen. Heute träumt er in Berlin davon, den Lebensabend auf einer Südseeinsel zu verbringen. Doch dazu fehlt ihm das Geld. Vielleicht bringt Dagobert seine Finanzen mit seinem dritten Album ins Lot. Es soll im nächsten Jahr rauskommen.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Kostas Maros