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24. April 2017

Die Wollspinnerei von Trumps Air Force One

In einem Dossier zur Globalisierung berichteten wir kürzlich vom Ende der letzten Baumwollspinnerei der Schweiz. Ein paar andere spezialisierte Schweizer Textilfirmen haben überlebt. Etwa die Lantal in Langenthal: Sie produziert Teppiche und Sitzbezüge für Flugzeuge in aller Welt – sogar für die Air Force One des US-Präsidenten.

Der technische Leiter Andreas Christen
Der technische Leiter Andreas Christen weiss alles über die alten Spinnmaschinen.

Was haben Donald Trump, Barack Obama und sämtliche Swiss-Passagiere gemeinsam? Sie sitzen beziehungsweise sassen auf Produkten der Lantal Textiles AG. Das KMU in Langenthal BE produziert unter anderem Teppiche, Sitzgarnituren und Vorhänge für 70 Prozent aller Fluggesellschaften weltweit. Und auch für die Privatjets von VIPs wie etwa die Air Force One des amerikanischen Präsidenten. «In diesem Bereich sind wir Weltmarktführer», sagt Andreas Christen (39), Leiter Technik von Lantal sowie Präsident Arbeitskreis Garne, Zwirne und Bänder von Swiss Textiles.

Christen bekam Anfang Jahr besorgte Anrufe, als in einem Dossier des Migros-Magazins zum Thema Globalisierung stand, die letzte Schweizer Spinnerei sei geschlossen worden. Tatsächlich war die Hermann Bühler AG in Winterthur die letzte Baumwollspinnerei des Landes, die letzte Vertreterin der Industrie, die einst den Wohlstand der Schweiz mitbegründet hat. Doch rund ein halbes Dutzend auf bestimmte Nischen spezialisierte Spinnereien gibt es auch heute noch – darunter die Wollspinnerei Huttwil, die zu Lantal gehört.

Defekte werden selbst repariert

Dort rattern teils über 60 Jahre alte Maschinen, um die gefärbte Wolle von Tausenden von Schafen aus Neuseeland, Skandinavien und Grossbritannien zu Garnen zu spinnen, die anschliessend in einem weiteren Werk in Melchnau unter anderem zu Flugzeugteppichen gewebt werden. «Wenn an diesen Maschinen irgendwas kaputtgeht, müssen wir es selbst reparieren», sagt Christen. «Den Hersteller gibt es schon lange nicht mehr.» Die altertümlichen Geräte werden denn auch sorgsam gepflegt und gewartet und alle paar Jahre mit einer modernisierten Steuerung versehen.

Besonders stolz ist Christen darauf, dass praktisch sämtliche Arbeitsschritte auf dem Weg zum fertigen Produkt in der Schweiz vollzogen werden. Lediglich die Produktion der Wolle selbst passiert im Ausland. In Huttwil stapelt sich die Jahreswollproduktion von 200 000 Schafen. «Mit dieser Menge wären die Schweizer Schafe hoffnungslos überfordert», sagt Christen und lacht.

Dass sich die 1886 gegründete Firma in den 50er-Jahren auf die Innenausstattung von Flugzeugen spezialisierte, ist der KLM und einem weitsichtigen Chef zu verdanken. Damals unterbreitete Lantal der niederländischen Airline ein Angebot für Büromöbelbezüge. Dieses lehnte die KLM ab, fragte jedoch, ob man auch Bezüge für Flugzeugsitze herstellen könne. Lantal machte sich ans Werk und ­gewann dank Innovationen und technologischen Weiterentwicklungen immer mehr Kunden – später auch für die Innenausstattung von Bahnen, Trams und Bussen. Dank dieser spezialisierten Nische konnte selbst die Globalisierung Lantal nichts anhaben.

«Wir haben natürlich Konkurrenten», sagt Christen, «aber niemand ist so lange in diesem Geschäft wie wir, und niemand bietet so viele Arbeitsschritte aus einer Hand.» Lantal betreibt in Langenthal sogar ein Labor, in dem es die Feuerfestigkeit der Sitzbezüge und die Giftigkeit des dabei entstehenden Rauchs testet. Selbst Produkte der Konkurrenz werden hier zertifiziert.

Qualität, Design, Virtual Reality

Laut Andreas Christen hat Lantal den Mitbewerbern noch andere Dinge voraus: eine intensive Beschäftigung mit dem Design von Stoffen und Sitzen sowie Virtual-Reality-Brillen. Mit diesen können die Kunden virtuell durch fertig designte Flugzeuge spazieren, um den Look der Produkte quasi «in echt» zu erleben. «Zuverlässigkeit, Qualität, Erfahrung und stetige Weiterentwicklung machen es aus, dass unsere Kunden bereit sind, unsere höheren Preise zu bezahlen», sagt der ETH-Ingenieur.

Trotzdem stand auch das Management der Lantal unter Schock, als die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015 die Untergrenze zum Euro aufhob. «Wir setzten uns sofort zusammen und machten das ganze Budget neu.» Jeder Posten wurde angeschaut: Bringt das dem Produkt und dem Kunden etwas? «Wenn nicht, wurde er gestrichen – dazu gehörten auch die Renovation der Aussenfas­sade eines alten Gebäudes sowie ­Business-Class-Flüge auf Geschäftsreisen.» Dank solcher Massnahmen kam es weder zu einem Stellenabbau noch zu einem grösseren Einbruch.

Letztes Jahr machte Lantal 103 Millionen Franken Umsatz und kaufte im Ausland Firmen dazu; mit Verkaufsbüros ist das KMU auch in den USA und Asien präsent. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen 605 Mitarbeiter, in der Schweiz sind es 316 aus 17 Nationen. «Einige sind schon seit Jahrzehnten hier, kürzlich feierte jemand sein 45-jähriges Jubiläum. Teilweise arbeiten hier sogar zwei Generationen der gleichen Familie.»

Weil einige der Jobs so selten geworden sind, muss Lantal viele Mitarbeiter selbst ausbilden. Dazu gehören auch ein gutes Dutzend Lehrlinge, von denen einige am Ende übernommen werden. «Mir gefällt die Arbeit sehr», sagt Dean Gligorevic (17), der seit 2015 zum Textiltechnologen Fachrichtung Veredelung ausgebildet wird. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Färben von Fasern und Stoffen und findet es sehr interessant, mit den chemischen Prozessen zu experimentieren.

Lehrling Dean Gligorevic an einer Maschine, mit der Garne gefärbt werden.
Lehrling Dean Gligorevic ist auf die Veredelung von Textilien spezialisiert. Hier arbeitet er an einer Maschine, mit der Garne gefärbt werden.

Lehrling Dean Gligorevic an einer Maschine, mit der Garne gefärbt werden.

Gligorevic kam über seinen Bruder zu Lantal und war sich damals nicht bewusst, dass die Textilindustrie in der Schweiz derart unter Druck steht. «Viele Jobs in diesem Bereich werden in 20 Jahren wohl automatisiert sein», sagt der junge Mann, der dazu gerade für die Schule eine Arbeit schreibt. Über seine Zukunft macht er sich jedoch keine grossen Sorgen. «Ich bekomme hier eine gute Basis, mich später auch in andere Richtungen entwickeln zu können.»

Auch für Lehrlinge attraktiv

Laut Andreas Christen ist es nicht immer leicht, für den Textilbereich Lehrlinge zu gewinnen. «Wer die Branche nicht aus eigener Anschauung kennt und nur die oft negativen Schlagzeilen in den Medien liest, der ist erstmal abgeschreckt.» Die Spezialisierung auf die Luftfahrtbranche sei jedoch für viele attraktiv. «Wo sonst kommt man fast täglich mit Menschen aus aller Welt in Kontakt?» Der ETH-Ingenieur lernte Lantal als Student bei einer Betriebsbesichtigung kennen und fiel dabei dem technischen Leiter auf, dessen Nachfolge er inzwischen angetreten hat. «Er schlug über meinen Professor vor, dass ich meine Semesterarbeit bei Lantal schreibe, und so bin ich dann hängen geblieben», erzählt Christen, der mit Leidenschaft und grossem Fachwissen über die Verarbeitungsprozesse in der Spinnerei referiert.

Flexibilität und Innovation

Was braucht es, damit die Firma trotz aller Herausforderungen der Globalisierung und Digitalisierung eine Zukunft hat? «Flexibilität und stetige Weiterentwicklung – das gilt für das Management ebenso wie für die Mitarbeiter.» So hat Lantal etwa pneumatische Sitze für Business- und First-Class-Kabinen entwickelt, Sitze aus Luftkissen, die der Passagier selbst einstellen kann. Sie sind nicht nur bequemer für den Gast, sondern auch leichter als die bisherigen aus Schaumstoff, was den Airlines hilft, Kerosin einzusparen, Kosten zu senken und ihre Umweltbilanz zu verbessern. «Die Swiss hat es uns ermöglicht, die Sitze in ihren Maschinen zu testen, später hat auch die Lufthansa zugegriffen, was die Branche natürlich registriert hat.»

In der Schweiz dürfe man sich als Unternehmen nie auf den Lorbeeren ausruhen, sondern müsse immer vorwärtsschauen. «Nur so können wir den Qualitätsvorsprung gegenüber anderen Ländern halten und die höheren Preise rechtfertigen», sagt Andreas Christen. «Ich bin ­sicher, dass es Lantal auch in 40 Jahren noch gibt, allerdings wird die Firma dann vermutlich ganz anders aussehen.» 

Mehr Infos: www.lantal.com

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Mischa Christen