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16. April 2012

Die autofreie Mustersiedlung

Die Anbindung an das Netz des öffentlichen Verkehrs allein reicht nicht: Was es gemäss den Erfahrungen von Initianten einer deutschen Mustersiedlung für das Leben ohne (eigenes) Auto braucht.

In München-Riem, auf dem Messegelände des früheren Flughafens im Osten von Bayerns Hauptstadt, entstehen seit 2000 neue Wohnsiedlungen, teils mit speziell von der Stadt subventionierten Wohnungen, teils auch zu freien Marktpreisen. Die Münchner Initiative Wohnen ohne Auto,die Wohneigentümergemeinschaft Autofrei wohnen sowie die Genossenschaft Wogeno wirkten auf gute Bedingungen für künftige Mieter (teils ihre Mitglieder) hin, die ohne eigenes Auto in die Riem-Siedlung einziehen wollten. Einige der folgenden Anliegen wurden berücksichtigt, bei anderen mussten die Initianten Konzessionen machen. Vermutlich ähnlich wie bei den ersten autofrei konzipierten Häuserkomplexen in der Schweiz.

Die Forderungen, wie sie Maria Ernst und Gunhild Preuss-Bayer für Wohnen ohne Auto(von Umweltverbänden und Privaten 1995 gegründet) zusammenstellten, lassen sich auf drei Ebenen aufteilen:

1) NEUBAUTEN UND PARKPLÄTZE

Wenn es um den Erwerb oder die Miete von neuem Wohnraum geht, sollen künftig nicht allein staatliche Anreizsysteme den Verzicht auf ein eigenes Auto ein wenig belohnen. Zuerst einmal soll die Quersubventionierung von Parkplätzen beim Siedlungsbau durch den neu bereitgestellten Wohnraum beendet werden. Nicht nur in Deutschland, auch an etlichen Orten in der Schweiz wird bei neu erbauten Miets- und Eigenheim-Siedlungen zu jeder Wohneinheit ein Auto-Stellplatz mit verrechnet und im Pauschalpreis (Kauf oder häufig auch Wohnungsmiete) angeboten. Dies bedeutet, dass auf ein eigenes Auto verzichtende Miet- oder Kaufparteien die Stellplätze der anderen mit berappen.

A. Da das Geld kein unerheblicher Faktor beim Entscheid für oder gegen eine Lebensform ist, sollen die Abstellplätze für Privatwagen deshalb generell vom Wohnraum getrennt angeboten und verrechnet werden. Kurz: Wer kein eigenes Auto mit an den Wohnort nimmt und regelmässig Platz dafür benötigt, soll finanziell besser fahren als die Käufer oder Mieter mit eigenem Privatfahrzeug.

2) VERKEHRSSITUATION IM QUARTIER

A. Siedlungen mit Angeboten für autofrei Lebende sollten vom Wohngebäude aus bequem, schnell und ungefährlich (man denke an Kinder oder Pensionierte!) erreichbare Bahn- und/oder Busstationen aufweisen. Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist und bleibt das A und O einer Existenz ohne Privatwagen.
B. (Mitunter) Für autofreie Wohnformen vorgesehene Siedlungen, am besten gleich ganze Quartiere sollten auch verkehrsberuhigt designt und gebaut werden. Das bedeutet, dass nicht nur zwei bis drei Fusswege, sondern möglichst viele zentrale Verbindungsstücke durch die Siedlung nur Fussgängern und Radfahrern (bei genügend Platz oft auch dies getrennt) vorbehalten bleiben. Zweitens sollte die verkehrsberuhigte Situation in und um die Siedlung nicht bedeuten, dass einfach alle Parkplätze und Autos gleich vor oder hinter den drei bis vier Wohnhäusern warten, aber immer noch fast eines pro Wohnung...
Sonst bleiben mindestens Teile der Siedlung noch immer unattraktiv, allenfalls gar mit Gefahren für Kinder und allgemein Fussgänger im Verkehr.

3) GUT ERREICHBARE INFRASTRUKTUR

Einige Institutionen, die ohne Auto in nicht ermüdender Gehdistanz, im einen oder andern Fall vielleicht innert ein bis zwei Bus- oder S-Bahn-Stationen, verfügbar sein sollten, gehen immer wieder vergessen. An die Primarschule denken die meisten Eltern, an direkt angrenzende Naherholungs- oder Freizeitgebiete etwa längst nicht alle. Idealerweise entsteht eine neue (Teil-)Siedlung mit allen hier aufgeführten Angeboten schon auf Planungsstufe:

A. Einrichtungen des täglichen Bedarfs sollen gut zu Fuss erreichbar sein: Einkaufsmöglichkeit, Kindergarten und Grundschule sind grundsätzlich ein Muss, allgemeine Arztpraxen und/oder Apotheken wenn irgend möglich auch.
B. Genügend und leicht erreichbare Veloabstellplätze sind ebenso nötig. EIn Kellerabteil, wohin das Rad über Treppen getragen wird, sind nicht genügend Velo-freundlich und für Kinder allein meist ein unüberwindbares Hindernis.
C. Es sollten für die seltenen Bedürfnisse autofrei Wohnender nach einem Grosseinkauf oder ähnlichem wenige Angebote für Car-Sharing (in der Schweiz Mobility) vorhanden sein. Einige wollen schliesslich autolos (ohne eigenen Wagen) leben, die wenigstens komplett autofrei (ohne jede Nutzung von Autos).
D. Ein Balkon oder eine Terrasse reichen nicht: Gerade Familien ohne (eigenes) Auto benötigen in nächster Nähe mehr Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, weil sie ja eben nicht jedesmal 15 oder 30 Minuten in den Wagen sitzen wollen, um zu einem gut ausgerüsteten Spielplatz, einer Wiese zum Spielen oder den Waldweg zum Joggen zu gelangen.
E. Für den Arbeitsweg der Erwachsenen und alle Notwendigkeiten ausserhalb des täglichen Bedarfs ist wie bereits oben geschildert das Angebot des öffentlichen Verkehrs in nächster Nähe entscheidend. Gross weiter entfernt als drei Minuten zu Fuss oder maximal ebenso viel per Velo sollte der nicht sein.

Für autofrei Lebende wichtig: Naher ÖV-Anschluss (hier Tram).
Für autofrei Lebende wichtig: Naher ÖV-Anschluss (hier Tram).


Alle Punkte zusammen zeigen, dass tatsächlich wertvolle Lebensräume für Menschen ohne Privatautos von Anfang an etliches an konsequenter Planung, aber auch an Mitteln, erfordern. Mindestens in der Startzeit gelingt so etwas ohne die Unterstützung von Gemeinde oder Kanton respektive wirklich gut ausgestatteten (grossen) Genossenschaften kaum. Was wiederum bedeutet, dass zuerst eine positive Grundstimmungfür autolose Wohnformen in der lokalen Politik und der Gesellschaft Bedingung zu schaffen sind.

Der detaillierte Bericht der Initiative Wohnen ohne Auto zur Messestadt Riem

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Tina Steinauer