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21. Juli 2014

Die armen wilden Kerle

Ein Junge – Grund für Mitleid oder Glückstreffer?  (Bild: Fotolia)
Ein Junge – Grund für Mitleid oder Glückstreffer? (Bild: Fotolia)

Im Mittelalter war der Fall klar: Wenn ein Mann viele Söhne hatte, dann hatte er automatisch auch eine tüchtige Frau. Denn: Die holde Maid schenkte ihm nützliche Erben – und keine nutzlosen, schwächlichen Töchter. (Dass die männliche Samenzelle über das Geschlecht entscheidet, ahnte natürlich niemand …) Viele Jahrhunderte später hätte man es eigentlich besser wissen müssen. Aber Fehlanzeige. Als meine Grossmutter 1925 zur Welt kam, überbrachte die Hebamme dem Kindsvater die schlechte Nachricht: «Es ist leider kein Junge.»

Vor neun oder zehn Jahren hat sich aber etwas geändert. Es könnte auch schon vor 15 Jahren passiert sein, nageln Sie mich also nicht auf ein Datum fest. Tatsache ist: Heute lautet der Standardsatz eher so: «Wie doof, es ist leider ein Junge.» Denn: Mädchen sind herziger und leichter zu erziehen. Ausserdem gibt es viel schönere Mädchen- als Bubenkleider.

Kurzum: Die gleichen wilden Kerle, die früher ein Garant für gesellschaftliche Anerkennung, Wohlstand und soziale Sicherheit waren, sind still und heimlich zum Problemfall geworden. Jungs machen Sachen kaputt, können sich schlecht konzentrieren, sind zu laut oder zu wenig intelligent (im Vergleich zu den Doppel-X-Chromosomenträgerinnen). Zusammenfassung: Die Männer von morgen passen angeblich so gar nicht in die Welt von heute. Aber woran liegt das?

Ich hätte so eine Idee: Könnte es sein, dass die Eltern mit schuld daran sind, dass sich die Buben nicht so gut in unserer komplexen Welt zurechtfinden? Mir scheint sie lassen ihnen viel mehr durchgehen, weil sie davon ausgehen, dass es in ihrer Natur liegt, über die Stränge zu schlagen. Wenn Eva Ida ein Haar ausreisst und Ida Eva zur Strafe den Finger ins Nasenloch rammt, dann schreite ich ein und sage solche weisen Sachen wie: «Das macht man nicht!» Bubeneltern zucken nach meiner Erfahrung hingegen kaum mit der Augenbraue, wenn sich ihre Söhne prügeln. «Wisst ihr, meine Buben sind halt typische Jungs …» Wie blöd, dass die Kindergärtnerin, der Lehrer und später der Lehrmeister diesen Spruch nicht mehr hören wollen.

Keine Angst, ich lasse Sie, liebe Bubenmamis und liebe Bubenpapis, jetzt nicht in der Luft hängen. Sie bekommen von mir aber keine «klaren Ansagen» (die ja die Jungs angeblich so nötig haben). Und auch keine Gebrauchsanweisung, wie wir die ach so fragilen Söhne verstehen und unterstützen können. Ich möchte Ihnen eigentlich nur eine Sache mit auf den Weg geben: Erziehen Sie Ihre Kinder alle gleich. Ich glaube nicht, dass diese mickrigen XY-Chromosomen so einen grossen Unterschied machen (… abgesehen von den Penissen, die wirklich kurios sind).
Im Gegenteil. Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Kinder mehr oder weniger gleich sind. Sie alle testen Grenzen aus – und sie alle brauchen klare Regeln und stabile Leitplanken, um sich entwickeln zu können. Die richtige Richtung kommt dann ganz von selbst. Hoffe ich zumindest. Aber was weiss ich schon? Ich bin ja leider nur ein Mädchen.

Na gut, Sie wollen Rezepte, Sie bekommen Sie. Mir gefällt diese Neuerscheinung:

«Jungen brauchen klare Ansagen. Ein Ratgeber für Kindheit, Schule und die wilden Jahre», von Reinhard Winter. Beltz Verlag 2014. (Obwohl der Autor sich sehr sicher ist, dass Jungs ganz anders ticken als Mädchen … was ich wiederum nicht glaube, siehe Text oben. Trotzdem: wirklich brauchbares Buch.)

«Jungen. Eine Gebrauchsanweisung», von Reinhard Winter. Beltz Verlag 2012. (In diesem Buch geht es auch um praktische Tipps, die Eltern dabei helfen sollen, ihre wilden Kerle im Alltag besser zu unterstützen.)

Autor: Bettina Leinenbach