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14. September 2015

Die Anzeichen für chronischen Stress

Unter Stress versteht die moderne Leistungsgesellschaft schädlichen Druck auf das Individuum. Er schadet auf Dauer tatsächlich – doch woran erkennt man ihn?

Anhaltende Stressreaktionen
Anhaltende Stressreaktionen des Organismus können die Arbeitsfähigkeit und das Privatleben schwer beeinträchtigen. (Bild: iStockPhoto)

Der Begriff «Stress» wird in einem Jahr schon 80. Hans Selye, ein österreichisch-kanadischer Psychologe, führte ihn ein, um anfangs völlig wertfrei die Reaktion von Organismus und Psyche auf spezielle Herausforderungen zu beschreiben. Bald unterschieden Forscher zwischen Belastungen, die von eher positiv wahrgenommenen Entwicklungen und Veränderungen herrührten («Eustress»), und von solchen mit einer für das Individuum negativ betrachteten Situation einhergingen («Disstress»).

Heute hat der Begriff einen fast einhellig negativen Beigeschmack. Dabei wäre eine einmalige psychische und physische Stressreaktion keine Gefahr für die Gesundheit, im Gegenteil sogar oft (über)lebenswichtig. Voraussetzung wäre, dass die stressauslösende Situation sich nicht regelmässig in gleicher Form wiederholt und vor allem nicht über längere Zeit anhält.

Subjektive Wahrnehmung entscheidet
Doch was ist Stress überhaupt? Die klassische körperliche Reaktion hat zum Ziel, zusätzliche Leistung erbringen zu können: Erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentration, schlicht Muskelleistung oder anderes. Dafür werden aussergewöhnliche Energiereserven angezapft. Das vegetative Nervensystem steuert den Prozess, vor allem Hormone wie Adrenalin und Cortisol sorgen dafür, dass das Herz schneller schlägt, der Blutdruck ansteigt und die Muskeln gespannt werden.

Die Reaktion des Organismus blieb weitgehend dieselbe, doch während der frühe Homo sapiens dank Stress gegen Angreifer oder Naturgefahren besser gewappnet war, sieht sich der heutige Mensch im Alltag oft stetig wiederkehrenden psychologischen Belastungen ausgesetzt. Sein Berufsleben, die Familie oder das sonstige Umfeld konfrontieren ihn mit Herausforderungen, die er, wie er glaubt, kaum oder nicht mehr bewältigen kann. Jedenfalls nimmt er es subjektiv so wahr: Denn beim Stress ist die eigene Sicht entscheidend, keine objektive Bewertung von anstehenden Herausforderungen.

Vier Gruppen möglicher Symptome
Die Auslöser einer Stresssituation werden Stressoren genannt und lassen sich zumeist einfach bezeichnen: Krankheiten oder Schmerz, Lärm, Kälte oder Hitze, im Extremfall Sucht, Todesfälle naher Personen, Scheidung, Kündigung, Konflikte, grosse Sorgen, aber auch Zeitdruck.

Weil die Belastbarkeit der Betroffenen ganz unterschiedlich ist, ebenso wie die Wahrnehmung der Stresssituation, entscheiden oft Symptome respektive die Anzeichen, ob chronischer Stress vorliegt. Weil Betroffene im Stress oft nur ein eingeschränktes Sensorium für Veränderungen aufbringen, liegt es an Partner(inne)n, Familienangehörigen und engen Freunden, die Gestressten vorsichtig auf Probleme aufmerksam zu machen. Allerdings gilt es zu beachten, dass eine Mehrzahl der folgenden Symptome auch aus anderen Gründen auftreten kann – und dass meist erst etliche zusammen auf Stress hindeuten. Bei Verdacht empfiehlt sich nach einer Phase der Beobachtung der Gang zum Hausarzt.

EMOTIONAL
Starke Unsicherheit, hohe Unzufriedenheit
Unausgeglichene Stimmungslage(n)
Depressive Verstimmungen, genereller Motivationsmangel
Hohe (aussergewöhnliche) Gereiztheit/Nervosität
Erhöhte Wut und Aggressionsbereitschaft, stete Unmutsbekundungen
Angst- oder Panikattacken, hohe Schreckhaftigkeit

MUSKULÄR
Häufig und schnell auftretende Müdigkeit
(Spannungs-)Schmerzen im Kopf-/Nackenbereich oder Rücken
Regelmässige Krampferscheinungen
«Unruhige» Hände und Beine bis hin zu Zuckungen
Zähneknirschen, Kieferverspannungen und -kontraktionen
Grosse Probleme, sich zu entspannen

KOGNITIV
Anhaltend negative Denkmuster («alles geht schief», «das schaffe ich nie» u. Ä.)
Starke(r) Leistungsabfall/Leistungsschwankung
Konzentrationsprobleme, hohe Vergesslichkeit, «Aussetzer»
Wahrnehmungsverschiebungen (bis zu -störungen), Realitätsflucht
Häufige Albträume

VEGETATIV-HORMONELL
Atembeschwerden
Schlafstörungen, chronische Übermüdung
Wiederholt starkes Schwitzen (ohne grosse physische Anstrengung)
Beengung in der Brust, Kloss im Hals
Oft trockener Mund
Kopfschmerzen, speziell auch (Häufung von) Migräneanfällen
Schwankender Blutdruck in äusserlich nicht nachvollziehbaren Momenten
Schwindel(anfälle)
Wiederholte Magenbeschwerden oder Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall
Klar erhöhte Infektionsanfälligkeit
Herzrasen oder -stolpern, Herz-Kreislauf-Probleme allgemein

Autor: Reto Meisser