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29. Dezember 2014

Die andere Frau

Die ideale Mutter
Dank der idealen Mutter: Die Prinzessin darf alles und fühlt sich erwachsen. (Bild Getty Images)

Wir erziehen die Kinder seit ungefähr einem halben Jahr zu dritt. Da ist Herr Leinenbach, da bin ich – und da ist diese andere Frau. Fragen Sie mich nicht, wie sie heisst. Keine Ahnung. Ich habe sie auch noch nie zu Gesicht bekommen. Aber es gibt sie.

Sie verstehen nicht? Dann helfe ich Ihnen auf die Sprünge: Eva, unsere Vierjährige, hat seit einigen Monaten eine imaginäre Freundin. Obwohl – «Freundin» trifft es nicht ganz. Eva hat eine imaginäre Erziehungsberechtigte. Wenn meine Tochter von der anderen Frau erzählt, dann redet sie immer nur von «meiner Mutter». Ich, die dieses Kind zehn Monate lang im Bauch geschaukelt, es über eine meterlange Nabelschnur durchgefüttert und unter Schmerzen geboren habe – bin hingegen nur «das Mami».

Man könnte ja denken, dass Mamis eher die Lieben und Mütter die Bösen sind. Bei uns ist es umgekehrt. Diese blöde Kuh macht immer einen auf guter Cop – und für mich bleibt die Rolle des bösen Cops. Hier ein kleines Beispiel aus unserem Alltag:
«Eva, ich hatte dir doch verboten, das Hello-Kitty-Parfüm an die Wand zu sprühen …»
Eva daraufhin: «Meine Mutter hat es mir aber erlaubt.»
«Diese Mutter, die du da hast, die hat ja so was von keine Ahnung … Her mit dem Parfüm!»
«Meine Mutter kennt sich aber sehr gut mit allen Sachen aus. Und sie hat gesagt, man darf das auf die Möbel und in die Haare sprühen.»
«Richte ihr meine besten Grüsse aus. Sie kann ja in ihrer Wohnung die Wände versauen, aber hier nicht.»
«Aber Mami, meine Mutter wohnt auch hier.»

Eine Vierjährige, die nicht nur eine imaginäre Figur, sondern auch eine komplette Biografie dazu erfindet, das ist doch toll, oder? Wir wären aber merkwürdige Eltern, wenn wir uns nicht doch ein wenig gesorgt hätten. Ist alles in Ordnung mit der Kleinen? Schläft sie genug? Fehlen ihr Vitamine? Warum erschafft sie ein Wesen? Evas überbordende Fantasie war eben nicht nur drollig, sondern auch ein wenig gespenstig. Wir versuchten krampfhaft, die «andere Mutter» zu verstehen. Ich sage Ihnen, das ist eine wirklich merkwürdige Person. Sie erlaubt stundenlanges Fernsehgucken, stört sich nicht daran, wenn Zähne ungeputzt und Haare ungestrählt bleiben. «Mutter» serviert gerne Pommes frites zum Zmittag und ekelt sich mega vor Broccoli. Ausserdem liest sie Bücher grundsätzlich von Anfang bis Ende in einem Rutsch vor.

Wir haben immer noch nicht den vollen Durchblick. Eines ist uns aber klar geworden: Wenn Eva Besuch von der Fremden hat, dann ist das Teil eines Spiels. Unser Kind kreiert so nicht nur eine eigene Welt, es spielt auch verschiedene Verhaltensmuster durch. Das ist erstaunlich. Wir haben jedenfalls beschlossen, das fünfte Familienmitglied zu akzeptieren. Neulich deckte ich sogar ein fünftes Gedeck.
«Für wen?», wollte Eva wissen.
«Na, für deine Mutter, die hat doch sicher auch Hunger.»
«Aber Mami, die ist schon vor langer Zeit weggezügelt.»
Der Buchtipp zur Kolumne
«Spielen macht schlau. Warum Fördern gut ist, Vertrauen in die Stärken Ihres Kindes aber besser.» Gräfe und Unzer Verlag. 978-3-8338-3568-1

Autor André Frank Zimpel erklärt, warum das kindliche Spiel so wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen und Buben ist. Ein aufschlussreiches, leicht verständliches Buch – lesenswert.

Autor: Bettina Leinenbach