Archiv
26. Mai 2015

Die Aliens aus dem Erdgeschoss

Hecken-Alien
Ein Vertreter der bösartigen Hecken-Aliens, wenn auch hier nicht in der Thuja-Variante. (Bild iStockPhoto)

Wenn Sie in einem frei stehenden Haus wohnen, das allein auf einem einsamen Berggipfel steht, dann gratuliere ich Ihnen herzlich. Dort oben haben Sie nämlich garantiert keine Nachbarn. Zur Erinnerung: Nachbarn sind Menschen, die nach dem Zufallsprinzip rund um uns verteilt wurden und mit denen wir uns Treppenhaus, Waschküche und/oder Trottoirs teilen müssen. (Manchmal auch den Ehemann, aber das ist eine andere Geschichte.)
Glücklich ist, wer von gleichgesinnten Nachbarn umzingelt ist. Die sind einem wohlgesonnen, da sie mit den gleichen Problemen kämpfen (schreiende Kinder, bockige Waschmaschinen, Katzen mit Durchfall) oder sich noch daran erinnern können, dass sie mal mit den gleichen Problemen gekämpft haben. Von daher haben sie erwartungsgemäss wenig zu motzen. Gleichgültige Menschen in der Wohnung oder dem Haus nebenan sind auch okay. Jeder macht sein Ding und hält sich aus den Dingen der anderen raus.

Schwierig wird es erfahrungsgemäss nur, wenn der Mensch, der nebenan oder obendrüber wohnt, von einem anderen Stern kommt. Zum Beispiel vom Planeten Gartenzwerg oder dem Motzmeteor. Mit Nachbarn, die aus dem Putzfrauenuniversum eingereist sind, ist es meist auch lustig. Im Laufe der Jahre sind mir ausserdem die Thuja-Hecken-Aliens, eine weitere extraterrestrische Spezies, ans Herz gewachsen. Ich sage Ihnen, das sind echt spezielle Nachbarn. Sie haben neben der Pflege ihrer Thuja-hecke eigentlich nur zwei weitere Lebensinhalte: Observation und Dokumentation. Observation heisst, dass sie den ganzen Tag auf ihrem Sitzplatz herumhängen und anderen bei ihrem Leben zuhören oder zugucken. Etwaige Regelverstösse, und davon gibt es eine Menge, werden genüsslich erfasst und abgespeichert (=Dokumentation). Die Thujaner weichen nur ungern, dafür aber mit vollem Einsatz von ihrer Tagesroutine ab, um wahlweise ihre Nachbarn, ihre Nachbarskinder oder andere Haustiere anzuschnauzen.

Obwohl sich das wissenschaftlich nicht belegen lässt, glaube ich fest daran, dass in jeder Überbauung mindestens ein grässlicher Nachbar lebt, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Wo kämen wir auch sonst hin, wenn jeder einfach tun und lassen könnte, was ihm gerade in den Sinn kommt? Gut, gibt es diese moralischen, juristischen und religiösen Instanzen in Form aufmerksamer Nachbarn. Hat das 3. OG rechts seinen Kehrichtsack eigentlich ordentlich verschnürt in den Container geworfen? Warum hält sich der Müller aus Nummer 23 nicht an das Reglement und stellt seine stinkenden Stiefel im Treppenhaus ab? Und zügelt der Dicke aus dem Vorderhaus tatsächlich an einem Sonntag?

Wenn Sie in einem frei stehenden Haus wohnen, das allein auf einem einsamen Berggipfel steht, bedaure ich Sie trotzdem auch ein wenig.
Dort oben haben Sie nämlich garantiert keine Nachbarn, die Ihre Kinder nach dem Chindsgi abfangen, wenn Sie selbst im Stau stehen. Dort bringt Ihnen keine Sau frisch gebackene Muffins vorbei, wenn Ihr Kühlschrank nach einer langen Reise gähnend leer ist. Und dort lacht niemand gemeinsam mit Ihnen über die nervigen Nachbarn.

Autor: Bettina Leinenbach