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14. Mai 2012

Aggressionen wachsen mit

Der erste Schritt auf dem Weg zur angemessenen Reaktion von Eltern und Angehörigen auf Gewaltausbrüche von Kindern ist die Kenntnis um die Entwicklungsstufen der Kleinen.

Wutanfälle oder Angriffe von Kleinen auf andere Kinder oder Erwachsene stellen die Eltern regelmässig vor Probleme. Einfach ohne Reaktion durchgehen lassen wollen die meisten das Verhalten nicht, selbst bestrafend eingreifen gerade im Kleinkindalter aber genauso wenig.
Gerade bei Kindern bis zwei Jahren machen eigentliche Strafen laut Fachleuten ohnehin keinen Sinn. Höchstens eine Reaktion, die eine Konfliktsituation konsequent und ohne weitere Gewalt entschärft - und dabei vielleicht auch dem Kindeswillen widerspricht.
Beispiel: Ein Anderthalb- oder Zweijähriger haut im Sandkasten ein gleichaltriges Kind mit einem Spielzeug. Die Eltern laufen hinzu, das getroffene Kind heult. Da macht es meistens Sinn, den ‚Täter‘ vom Spielplatz weg ins Haus zu tragen, und vielleicht zu sagen, dass es dem Gspänli weh getan hat (sicher dann, wenn das Kleinkind schon einen Begriff hat von Schmerz). Mit Strafe hätte das nichts zu tun, denn diese können Kinder bis gegen drei Jahren in der Regel kaum verstehen. Einem Klapps von Mami oder Papi oder schon dem Streichen der versprochenen Schokolade würde der klare Bezug zum ersten Schlagen des Kindes fehlen. Anders gesagt: Es wäre aus Kleinkindperspektive ein willkürlicher Akt.
Kommt es beim Handeln der Eltern darauf an, Alter und Verständnis des Kindes stets mit zu bedenken, so beginnt die angemessene Reaktion auf Aggressionen damit, die Entwicklungsstufen der Kinder zu kennen. Schliesslich wird beim Zwei- oder Sechsjährigen meist nicht aus derselben Motivation geschlagen oder gebissen.
migrosmagazin.ch hat die ENTWICKLUNGSSTUFEN mit Blick auf das kindliche Aggressionsverhalten zusammengefasst:
Bis 6 Monate: Primäre Emotionen ausdrücken
In den ersten Monaten verfügt das Baby schon über ein ausgeprägtes und vielseitiges Repertoire an Gefühlen. Im Grunde allein über Mimik und Gestik drückt es diese auch aus. Im Zentrum der Kommunikation, die starke Zeichen von Missbilligung beinhalten kann, für Erwachsene aber lange schwer verständlich daherkommt, steht jedoch letztlich die Festigung des Urvertrauens zwischen Kind und Eltern und damit erste Entwicklungen zur Identität.
6 bis 12 Monate:Es geht um die ‚Sache‘
Hier geschieht in der Motorik bereits sehr viel, vieles wird (etwa kriechend) schon erkundet und dabei erster Ärger und der Umgang damit erprobt. Dies ist möglich, weil erste Zusammenhänge von Ursache und Wirkung wahrgenommen werden.
Erste Aggressionen wie Reissen, Stossen und ähnliches lassen sich feststellen, doch sind sie stets Objekt-bezogen und nie Personen-bezogen. Das heisst, der Ärger oder die Wut richtet sich im Grunde stets auf eine Sache, nie gegen die Eltern oder andere bekannte Gesichter.
Zweites Lebensjahr:Beginn der Trotzphase
Ab spätestens zur Hälfte des zweiten Lebensjahres (18 Monate) beginnt beim Kind die Trotzphase, die sich bis zum Alter von fünf Jahren hinziehen kann. Dazu gehört bereits das ganze Palmarès an Verhalten wie Schlagen, Schreien, Kratzen, Beissen, an den Haaren Reissen, Treten, Stossen, Werfen von Gegenständen, schlicht Drohgebärden oder bockiges Verhalten.
Die Gründe dafür können schon sehr verschieden sein: das Erkämpfen von Aufmerksamkeit, Eifersucht, Etablieren einer Hack- respektive Rangordnung, Konkurrenzkampf mit Geschwistern oder anderen Kindern, teils speziell um Besitz oder Raum sowie weitere Spannungen mit dem Umfeld.
Allerdings entwickeln sich in denselben Phasen auch ganz andere, komplexe Empfindungen wie Verlegenheit, Neid, Scham, Mitleid und ähnliches. Zudem werden häufig forsche Arten, die Motorik weiterzuentwickeln und zu testen, von Erwachsenen als aggressives Verhalten missdeutet.
Drittes Lebensjahr: Schädigendes Verhalten gelernt
In dieser Zeit entwickelt sich überhaupt erst richtig das Verständnis des Kindes für eigene und bald auch fremde Gefühle, es beginnt auch mal gewisse Emotionen durch entsprechende Signale vorzutäuschen und die Wirkung aufs Umfeld zu ‚testen‘. Ein wichtiges Signal: Das Kind lernt die ersten Schritte, Gefühle sprachlich zu vermitteln.
Im Übrigen ist diese Phase vor allem die Zeit, während der es neu aggressives Verhalten absichtlich, auf bestimmte Personen gerichtet und mit bewusst schädigender Absichteinzusetzen vermag. Und die Formen der Aggression beginnen sich nun auch wirklich klar von einem Klein kind zum andern individuell zu unterscheiden.
Kindergarten- und erstes Schulalter:Lösungen und Regeln finden
In Konflikten sucht das Kind erstmals konsequent andere Zustände, Hierarchien, Regeln und Kommunikationsarten als die zu Hause etablierten. Natürlich kommt es bei diesen an sich lange spielerischen Vorgängen zu Konflikten, auch mal zu heftigen. Es beginnt eher die Zeit von verschiedenen (mitunter) physischen Auseinandersetzungen, dafür ging oder geht die Trotzphase vorbei. Schliesslich verfügt das Kind nun teilweise schon über Möglichkeiten des Spannungsabbaus und zumindest im Ansatz der Problemlösung.
Grundschulalter:Stärkere Individualisierung
Später werden die aggressiven Verhaltensweisen immer unterschiedlicher, auch komplexer, sowohl jene von einzelnen wie jene von Gruppen. Verdeckte, maskierte Arten von Gewaltanwendung nehmen zu, andererseits auch die Ausgrenzung von Kindern, die sich momentan oder öfters gegen die Gruppe stellen.
Eine Thema für sich wären die Entwicklungen von Aggressionen bei Jugendlichen. Hier können Ablösungstendenzen und die Findung der Identität gesteigerte Aggressivität (oft scheinbar ohne Ziel) hervorrufen, doch auch Verweigerungs-Haltungen und Passivität oder emotional instabiles Verhalten sind häufig.

Autor: Reto Meisser