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19. November 2012

«Di Strass wo ni drann wone»

Mani Matter und seine Heimatstadt Bern sind untrennbar miteinander verknüpft. Ein kleiner Rundgang vom Haus der Grosseltern über Wohnorte und Lieder bis zum Grabstein auf dem Friedhof.

Mani Matter
Mani Matter (Bild Keystone)

Bei den meisten ausserordentlichen Musikern oder Schriftstellern reicht es nicht, biografisch wichtige Orte abzuklappern, um deutlich näher an ihr Schaffen und ihre Werke heranzukommen, oft reicht es nicht einmal für eine Annäherung an ihr Leben. So erfährt man auch beim folgenden Vorschlag eines Berner Stadtrundgangs nicht einfach, wie im Detail das sehr Konkrete, Bodenständige in den Liedern Mani Matters mit dem auch mal Philosophischen oder raffinierten Sprachspielen zusammenhängt, wo und warum es vom einen ins andere kippt. Wie viel unverkennbares Bern findet sich in Matters Chanson? Die Frage bleibt ebenso unbeantwortet wie die leise Hoffnung der Mani-Matter-Fans, ein wenig von seinem Liedgut und seiner Sprache gehöre bis heute auch zu Bern.

Dennoch lässt sich mit Hilfe der Mani-Matter-Website ein Parcours zusammenstellen, der in gut einem halben Tag Einblicke in Mani Matters Stadt, mit der er Zeit seines Lebens stets verbunden blieb, erlaubt. Und selbst wenn sich die Schweizer Hauptstadt in den letzten 40 Jahren weiter entwickelt hat, ein Stück von Mani Matters Heimat ist geblieben: Ein eigener Mix aus städtisch-weltoffenem Flair, etwas nonchalenter Gemütlichkeit und einer Spur von fast trotzigem Traditionsbewusstsein, das einfach nicht nach anderen Lebensräumen oder zukünftigen Lebensweisen fragen will. Hört man sich die Lieder des mit Abstand bekanntesten Schweizer Liedermachers des letzten Jahrhunderts wieder an, speziell jene mit einem Bezug zu Bern, glaubt man beinahe, die stille Bewunderung, bisweilen aber auch eine Ration Verzweiflung oder Auflehnung gegenüber seiner Heimat herauszuspüren. Ersteres eher bei der poetisch nüchternen Hommage an seinen letzten Wohnort: «Di Strass wo ni drann wone», das Zweite bei der zuerst harmlosen Fantasie «Ds'Nüünitram». Vielleicht ermöglichte ja auch das gelegentliche Abheben mit dem Tram die jahrzehntelange Treue zum Wohnort.

VOM FRIEDHOF ZUR KINDHEIT
Um mit einer optimistischeren und offeneren Note zu schliessen, schlagen wir vor, die Mehrheit der für Mani Matters Leben bedeutenden Berner Standorte in umgekehrter chronologischer Reihenfolge zu erlaufen und zu erfahren:

Auf dem Bahnhofplatz steigt man in den NFB-Bus Richtung Bremgarten und steigt bereits bei der Haltestelle Bremgartenfriedhof aus. Hier findet man das grosse, jedoch unscheinbare Grab Mani Matters B 9007 00 0526 im Norden, fast angrenzend an die Bahnstrasse.
Auf dem Weg zu Matters letzter Wohnadresse spazieren wir über Friedbühlstrasse, Loryplatz (hier kann zum Kraftsparen auch für zwei Stationen der Bus gewählt werden, bis Hasler) und Schwarztorgasse zum Monbijou und besteigen dort das Tram Nr. 9 Richtung Köniz. Bis zur Haltestelle Wabern-Gurtenbahn hören wir dem 'Nüünitram' beim Verlassen seiner Geleise und beim Fliegen zu.
Danach gehts mit «Di Strass wo ni drann wone» über ein Stück der Dorfstrasse hinauf links in die Kirchstrasse und unverzüglich zum nächsten Matter-Lied, das seinem Wohnhaus an der Weidenaustrasse 15 gewidmet ist. Tatsächlich befindet es sich an einem der zwei Zugänge zu einem idyllisch kleinen Friedhof.
Darauf schlagen wir unterwegs zum Kirchenfeld-Schulhaus(hier absolvierte Mani bis 1955 das Gymnasium) für Auswärtige ein kleines touristisches Intermezzo vor: Nach der Seftigen- und Sandrainstrasse gehts zu Fuss den Lindenau-Weg hinunter, über die Fussgänger-Passerelle zum Tierpark Dählhölzli. Nach einem Kaffee und der verdienten Stärkung folgen wir dem Tierparkweg, weiter der Thomannstrasse und biegen nach rechts in die Kirchenfeldstrasse ein, wo nach ein paar Schritten das stattliche Schulhaus nicht verfehlt werden kann.
Darauf schreitet man einfach noch etwas weiter bis rechterhand am Jubiläumsplatz 2 die Englische Kirche St. Ursula auftaucht, in der 1963 Mani und Joy heirateten.
Beinahe am längsten wohnte Mani Matter an der beschaulichen Egelbergstrasse 28 (1951-1963), die wir bequem vom Thunplatz aus mit dem Bus bis Sonnenhof (Richtung Ostring) und zu Fuss durch die Egelgasse, vorbei am Egelmösli-Weiher, erreichen.
Nun gehts endlich in die Altstadt, über den Rest der Egelgasse, die Schlosshaldenstrasse, (rechts) den Höhenweg hinunter über einen Fussweg zur Nydeggbrücke und die Nydegggasse und zuletzt an die Gerechtigkeitsgasse 69. In diesem Haus zum Distelzwang arbeitete Matter die letzten Jahre als Rechtskonsulent.
Der Beweis dafür, dass seine Heimatstadt mit etwas Verspätung sehr wohl den Wert seines Chansonniers erkannte, ist nun ganz nah: Rechts abbiegen zum Rathausplatz, nach wenigen Metern linkerhand steht man am oberen Ende des Mani-Matter-Stutz, der 2003 auf diesen Namen getauft wurde.
Als nächstes besuchen wir nach eher melancholischen Liedern den Schauplatz eines der zupackenderen Liebeslieder Matters, dem «Ds Eisi» in der Metzgergasse. Dahin gelangt man nach dem Stutz einige Hundert Meter weiter auf der Rathausgasse.
Sicher nicht fehlen auf dem Rundgang darf die wichtigste Bühne Mani Matters in der Berner Innenstadt, die von Freund Bernhard Stirnemann geleitete Rampe an der Kramgasse 55: Einfach nach der Metzgergasse die nächste Querstrasse der Rathausgasse links einschlagen. Hier trat er mit den Berner Troubadours (neben Stirnemann Jacob Stickelberger, Fritz Widmer, Ruedi Krebs und Markus Traber) auf.
Auf dem Weg zur Kindheit Mani Matters passieren wir die Neuengasse 4 (erst durch die Markgasse, rechts zum Waisenhausplatz und wieder links), den alten Coiffeursalon des Dällebach Kari, den niemand respektvoller beschrieb oder besang als Matter.
Folgt man der Neuengasse bis ans Ende und wählt nach ein paar Schritten nordwärts auf dem Bollwerk den Fussweg westlich, so erreicht man das Universitäts-Hauptgebäude an der Hochschulstrasse, wo Mani Matter zwischen 1955 und seinem Tod erst studierte, doktorierte und als Dozent lange Jahre Jus unterrichtete.
Vorbei an der Brückefeldstrasse 10 (zuerst von der Uni durch Sidlerstrasse und Alpeneggstrasse nordwärts), wo das Ehepaar Matter bis 1965 knapp zwei Jahre wohnte und die erste Tochter zur Welt kam, treffen wir rechts über die Mittelstrasse und wieder links die Neubrückstrasse auf die Diessbachstrasse. Hier verbrachte Mani Matter seine Kindheit, von 1937 bis 47 in Nr. 25 und danach bis 1951 in Nr. 5.
Wer mag, schlendert noch eine Querstrasse (Riedweg) der Neubrückstrasse in nördliche Richtung und gelangt so an den Engeriedweg 10, wo Manis Grosseltern (vaterseits) lebten, oder auf der Neubrückstrasse gar weiter bis zur Studerstrasse. An der Nr. 56 findet man nämlich Manis Primarschulhaus Enge (1943-47).

Mehr Infos, genaue Standorte und teils Lieder zu den Zielen des Parcours finden Sie auf dem Matter-Stadtplan (zum Herunterladen rechts oben auf Matter Spadtplan klicken, Flash Player erforderlich)
Karte mit Öffentlichen Verkehrsmitteln: http://maps.google.ch

Autor: Reto Meisser