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08. September 2014

Deutschstunde

«Ein Angler, der viel Geduld hat, ist ein … Angler.» Richtige Antwort: «geduldiger». Klingt einfach, nicht wahr? Aber so was will den Schülerinnen und Schülern zunächst beigebracht sein! Nils, der Götti unserer Anna Luna, hat aus der Schule geplaudert. Er ist Lehrer und versuchte seiner Klasse unlängst beizubringen, wie man Adjektive aus Nomen ableitet. Im Jargon heisst das Suffigierung und klingt viel komplizierter, als es ist: «Bei der Suffigierung von Nomen zu Adjektiven wird ein Nomenstamm mit einem Suffix zu einem Adjektivstamm verbunden», weiss die Fachliteratur, «Gold + en = golden, Fehler + haft = fehlerhaft, Glück + lich = glücklich, und so weiter.»

«Arjona hat eine gute Antwort gegeben. »
«Arjona hat eine gute Antwort gegeben.»

Aber so genau wollte unser Nils es nicht wissen. Er wollte lediglich sehen, ob die Schülerschaft das Prinzip begriffen habe, und fragte in einem Lückentext nach den jeweiligen Wiewörtern: «Ein Hemd aus Seide ist ein … Hemd», stand da. Oder: «Eine Landschaft im Winter ist eine … Landschaft.» Eine Schülerin, nennen wir sie Arjona, füllte das Prüfungsblatt wie folgt aus: «Ein Hemd aus Seide ist ein weicher Hemd.» Knapp daneben. Sogar doppelt knapp. Aber gut gemeint! «Eine Landschaft im Winter ist eine gemütliche Landschaft.» Eigentlich gar nicht so falsch.

Und dann setzte Arjona noch eins drauf; den Satz «Eine Antwort, die du im Trotz gibst, ist eine … Antwort» komplettierte sie so: «Eine Antwort, die du im Trotz gibst, ist eine gute Antwort.» Lehrer Nils hat die Lösungen allesamt als falsch taxiert. Er mache sich etwas Sorgen um die Sprachkompetenz der Jugendlichen, beschied er mir hernach.

Ich sehe das lockerer. Ans «undenufe Topple» musste ich denken, besungen in «Dr Hansjakobli und ds Babettli» von Mani Matter. Das Spiel zweier Kinder mit dem Tabourettli, dem Küchenstuhl, war ihm Sinnbild dafür, dass allzu oft von oben herab gestampft, auf den Kleinen herumgetrampelt werde.

Er ermunterte zum Protest. «I wett fasch säge, d Wält wär freier, wenn meh würd grüeft: ‹He, he, Frou Meier!›» Hatte Matter nicht recht? Wenn Parteipräsidenten am Fernsehen uns Familien das Blaue vom Himmel versprechen – und dann tun sie doch nichts? Sollten wir sie dafür nicht abstrafen? Wenn die steinreiche Firma Glencore Arbeiter in fernen Ländern unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften und Bodenschätze fördern lässt, dank denen diese Firma mit Schweizer Sitz dann Milliarden verdient – aber sie bezahlt null Franken Steuern … Sollten wir braven Bürger, die wir unsere Steuern bezahlen, uns nicht darüber ärgern? Oder wenn es uns am Montagmorgen ganz einfach stinkt, schon wieder das Badezimmer auf Hochglanz zu polieren, sollten wir dem inneren Schweinehund, diesem Trotzkerl, nicht einfach mal recht geben und es bleiben lassen? Und wie oft habe ich meine Kinder schon für eine vorlaute Antwort getadelt, mir aber insgeheim gedacht, wie recht sie doch hatten?

Ich behaupte nicht, Arjona habe sich all dies überlegt. Dazu wäre in einer Deutschprüfungslektion auch gar nicht genügend Zeit. Dennoch finde ich, sie hätte eine bessere Note verdient. «Eine Antwort, die du im Trotz gibst, ist eine gute Antwort», schrieb sie. Nehmen wir an, Arjona hat ihre Antwort aus Trotz hingeschrieben. Dann wäre es eine verdammt gute Antwort.

Bänz Friedli live: 13. 9. Gams SG.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli