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26. August 2013

Deutsche Entwicklungshilfe

Lange bevor zahlreiche Schweizer Spieler die Bundesliga eroberten, erteilten uns deutsche Fussballer Nachhilfe. Darunter Weltklassespieler wie Karl-Heinz Rummenigge oder Günter Netzer und grossartige Trainer wie Hennes Weisweiler und Ottmar Hitzfeld.

Günter Netzer
Günter Netzer: Ein Weltstar lässt in der Schweiz seine glanzvolle Karriere ausklingen (Bild: Getty Images).

An die 200 Spieler mit deutschem Pass waren aktiv an der langjährigen Geschichte des Schweizer Fussballs beteiligt. Nicht alle hatten einen Namen von Weltruf. Es gab auch – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – Blankenburgs, Rohrschneiders und Wiblishausers. Dass aus einem Engagement in der Schweiz jedoch auch etwas Handfestes werden kann, beweist der lange Jahre aktive Trainer der deutschen Nationalmannschaft: Joachim Löw beendete hierzulande seine (wenig glanzvolle) Spielerkarriere und kickte bis 1995 für Schaffhausen, Winterthur und Frauenfeld.

Weltstars in der Schweiz

Sie spielten für Real Madrid und Bayern München, wurden Welt- und Europameister sowie Europacup-Sieger und holten mehrere nationale Meisterschaften. Günter Netzer, Uli Stielike und Karl-Heinz Rummenigge liessen ihre ruhmreichen Karrieren in der Schweiz bei Servette Genf, Xamax Neuchâtel und Grasshopper Zürich in den 70er- und 80er-Jahren ausklingen. Allerdings nicht mit demselben Erfolg: Während Netzer in der Saison ’76/77 lediglich 26-mal für GC auflief, bloss drei Tore erzielte und weder Meisterschaft noch Cup-Sieg feiern konnte, triumphierten Stielike und Rummenigge auf der ganzen Linie. Ersterer wechselte nach acht Jahren Real Madrid zu Xamax, wo er noch drei Jahre lang blieb und in den Jahren 1987 und 1988 Schweizer Meister wurde – und später sowohl Xamax als auch die Schweizer Nationalmannschaft trainierte. Auch der langjährige Bayern- und Inter-Stürmer Rummenigge kam nach erfolgreichen Jahren in Deutschland und Italien 1987 in die Schweiz und lief insgesamt 50-mal für Servette auf. In seiner zweiten Saison bei den Genfern wurde er mit 29 Treffern Torschützenkönig und Schweizer Meister.

Auf dem Feld und an der Linie

Zwei langjährig aktive NLA-Spieler trainierten nach ihrer Karriere höchst erfolgreich Schweizer Vereine – nachdem sie bereits als Spieler grosse Fussspuren hinterlassen hatten: Ottmar Hitzfeld und Timo Konietzka. Letzterer startete seine erfolgreiche Karriere bei Borussia Dortmund und ist dort vor allem in Erinnerung geblieben, weil er das erste Tor der Bundesligageschichte erzielte. Bereits 1967 wechselte er in die Schweiz zum FC Winterthur und später zum FC Zürich, wo er zunächst als Spielertrainer zum Einsatz kam und zweimal den Cup holte. Konietzka beendete seine Spielerkarriere im Jahr 1973 und übernahm gleichzeitig das Traineramt. Dreimal in Serie holte er mit dem FCZ die Meisterschaft und erreichte sensationell das Halbfinale des Landesmeistercups. Zwei weitere Stationen in der Schweiz waren Young Boys Bern und Grasshopper Club Zürich, wo er 1982 einen weiteren Schweizer-Meister-Titel gewinnen konnte. Konietzka blieb zeitlebens in der Schweiz und betrieb bis zu seinem Tod ein Restaurant in Brunnen.

Ottmar Hitzfeld lancierte seine Spielerkarriere 1971 beim FC Basel. Gleich in den ersten beiden Saisons wurde er mit dem Verein Schweizer Meister und einmal Torschützenkönig. Nach einem Abstecher zum VfB Stuttgart spielte er noch für Lugano und Luzern und beendete dort 1983 seine aktive Karriere. Im selben Jahr heuerte er beim SC Zug an und schaffte direkt den Aufstieg in die NLA. Nach einem vierjährigen Engagement beim FC Aarau mit einem Cupsieg 1985 wechselte Hitzfeld 1988 zu den Grasshoppers. Während dreier höchst erfolgreicher Jahre holte er zwei Meistertitel und drei Cupsiege, bevor er 1991 zu Borussia Dortmund wechselte. Der derzeitige Schweizer Nationaltrainer krönte seine Karriere mit dem doppelten Gewinn der Champions League: 1997 mit dem BVB und vier Jahre später mit dem FC Bayern München.

Entdeckt wurde Hitzfeld übrigens von einem anderen Deutschen. Helmut Benthaus, der seinerseits lange Jahre für den FC Basel als Spieler, Spielertrainer und Trainer akiv war, bildete Ottmar Hitzfeld aus. Benthaus selbst holte insgesamt sieben Schweizer Meistertitel – zwei davon übrigens gemeinsam mit Jürgen Sundermann, dem späteren Trainer von Servette Genf und Grasshopper Zürich.

Deutsche Fussballlehrer

Fast 30 Trainer aus Deutschland trainierten eine oder gleich mehrere Schweizer Mannschaften. Erst kürzlich hat mit Michael Skibbe ein international erfahrener Trainer mit deutschem Pass zu Grasshopper Zürich gewechselt – er folgt auf die bei Basel und Luzern Beschäftigten Thorsten Fink, Heiko Vogel und Christian Brand.

Die erste sportliche Entwicklungshilfe wurde aber schon viel früher geleistet. Vor über 60 Jahren übernahm Albert Sing die Berner Young Boys und führte sie – zuerst als Spielertrainer, anschliessend nur an der Linie – zwischen 1957 und 1960 zu vier Meistertiteln in Serie. Sing heuerte anschliessend bei sieben weiteren Schweizer Vereinen an und hinterliess unter all seinen Landsmännern den mit Abstand grössten Fussabdruck im Schweizer Fussballsport. Ebenfalls noch in den 50er-Jahren arbeiteten Rudi Gutendorf, der heute mit den meisten internationalen Engagements im Guinness-Buch der Rekorde steht, und Jupp Derwall, der spätere Nationaltrainer Deutschlands, in der Schweiz. Derwall wurde mit seinem Land 1980 Europameister und 1982 Vizeweltmeister, Gutendorf wurde für seine Arbeit auf allen Kontinenten dieser Welt mehrfach ausgezeichnet.

Zwischen 1960 und 1990 arbeiteten mehrere berühmte deutsche Trainer in der Schweiz. Unter anderem der Mönchengladbach- und Barcelona-Trainer Hennes Weisweiler bei Grasshopper Zürich, Schalke-Legende Friedel Rausch bei Luzern und der 70-fache deutsche Nationalspieler Hans-Peter Briegel bei Glarus. Doch das waren bei weitem noch nicht alle. Deshalb nachfolgend eine Aufzählung weiterer deutscher Fussballer und Trainer, die bei Schweizer Vereinen arbeiteten.

Ausgewählte Spieler (alphabetisch): Felix Bastians, Marco Dittgen, Bernd Dörfel, Norbert Eder, Franco Foda, Jürgen Gjasula, Jonny Hey, Francis Kioyo, Wiggerl Kögl, Peter Közle, Oliver Kreuzer, Axel Kruse, Jürgen Mohr Rudolf Nafziger, Roberto Pinto, Nick Proschwitz, Tobias Rathgeb, Alessandro Riedle, Sreto Ristic, Souleymane Sane, Sahr Senesie, Markus Steinhöfer, Suat Türker, Jens Truckenbrod, Armin Veh, Uwe Wassmer, Uwe Wegmann, Stefan Wessels.

Trainer (chronologisch): Franz Linken (58-62 FC Grenchen, 62-65 FC Luzern), Helmuth Johannsen (81-85 FC St. Gallen), Werner Olk (85-86 FC St. Gallen), Uwe Klimaschefski (86-87 FC St. Gallen), Hannes Bongartz (88-89 FC Zürich), Wolfgang Frank (89-90 FC Aarau), Herbert Neumann (89-91 FC Zürich), Uwe Rapolder (93-96 FC St. Gallen), Jörg Berger (97 FC Basel), Egon Coordes (98 FC Luzern), Jochen Dries (98 FC Sion, 99-00 FC Aarau), Jürgen Seeberger (99-2000 FC Kriens, 2000-2007 FC Schaffhausen), Gernot Rohr (05-07 BSC YB), Ralf Loose (05-06 FC St. Gallen).

Fehlt ein wichtiger Spieler, vielleicht ausgerechnet von Ihrem Lieblingsverein? Schreiben Sie den Namen ins Kommentarfeld unten und wir ergänzen die Liste.

Autor: Reto Vogt