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19. September 2016

Der Zaubertopf

Ein Zaubertopf von früher
Ein Zaubertopf von früher ... oder: heute braucht es keine Hexen mehr. (Bild: Getty Images)

Langsam wurde es echt aufdringlich. Immer wenn mich meine Mutter in letzter Zeit anrief, fragte sie mindestens ein Mal (ganz beiläufig), ob ich ihn nun endlich gekauft hätte. Meine Schwester musste sie damit nicht mehr belämmern, die hat nämlich schon einen und bearbeitete mich seither fleissig mit. Schwesterherz hängte seit Wochen an jede WhatsApp-Nachricht auch noch ein Foto von ihm an. Nackt und glänzend stand er dort auf ihrer Küchenabdeckung, umringt von Gerichten, die er (angeblich) binnen Sekunden gezaubert hatte. Foodporn aus luftigem Hefeteig, cremiger Glace und Rettichsalat mit Nüssen.
Echt jetzt, dieser Kerl schreckte vor nichts zurück.

Neulich riss mir der Geduldsfaden. Ich liess meine liebste Verwandtschaft wissen, dass er mir niemals ins Haus komme. Dieser Foodprozessor namens Thermodingsbums mag andere Hausfrauen beglücken – mich aber sicher nicht. Denn was sollte ich mit einem oberhässlichen Küchengerät, das eine Million Goldtaler gekostet hatte und beim Einschalten wie ein landender Düsenjet tönte? «Aber gerade so jemand wie du hätte so viel Freude mit der Maschine», mahnte die Schwester an.

So jemand wie ich? Wie meinte sie das? «Na, du kannst doch gar nicht kochen. Stell dir vor, wie sehr sich Ida und Eva freuen würden, wenn dir ein Gerät den Job abnehmen würde.»
Mist! Here we go! Ich wurde weich. Selbstverständlich nutzte das die Verwandtschaft schamlos aus. Als ich meine Schwester besuchte, liess sie mich dauernd mit dem Ding allein. Ungefähr so, wie man Kinderlosen Babys in den Arm drückt. Ich sollte mal schnell ein Süppchen mit ihm kochen. Oder mit seiner Unterstützung ein Brot backen. Das Gerät gab mir genaue Anweisungen. Mache dies, mache das! Es wog und häckselte, köchelte und blubberte – und am Schluss kam etwas Essbares raus.
War ja kein Wunder, dass wir uns unter diesen Bedingungen aneinander gewöhnten. Nach einigen Tagen hatte ich mich in den hässlichen Küchenhelfer verknallt. «Geben Sie bitte ein Ei ohne Eierschalen hinzu!» klingt total verführerisch für eine Kochniete wie mich.

Als ich vom Schwesternbesuch wieder zurück war, erzählte ich Herrn Leinenbach mit glänzenden Augen von dem (möglicherweise) neuen Kerl in meinem Leben. Ich schwärmte von seinem starken Motor, dem Präzisionshäckselwerk, der eingebauten Waage und dem Chip mit den drei Millionen Rezepten darauf. Mein Mann verzog voller Abscheu das Gesicht und schüttelte energisch den Kopf: «So lange ich der Mann hier im Haus bin, kommt mir so ein hässliches, ultralautes und zudem irrsinnig teures Ding nicht ins Haus.» Dann redete er voller Leidenschaft über die Kunst des Kochens. Ich verstand kein Wort.

Nun frage ich Sie: Ist es verwerflich, wenn ich mir diesen Hausfreund zulege? Ich könnte ihn diskret zwischen meine Nähmaschinen stellen. Ein bisschen mehr Krach würde dort nicht auffallen …

Autor: Bettina Leinenbach