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11. März 2013

Der Wolf in der Gondel

Als ich jung war und noch regulär arbeiten ging, ass unsere Abteilung meist geschlossen in einer Beiz im Berner Lorraine-Quartier zu Mittag. Eine Genossenschaftsbeiz wars, denn wer etwas auf sich hielt, damals, liess sich nicht von einem Arbeitgeber ausbeuten, sondern beutete sich selber aus. Zum Beispiel in einem Genossenschaftsspunten. Item. In dem Lokal war eine Frau tätig, die jeglichem Fleischkonsum abhold war und am liebsten auch der Kundschaft davon abgeraten hätte. Jedenfalls schrieb sie — egal, ob es Rindsgeschnetzeltes oder Schweinsvoressen, Chüngel oder Poulet gab — jeweils mit Kreide an die Tafel: «Menü 1: Kartoffelgratin, Blumenkohl, totes Tier.» Und wir nahmen die ebenso makabre wie treffende Formulierung dann auf und bestellten mit den Worten: «Ich nehme gern das tote Tier; mit Suppe.»

«…und ich sah nur Gekritzel.»
«…und ich sah nur Gekritzel.»

Mir fiel die Frau aus der «Brasserie Lorraine» wieder ein, als die Debatte über falsch bezeichnetes Fleisch in Tiefkühl- und anderem Fertigfood aufflammte. Einerlei, was drin ist, hätte sie gesagt — es ist totes Tier. Und Hans meinte nur: «Ach, komm! Wer die Lasagne nicht selber macht, ist doch selber schuld.» Seine Lakonik gefiel mir natürlich, und sie war erst noch ein verstecktes Kompliment an meine hausgemachte Lasagna. Aber ich muss aufpassen, dass ich ihn jetzt nicht zu sehr rühme. Denn vermutlich fanden auch Sie letzte Woche, ich hätte unseren Sohn etwas gar über den grünen Klee gelobt. Nur, weil er am Computer ein Filmchen erstellt habe, sei er noch kein Genie. Man findet die eigenen Kinder halt immer die pfiffigsten, herzigsten, besten der Welt, man ist entzückt über ihre Sprüche, gerührt ob ihrem bettelnden Blick. (Dabei wollen sie nur ein Snickers läschelen.) Und man lobhudelt sie buchstäblich für jeden … Scheiss: «Bravo! Super schön hesch du ggagelet! Und super Bisi gmacht. Bravo!» Behaupten Sie bloss nicht, Sie hätten das nie zu Ihren Kleinkindern gesagt.

…und ich sah nur Gekritzel.

Irgendwie sagt man ihnen ja nach ­allem und jedem: «Das hast du super gemacht!» Als unsere Süssen mal sommers im Bündnerland mithelfen durften, die Pferde einer ansässigen Bäuerin zu füttern, lobte ich auch: «Super!» Darauf Donata, die Bäuerin: «Nai. Das hens überhaupt nit supr gmacht.» Die Frau ist sozusagen das Original der Talschaft. Eine Linke sei sie, hört man. Feministin. Biobäuerin. Eine Taffe. Rabiat, wenn es drauf ankomme. Mit Ehrfurcht sprechen alle von ihr, wobei Furcht die Ehrerbietung überwiegt. Weil sie halt eine ist, die einem ihre Meinung geradeheraus sagt. So auch an besagtem Sommertag. Nein, die Kinder hätten das nicht so toll gemacht. Sie seien schliesslich Anfänger. «S kann nit supr sy, wenns s erscht moll isch.» Man solle Kindern nicht dauernd Lob vorlügen.

Ist eine Zeichnung «wunderschön», wenn man darauf nichts erkennt? Gute Frage. Max, der dreijährige Sohn guter Freunde, zeigte mir letzthin eine Zeichnung. Am Nachmittag war er mit der Gondel auf den Männlichen gefahren, und ich sah nur Gekritzel. Doch Max erklärte mir alles ganz genau. Die Gondel. Die Passagiere. Den Berggipfel. Und den Wolf, der mit ihnen in der Kabine gewesen sei. «Ein Wolf?», frage ich mit gespieltem Entsetzen. Antwort: «Ja, aber ein lieber.» Wie hätte ich ihm widersprechen wollen, nach solch einem Abenteuer?

Bänz Friedli live: 14.3. Belp BE (ausgebucht).

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli