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14. Januar 2013

«Der Weg führt über die Eigeninitative»

Tim Renner, Boss des Berliner Labels «Motor», erklärt exklusiv auf migrosmagazin.ch, was Musiker tun müssen, wenn sie international Karriere machen wollen.

«Motor»-Boss und Pop-Professor Tim Renner
«Motor»-Boss und Pop-Professor Tim Renner wartet mit Tipps für angehende Popstars auf.


TIPPS FÜR ANGEHENDE POPSTARS UND RENNERS SCOUT-ROLLE EXKLUSIV AUF MIGROSMAGAZIN.CH

Tim Renner, wie oft steckt man Ihnen die Demo-CD eines hoffnungsvollen Künstlers zu?

Oft. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb ich Karl Heinz Brandenburg für die Erfindung MP3 so dankbar bin. Früher war es schlimmer, heute bekomme ich meist Zettel mit einem Link in die Hand gedrückt. Das transportiert sich leichter und beult die Taschen nicht so aus.

Hören Sie sich alles an?

Das ist für keinen Musikmanager der Welt machbar. 99 Prozent aller Demo-CDs landen in grossen Kisten, und Menschen, die ein gutes Gewissen haben wollen, lassen diese Kisten irgendwann von Praktikanten vor-sichten. Dann hört sich ein Junior die Auswahl an und die letzten vier, fünf Ergebnisse landen bei mir. Als wir mit Rammstein den Vertrag unterschrieben, holten sie breit grinsend ein Ablehnungsschreiben hervor, das wir ihnen Jahre zuvor geschickt hatten.

Welches Vorgehen empfehlen Sie Künstlern, die nach oben wollen?

Promo CDs in der Gegend herumzuschicken bringt gar nichts. Lieber die Karriere erst mal selbst in die Hand nehmen. Dank Digitalisierung kann heutzutage jede Band selber dafür sorgen, dass ihre Aufnahmen einigermassen vernünftig klingen. Und sie kann alleine bewegte Bilder ins Netz stellen, also Youtube und Co. nutzen. Jeder, der in einer Band spielt, kennt irgendwelche Menschen, die wiederum andere Menschen kennen. Also kann er anfangen, virale Kampagnen für sich im Netz zu starten – und Kontakte zu seinem langsam wachsenden Fankreis zu pflegen. Früher konnte es sich kaum eine Band leisten, jedem Konzertbesucher persönlich einen Brief zu schreiben, um ihn auf dem Laufenden zu halten, was gerade so ansteht. Heute verschickt eine Band elektronische Newsletters und bindet die Fans so von Anfang an mit ein. Amateure können relativ viel tun, ohne viel Geld in die Hand nehmen zu müssen. Sie bauen sich eine Struktur auf und bekommen eine Relevanz. Und sobald sie die haben, ist das genau der Punkt, wo garantiert irgendjemand aus der Branche sie bemerkt.

Und dann kommt ein Manager wie Sie ins Spiel und macht ihn berühmt?

Ich kann nichts komplett erschaffen, ich kann nur optimieren. Also das herausarbeiten helfen, was an einer Band, einem Künstler echt und wahrhaft ist. Ich unterstütze sie dabei, darauf aufzubauen und schaue, dass eine Wertigkeit entsteht, die anhält. Den grossen Durchbruch garantiert allerdings auch das nicht. Es schafft aber beste Voraussetzungen dazu.

Oder auch nicht. Und dann hoffen Künstler noch mit 50, in irgendwelchen Castingshows endlich entdeckt zu werden?

Heute haben viel mehr Leute die Möglichkeit, ihren Traum auszuleben – und im Zweifel rechtzeitig genug zu scheitern. Es geht ja im Leben darum, die Sachen, die einen wirklich bewegen, auch zu versuchen. Es ist völlig legitim, mit Fünfzig den Kindern zu erzählen, Papi hat alles gemacht, um ein grosser Rockstar zu werden, aber es hat einfach nicht gereicht.

Und wenn Papi mit 60 immer noch Rockstar werden will?

Dann kann er es natürlich immer noch versuchen. Aber es ist normalerweise für die Lebensenergie besser, wenn er es in jungen Jahren ausgelebt hat. Ich finde es gesünder, ein paar Jahre später mit dem Studium oder der Lehre zu beginnen, und bis dahin alles zu versuchen. Wenn es nicht klappt, klappts eben nicht. Dafür habe ich später lustige Anekdoten aus den drei Jahren, in denen ich alles gab, um Musik-Karriere zu machen.

Woran erkennen Sie, ob es sich lohnt, auf einen bestimmten Künstler zu setzen? Gibt es konkrete Kriterien, oder sind Sie eine Art Kaffeesatzleser?

Nein, das bin ich sicher nicht! Ich versuche zu spüren, was bei den Menschen gerade relevant ist, was sie bewegt. Daraus ergibt sich die Überlegung, was sie in Zukunft bewegen wird. Musik ist nichts anderes als Emotion. Ich arbeite also mit emotionalen Gütern und die verändern sich konstant. Die Gefühlslage einer ganzen Nation, einer Kultur, verändert sich ja auch unentwegt. Das, was als Ausdruck von Herzlichkeit in den Zwanzigerjahren üblich war, empfindet man heutzutage als albern und überzeichnet. Ich muss versuchen, herauszufiltern, was wirklich emotional relevant ist, was berührt, mich und andere. Dazu muss man weniger Kaffeesatz lesen, als viel eher auf sich selber hören. Es kann durchaus sein, dass mich ein Künstler, eine Musik überhaupt nicht erreicht. Er eine Emotion transportiert, die für mich absolut irrelevant ist. Und nachher stellt sich heraus, dass es ein Riesending ist. Trotzdem ist es richtig, nicht mit so jemandem zusammenzuarbeiten, denn bei mir wäre es kein Riesending geworden. Weil ich die Emotion nicht verstehe und sie somit auch nicht rüberbringen kann. Ich wäre der falsche Übersetzer.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Jan von Holleben