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14. März 2016

Der Wasserverkäufer

Fussballbegeistere Kinder gibts scheins auch in Seattle.
Fussballbegeistere Kinder gibts scheins auch in Seattle.

«Water for soccer, water for soccer!», ruft der kleine Bub mit dem asiatischen Gesicht und dem nordamerikanischen Akzent den Vorbeiflanierenden zu, ein ums andere Mal. Er hat es sich auch auf ein Stück Pappe gekrakelt und dieses am Geländer der Uferpromenade festgezurrt: «Water for soccer, 1$». Niemand hier ist in Eile, dennoch bleiben nur wenige stehen. Will ihm dann doch jemand Wasser abkaufen, zieht er aus einer offenen Kühlbox eine Petflasche, reicht sie dem Käufer und nimmt mit kaum merk­barem Nicken den Dollarschein entgegen. In Seattle wars, an einem herbstlichen Sommertag – warm, aber nicht heiss. Die nahen Wolkenkratzer warfen harte Schatten, hoch am Himmel standen verschwindende Wolkenspuren wie Schlieren an ungeputzen Scheiben. Fern ragten Hafenkräne auf, gleich einem Schwarm gieriger Vögel.

Bänz Friedli (50) wünscht alles Gute.

Blasses Sonnenlicht bescheint die Planken einer Plattform, die in die Meeresbucht hinausragt. Darauf hocken Jugendliche im Schneidersitz, eine Alte liest blinzelnd die «Seattle Times» und muss sie festhalten, damit die auflandige Brise sie ihr nicht aus der Hand wischt. Touristen spazieren zum Vergnügungspark am Pier, heimische Jugendliche rollen auf Longboards vorbei. «Water for soccer!», ruft der Kleine ihnen zu und hebt eine seiner Flaschen in die Höhe. Ob er zu Hause leere Petflaschen am Hahn abgefüllt hat oder ob die Fläschchen tatsächlich das Mineralwasser enthalten, das die Etikette verspricht, spielt keine Rolle. Der kleine Kerl ist rührend.

«Water for soccer!» Wasser für Fussball? Was es mit der Losung auf sich habe, frage ich. Er sammle für seine Schwester. Die möchte ein Fussballlager besuchen, ein «soccer camp», und ihr fehle das Geld dazu. Ob er denn selber nicht auch gern in das Lager fahren würde, will ich wissen. «Doch, schon. Aber jetzt sammle ich für meine Schwester», sagt er ernst. Sie spielen beide bei Seattle United. Ihm ist egal, dass Fussball hier in den USA nicht den grössten Stellenwert hat. Er mag das Spiel. «Water for soccer!», ruft er einem vorbeigehenden Paar zu und blickt mich dann mit seinen schmalen, dunklen Augen von unten herauf an. Durst habe ich ­keinen. Aber ich drücke ihm zehn Dollar in die Hand und wünsche «Good luck!».

Wie ein Refrain dringt der Ruf im Weitergehen noch viele Male ans Ohr: «Water for soccer!» Bis er schliesslich nicht mehr zu hören ist. Und man wünscht dem Buben, er möge eine grosse Karriere machen und, viel wichtiger noch, er möge den Spass am Sport nicht verlieren. Und vielleicht macht ja seine Schwester die grosse Karriere?

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli