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02. Juli 2012

«Der Verstand kann nicht alles erklären»

Janine Spirig bricht über zehn Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes ihr Schweigen. Der Lehrer Paul Spirig wurde 1999 von Ded Gecaj, dem Vater einer Schülerin, erschossen. In einem Buch hat die 43-jährige Ostschweizerin die schwierige Zeit danach verarbeitet.

Auch 13 Jahre nach dem Mord an ihrem Mann «chnorze» sie manchmal noch mit ihrem Trauma, sagt Janine Spirig (43). «Die Tat hat den Rahmen der Normalität gesprengt.» Sie hat ihr Leben zerstört, ihre beiden Mädchen, die damals drei und fünf Jahre alt waren, zu Halbwaisen gemacht; das Kleinste war noch im Bauch der Mutter. «Ich wusste nicht, ob ich das überlebe, mein Leben stand auf Messers Schneide.» Sie habe oft gehadert und sich gefragt, warum gerade ich? Warum tut jemand so etwas Schreckliches? Antworten habe sie keine gefunden.

Paul Spirig war ein sozialer Lehrer, mit einem Gespür für die Sorgen von Migrantinnen und Migranten. Das wurde ihm zum Verhängnis. (Bild: Keystone)
Paul Spirig war ein sozialer Lehrer, mit einem Gespür für die Sorgen von Migrantinnen und Migranten. Das wurde ihm zum Verhängnis. (Bild: Keystone)
Die Trauerfeier für Paul Spirig fand am 18. Januar 1999 in St. Gallen statt. (Bild: Keystone)
Die Trauerfeier für Paul Spirig fand am 18. Januar 1999 in St. Gallen statt. (Bild: Keystone)

Im Januar 1999 erschoss der Vater einer Schülerin den Mann von Janine Spirig. Paul Spirig hatte die Schülerin vor dem Suizid bewahrt, ihr Vater, der Kosovo-Albaner Ded Gecaj, hatte sie jahrelang sexuell missbraucht. Die Öffentlichkeit sprach vom «Lehrermord von St. Gallen». Das Medieninteresse, national und international, war riesig. Es war ein Drama, das die Frage nach einem besseren Zusammenleben von Schweizern und Immigranten aufgeworfen hat. Janine Spirig litt still und ging trotzdem weiter, für ihre beiden Mädchen und ihr ungeborenes Kind.

Sie hat sich nie in die Öffentlichkeit gedrängt. Janine Spirig sagte am 18. Januar 1999 an der Trauerfeier in St. Gallen ein paar Worte — danach nie mehr. «Ich war nicht an einer Sensation interessiert und bin es auch heute nicht.»

Einen gangbaren Weg aus den Trümmern zu finden und ihre Familie wieder aufzubauen, erforderte all ihre Kraft. Sie entschied, sich ganz auf das Lebenserhaltende auszurichten. «Ich wollte nicht das arme Opfer sein. In der Öffentlichkeit wird man schnell dazu gemacht», sagt sie.

Das Bedürfnis, einen Strich unter das Ganze zu ziehen

Janine Spirig musste für ihre Familie funktionieren. Kraft fand sie in ihrer eigenen Mitte. «Es war wie ein Tornado. In seiner Mitte ist es still, auch wenn es aussen alles umfegt. Aber man darf sich vom Sturm nicht umhauen lassen. Es gibt immer Möglichkeiten, auch wenn man sie auf den ersten Blick nicht sieht. Man braucht aber eine Vision. Meine war, dass aus dem Schrecklichen etwas Gutes wachsen möge.»

Nach 13 Jahren Schweigen veröffentlicht sie das Buch «Asche und Blüten». Es ist ihr «Liebeslied an das Leben», in dem sie ihren Weg mit dem Schicksal aufgezeichnet hat. Janine Spirig hatte das Bedürfnis, einen Strich unter das Ganze zu ziehen. «Die Ereignisse sind ein abgeschlossenes Kapitel, das ich nun ins Büchergestell versorgen kann.» Die Geschichte sei in der Öffentlichkeit immer wieder ein Thema gewesen, sei nicht zur Ruhe gekommen, auch in den Medien nicht. Ihr Erfahrungsbericht könne Menschen helfen, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben. Geschrieben hat sie das Buch jedoch für jemand ganz bestimmten: «Für meine Kinder.»

Heute trifft man auf eine lebensfrohe Frau mit einem feinen Schalk im Gesicht. Immer noch etwas schüchtern zwar, aber strahlend. Mit ihrer Familie steht sie mitten im Leben. «Es geht uns gut. Viele gute Menschen haben uns auf unserem Weg unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar.» Geholfen haben ihr vor allem die Familie, die Tageseltern, ihr Rechtsanwalt und ihr Supervisor.

«Das Leben und der Tod liegen für mich sehr nahe beieinander», sagt Janine Spirig. Ihr Sohn kam vier Monate nach der Ermordung ihres Ehemannes zur Welt. (Bild: Daniel Ammann)
«Das Leben und der Tod liegen für mich sehr nahe beieinander», sagt Janine Spirig. Ihr Sohn kam vier Monate nach der Ermordung ihres Ehemannes zur Welt. (Bild: Daniel Ammann)

Janine Spirig wohnt im Appenzellerland und arbeitet seit 20 Jahren als Körpertherapeutin. Auch in die Arbeit flössen ihre Erfahrungen direkt ein, was nicht nur eine grosse Bereicherung sei, sondern auch ihren Klienten direkt zugutekomme. «Traumatisierte Menschen brauchen in erster Linie Empathie und Authentizität.»

Die Ämter seien damals mit einer Extremsituation konfrontiert gewesen. Ein Gespräch mit den offiziellen Stellen sei nicht möglich gewesen: «Alle waren überfordert.» Sie hätte sich eine individuelle Lösung gewünscht, die sich weniger an Paragrafen orientierte, sagt Janine Spirig. «Ich hätte mir zum Beispiel die Unterstützung der Spitex gewünscht über zwei oder drei Jahre, und zwar bezahlt.»

Sich von der Wucht des Negativen nicht in die Tiefe ziehen lassen

Den Lebensunterhalt für drei Kinder zu bestreiten, bereitete ihr immer wieder Kummer. Häufig sei sie vor der Frage gestanden: Geld oder Energie? «Ich habe mich dann meistens für die Energie entschieden», sagt sie und schmunzelt. Diese Energie setzte sie ganz für die Kleinen ein. «Die Kinder und ich sind heute ein dickes Team.» Inzwischen sind sie 13, 17 und 19 Jahre alt und stellen noch immer Fragen. «Ich habe ihnen immer die Wahrheit gesagt — mit Worten, die für sie erträglich sind.»

Hass bringt niemandem etwas, er bringt nur Schmerz.

Das Verbrechen selbst stand für Janine Spirig nie im Vordergrund. Auch die Nationalität des Täters nicht. «Es liegt mir fern, kollektive Verurteilungen auszusprechen. In jedem Land gibt es Menschen, die das Lebenserhaltende wollen, und andere nicht. Die Motive von Verbrechern sind uns nicht klar.»

Als Ded Gecaj 2010 im Gefängnis Selbstmord beging, habe sie das nicht weiter beschäftigt. Sie wollte sich am Positiven orientieren. «Die Tat war absolut grausam, wir litten unsäglich, doch für mich war es eine Entscheidung, mich von dieser Wucht an Negativem nicht in die Tiefe ziehen zu lassen. Hass bringt niemandem etwas, er bringt nur Schmerz.»

Am Abend, als ihre Kinder nach einem langen Tag im Bett waren, kam sie beim Tagebuch schreiben zur Ruhe. Dort konnte sie ihre Gedanken und Gefühle sortieren und ordnen.

Dann habe sie oft «Sternenmomente» erfahren, in denen ein Leitstern in der Dunkelheit aufleuchtete und ihr die Richtung aufzeigte. «In solchen Sternenmomenten spürte ich, dass es im Leben mehr gibt, als wir mit unserem Verstand erklären können. Etwas, das alles trägt und grösser ist als wir. Trotzdem wusste sie oft nicht, wie der nächste Tag aussehen würde.

Ein neues Kapitel hat in Janine Spirigs Leben begonnen

Mit der Zeit häuften sich die Tagebuchnotizen zu Bergen. Aus den Schubladen voller ungeordneter Blätter ist nach starkem Aussortieren und Bündeln ihr Buch entstanden. «Es war reif wie eine Frucht, die vom Baum gefallen ist.» Da aus dem Schrecklichen viel Wunderbares entstanden sei, wählte sie den Titel «Asche und Blüten». «Was passiert ist, hat einen friedlichen Ort in mir gefunden. Klar, gibt es immer noch schwierige Momente, oder das Traumatische bricht jäh wieder durch. Aber heute stehe ich an einem ganz anderen Ort, ich trage niemandem etwas nach.»

Den Kindern gehe es gut, das sei das Wichtigste. Dafür habe sich alle Mühe gelohnt. «Es ist ein Geschenk, dass es so herauskommen ist.»

Janine Spirig, «Asche und Blüten. Ein Liebeslied ans Leben», Appenzeller Verlag, 2012, bei Ex Libris mit 20 Prozent Rabatt erhältlich (27.70 Franken statt 34 Franken).

Radiohinweis: «Doppelpunkt», DRS1: Lehrermord: Der lange Weg mit dem Trauma, Donnerstag, 12. Juli, 20.05 Uhr

Autor: Daniela Schwegler