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19. November 2012

Der Untergang der Untertitel

In den Schweizer Kinos werden immer mehr synchronisierte Filme gezeigt. Die Filmbranche bedauert dies und die Untertitelungsfirmen müssen Jobs abbauen. Sind die lesefaulen Jungen an dieser Entwicklung schuld?

Ronald Ducrest
«Unser Untertitelungsgeschäft ist in den letzten fünf Monaten um 50 Prozent eingebrochen.» Ronald Ducrest, Geschäftsführer der Titra Schweiz, mit einer Untertitelungsmaschine.
Alex Stoop und Pedro Correia im Interview
Alex Stoop und Pedro Correia bei der Aufnahme des Interviews.

DAS SAGEN DIE KINOFANS
Die Umfrage des Migros-Magazins im Kino Abaton: Vierzehn Zürcher Kinogänger oder Paare erklären, weshalb sie die Originalversion oder die synchronisierte Fassung vorziehen.
Die Youtube-Kurzinterviews zeigen eine breite Palette an Vorlieben und erstaunlich differenzierte Meinungen.

Wer im Kino eine Originalfassung mit Untertiteln sehen will, muss sich sputen. Viele Filme laufen auch in den grossen Städten nur ein bis zwei Wochen im Original, danach gibt es nur noch die Synchronfassung. Und bei manchen läuft sogar von Anfang an nur die deutschsprachige Version. Laut dem Schweizer Kinoverband Pro Cinema wurden im Jahr 2011 43 Prozent aller Tickets für eine Originalfassung gekauft. 2003 waren es noch 55 Prozent, und seither geht es stetig abwärts.

Dieser Trend wird in der Filmindustrie lautstark bedauert, von Verleihern ebenso wie von Kinobetreibern — am stärksten betroffen sind allerdings diejenigen beiden Firmen, die sich seit Jahrzehnten den Schweizer Untertitelungsmarkt aufteilen: die Cinetyp in Luzern und die Titra in Genf. Noch mehr zu schaffen macht ihnen jedoch die Umstellung der Kinos auf digitale Filmkopien.

«Unser Untertitelungsgeschäft ist in den letzten fünf Monaten um 50 Prozent eingebrochen», sagt Ronald Ducrest (68), Geschäftsführer der Titra Schweiz. Die Umsätze sinken schon seit zwei Jahren. Das liegt daran, dass das Untertiteln im Zeitalter der Digitalisierung viel einfacher geworden ist. Früher mussten die Untertitel in jede Filmkopie einzeln mittels Laser eingebrannt werden, heute können sie auf beliebig vielen Filmkopien digital einkopiert werden. «Früher haben wir den Umsatz mit den Untertitelungen gemacht, heute verlangen wir mehr für die Übersetzungen», sagt Ducrest. «Aber die Margen von damals werden wir nie wieder erreichen.»

Titra und Cinetyp bieten heute auch digitale Untertitelungen an, aber ohne Personalabbau ging es trotzdem nicht. «Vor fünf Jahren brauchten wir sieben Personen für die Untertitelung, heute haben wir noch eine», sagt Ducrest. Andere Untertitler in Europa sind bereits bankrott gegangen.

Eine Schliessung ist auch bei der Cinetyp in Luzern nicht ausgeschlossen, wo nur noch fünf Mitarbeiter am Werk sind. «Wir müssen sehen, wie es sich in den nächsten Monaten entwickelt», sagt René Erni (47), Inhaber der Cinetyp. «Es hat viele schwarze Wolken am Himmel, aber es ist nicht horizontlos.» In den 70er-Jahren arbeiteten rund 35 Personen in der Firma. Als Erni sie 1999 mit noch 14 Leuten übernahm, rechnete er damit, dass es in sieben Jahren vorbei sein könnte. «So gesehen läuft es jetzt schon länger als erwartet.» Dass es nun aber so schnell abwärtsgehen könnte, damit hat er nicht gerechnet.

Die Synchronfassung ist billiger als eine Version mit Untertiteln

«Der grosse Einbruch kam vor etwa drei Jahren mit ‹Avatar›, danach wollten alle digitale Filmprojektoren, um 3-D zeigen zu können», sagt Erni. Und so sind die von ihm selbst entwickelten Lasermaschinen im Keller der alten Cinetyp-Villa in Luzern weitgehend verwaist. Zuletzt wurden sie für die Untertitelung von «Intouchables» verwendet, dem Renner aus Frankreich, der vor allem in Studiokinos lief. «Das war mit zwölf Kopien der letzte Grossauftrag.»

Die Independentkinos sind denn auch die treusten Abnehmer untertitelter Filme. Zum Beispiel Frank Braun (47), Geschäftsführer der Kinos Riffraff in Zürich und Bourbaki in Luzern. «Wir zeigen aus Prinzip nur Originalfassungen mit Untertiteln. Es ist ganz klar ein Mehrwert — und unser Publikum möchte das auch.» Braun glaubt sogar, dass es mittelfristig profitabler ist, Originalfassungen zu zeigen. «Wir schwimmen gegen den Trend, und das wird uns unter dem Strich mehr Zulauf bescheren.»

Als Grund für die Tendenz zu Synchronfassungen geben Verleiher und Kinobetreiber unisono das Publikum an, insbesondere die jugendlichen Zuschauer, die keine Lust hätten zu lesen. Frank Braun hält dies für «etwas fadenscheinig». Wenn man überzeugt sei, es habe einen Wert, Originalversionen zu zeigen, dann müsse man dafür auch etwas tun. «Tendenziell jedoch wird auf das gesetzt, was mehr Geld bringt, das ist der wahre Grund hinter dieser Entwicklung.»

Vor allem bei komplexen Geschichten zieht das Publikum die Originalfassung vor – Philippe Täschler, Kitag

Leo Baumgartner (53), Geschäftsführer des Filmverleihs Warner Schweiz, widerspricht dem nicht grundsätzlich. «Natürlich muss es am Ende finanziell aufgehen, und Synchronfassungen sind billiger.» Er spart pro Filmstart in der Schweiz rund 10'000 bis 15'000 Franken, wenn er auf die Untertitelung verzichtet. Für den Filmfan Baumgartner ist die Sache hingegen klar: «Wenn ich nicht die Originalfassung sehen kann, ist das ein Grund für mich, nicht ins Kino zu gehen. Im Zweifelsfall lassen wir ja auch immer noch untertiteln.» Aber es gebe einfach Filme, die nicht mal mehr diese Untertitelungskosten einspielten.

Laut Baumgartner zeigt sich die Neigung zu Synchronfassungen vor allem beim Publikum unter 30 Jahren. «Ich nehme an, es hat damit zu tun, dass in diese Alterskategorie viele Secondos oder Immigranten fallen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.»

Sobald ein Film aber auch ein älteres Publikum anspreche, lohne sich die Untertitelung meist auch finanziell. Baumgartner erzählt von Mails, die er manchmal erhält, in denen sich Jugendliche beklagen, es sei eine Schweinerei: Da zahle man schon so viel fürs Kino, und dann müsse man auch noch lesen!

Seit der Digitalisierung ist es für Kinobetreiber sogar leichter geworden, untertitelte Fassungen zu zeigen. «Sie erhalten eine Harddisk mit beiden Fassungen», erklärt Baumgartner. «Nun gibt es auch auf dem Land Versuche, eine Vorstellung pro Woche im Original zu zeigen. Es gibt also auch eine Gegenbewegung und einen Hoffnungsschimmer.» Ab und zu bringen Verleiher auch Originalfassungen ohne Untertitel in die Kinos wie Disney kürzlich in Zürich mit «Hotel Transylvania». Warner wird dies künftig ebenfalls ausprobieren. «In Genf klappt das schon seit Jahren bestens», sagt Baumgartner.

Philippe Täschler (49), Geschäftsführer der grössten Schweizer Kinobetreiberin Kitag, hat die Erfahrung gemacht, dass Originalfassungen mit Untertiteln nur in grossen Städten funktionieren. «Je komplexer und besser eine Geschichte, desto eher zieht sie ein Publikum an, das auf die Originalsprache Wert legt. Je simpler, desto eher läuft nur die Synchronfassung gut.» Aber manchmal gibt es auch Überraschungen. «Bei ‹The Hunger Games› haben wir alle gedacht, das Zielpublikum sei das gleiche wie bei ‹Twilight›, also junge Mädchen. Gekommen sind aber andere. Die Originalfassung lief dann lange viel besser als die Synchronfassung.»

Täschler ist seit 20 Jahren verantwortlich für die Programmierung der Kitag-Kinos. «Früher hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass man in der Schweiz mit Synchronfassungen mehr Geld machen könnte als mit dem Original.» Aber die Jugend sei heute durch Fernsehen, DVDs und Computerspiele an die deutschen Synchronstimmen gewöhnt. Für sie seien das die richtigen Stimmen der Schauspieler.

Als «Avatar» 2009 in die Kinos kam, kämpfte Täschler erfolgreich dafür, eine teure untertitelte Fassung für den 3D-Film zu bekommen. Wäre das misslungen, hätte der Trend zu Synchronfassungen einen mächtigen Schub bekommen. Es sei halt wie bei den Zeitungen, sagt Täschler. «Man gewöhnt die Kinder und Jugendlichen an ‹20 Minuten›, und den meisten wird das auch reichen, wenn sie erwachsen sind. Dasselbe befürchte ich auch für die Synchronfassungen im Kino.» Der grösste Kinoerfolg aller Zeiten in der Schweiz, «Titanic», lief 1997 ausschliesslich in der Originalfassung mit Untertiteln. «Die Wiederaufführung in 3-D dieses Jahr haben wir original und synchronisiert gezeigt», sagt Täschler, «aber das Original wollte fast niemand sehen.»

Fotograf: Thierry Parel