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27. Dezember 2016

Der Starflötist der Wiener Philharmoniker

Über 50 Millionen TV-Zuschauer in aller Welt verfolgen am 1. Januar 2017 das Wiener Neujahrskonzert. Im Philharmonie-Orchester spielt zum letzten Mal auch ein Schweizer: Vor seiner Abschiedsgala kommt bei Starflötist Dieter Flury Wehmut auf.

Starflötist Dieter Flury
Dieter Flury mit seiner Querflöte, die mit 14 Karat Gold veredelt ist. Kostenpunkt: 70 000 Euro.

Konzentriert sitzt er hinter seinem Notenpult, die Augen auf den Dirigenten gerichtet. Dieter Flury (64) bläst in seine Querflöte. Sie ist mit 14 Karat Gold veredelt. Kostenpunkt: 70 000 Euro. «Schweres Material entwickelt weniger Eigenschwingungen, die den Klang stören.» Der Zürcher probt an ­diesem ­Morgen in der Wiener Staatsoper an der Ringstrasse, mitten im Stadtzentrum. Vier Stunden dauert das Einspielen mit den Orchesterkollegen, dazwischen eine kurze Pause. Flury gehört seit fast 40 Jahren zum Orchester der Wiener Philharmoniker.

Seine Querflöte ist für Flury «wie ein Körperteil, mit dem man zusammenwächst». Bis Sommer 2016 hat er 25 Jahre lang auf demselben Instrument gespielt. Dann wurde es ihm in einem Wiener Kaffeehaus gestohlen. «Das war ein totaler Schock.»

Flury ist der einzige Schweizer Musiker in der bald 175-jährigen Geschichte des weltberühmten Orchesters, das nur die Besten der Besten anstellt. In den fast vier Jahrzehnten arbeitete er mit Stars wie Herbert von Karajan, Carlos Kleiber oder Leonard Bernstein zusammen. Diese grossen Dirigenten seien auf jedes der 147 Mitglieder der Philharmoniker individuell eingegangen.

Wiener Philharmoniker
Wiener Philharmoniker

175-jährige Geschichte, 147 Mitglieder, 1 Schweizer: die Wiener Philharmoniker.

Die Philharmoniker sind Weltklasse. «Die Qualität stimmt nur, wenn diese von jedem Pult aus kommt. Ich musste strampeln, um mitzuhalten.» 50 Opern muss er auftrittsreif spielen können. Man dürfe mit einem Auftritt nie zufrieden sein, weil der nächste stets noch besser werden soll. Und wenn die Leistung nachlasse, wird im Orchester darüber geredet.

Auch heute noch übt er täglich, wenn auch manchmal nur eine halbe Stunde. «Das Orchester hat eine hohe soziale Kompetenz. Wenn ein Mitglied mal eine schwächere Phase hat, wird es mitgetragen und wieder aufgebaut.» Trotzdem ist es auch schon vorgekommen, dass man für ein Mitglied der Philharmoniker eine andere Aufgabe finden musste. Dieter Flury weiss dies, weil er von 2005 bis 2014 zusätzlich als Geschäftsführer des Wiener Staatsopernorchesters unter anderem für die Qualität verantwortlich war.

Vom Mathematiker zum Flötisten

Die Flöte hat Dieter Flury durch die ganze Schulzeit begleitet. Wegen seiner Zahnstellung war er aber alles andere als prädestiniert für eine Karriere als Flötist – eine Spange löste das Problem. Ihn faszinieren die Klangfarben der Flöte und dass das ­Instrument sehr direkt durch den Atem ­einen Ton erzeugt. «Emotionen bestimmen den Atemfluss, also die Gestaltung und die Weite des Tons. Die hohen Töne kann man selbst dann noch spielen, wenn man wütend ist – sogar besonders leicht.»

Dieter Flury bei einem Soloauftritt mit dem Metropolitan Symphony Orchestra of Athens

Sein französischer Hauptfachlehrer André Jaunet an der Musikhochschule Zürich habe ihn tief geprägt, er habe seinen Schülern das Potenzial der Flöte aufgezeigt und erklärt, «wie man mit ihr eine eigene Stimme bilden kann». 1976 schloss Flury mit dem Solistendiplom ab. Vier Jahre zuvor hatte er noch Mathematik an der ETH Zürich studiert.

Eine Freundin erzählte ihm von der offenen Stelle bei der Wiener Staatsoper. Er durfte vorspielen – hinter ­einem Vorhang. «Eine lähmende Erfahrung. Ich weiss heute noch nicht, weshalb ich es trotzdem in die zweite Runde geschafft habe.» Er musste Mozarts Flötenkonzert Nummer 1 für die zweite Runde vorbereiten – und erhielt die Stelle. Mit seiner Frau ­Marianne (65), einer Thuner Psychologin, beschloss Flury, «mal für ein Jahr nach Wien zu gehen. Dann nahm es mir den Ärmel so richtig rein, weil ich realisierte, was es wirklich heisst, in diesem Orchester zu spielen.»

Nächstes Jahr geht Flury in Pension, er wird aber noch mindestens drei Jahre an der Kunstuniversität Graz unterrichten. Dem neuen Lebensabschnitt schaut er mit gemischten Gefühlen entgegen: Einerseits schätzt es der vierfache Vater, dann nicht mehr dem Leistungsdruck der Philharmoniker ausgesetzt zu sein. Andererseits würden ihm die Auftritte bestimmt auch fehlen. «Gewisse Ereignisse nehme ich jetzt schon bewusster wahr, etwa meine letzte Japanreise mit dem Orchester diesen Herbst oder das Neujahrskonzert. Da kommt schon Wehmut auf.»

Für Dieter Flury ist klar, dass er auch nach der Pensionierung mit seiner Frau am Stadtrand von Wien leben und nicht in die Schweiz zurückkehren möchte; seine Freunde, sein Zuhause seien hier. «Ich könnte mir die Schweizer Lebenskosten nur mit Mühe leisten.» Zum Schluss fügt Dieter Flury mit einem Augenzwinkern an: «Die Österreicher sagen über Zürich: Die Stadt ist vielleicht doppelt so gross wie der Wiener Zentralfriedhof aber nur halb so lustig.»

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Regina Hügli