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28. Juli 2014

Der Spracherwerb in Entwicklungsschritten

Jedes Kind lernt Wörter und Sprache in seinem Tempo, in teilweise individueller Abfolge oder abweichendem Aufbau. Dennoch lassen sich vor den gesteuerten Lernprozessen in der Schule Etappen festmachen, die alle durchlaufen. Zum Thema wird der Spracherwerb vor allem im Streitgespräch um Frühenglisch («Frühenglisch: Vor- und Nachteile»).

Stressen sollten Eltern weder die Kleinen noch sich selbst, wenn das Sprechen und die Ausdrucksmöglichkeiten des Nachwuchses im Vergleich mit Gleichaltrigen etwas hintennachhinken. Meistens braucht er mehr Energie fürs Laufen und anderes, worin er dafür etwas vorausliegt. Erst wenn es sehr starke Verzögerungen gibt oder Anzeichen für ein Hörproblem, gilt es den Arzt zu konsultieren und an logopädische Abklärungen zu denken.

Zuvor kann man zum einen das Kind spielerisch und ohne Druck bei der Sprachentwicklung fördern, indem man altersgerecht mit ihm spricht, ihm etwas erzählt (mit Bilderbüchern etwa), ihm später vorliest. Zum andern ist es nie schädlich, die Sprachentwicklung zu beobachten, um ohne Alarmismus überhaupt deutlichen Rückstand (oder Vorsprung) auf eine durchschnittliche Sprachentwicklung feststellen zu können. Dabei hilft es sicher, die wichtigsten Entwicklungsschritte zu kennen. Schliesslich erfolgt der Aufbau der Kompetenzen nicht simpel von der Silbe über das Wort zum kompletten Satz …

Schon von Geburt an
Die Sprachwissenschaftler unterscheiden zwischen drei unterschiedlichen Modellen, um Zusammenhänge zwischen dem Denken allgemein und dem Sprechen, Schreiben oder Verstehen sprachlicher Art zu erklären. Die erste Gruppe mit kognitiver Ausrichtung sieht die Entwicklung der Sprachfähigkeit als abhängig von der kognitiven Entwicklung allgemein. Eine zweite Gruppe (um den berühmten Linguisten Chomsky) sieht mit dem nativistischen Ansatz die Sprache schon von Grund auf im Denken verwurzelt und angesiedelt. Das heute neben vielen Mischmodellen am ehesten vorherrschende Interaktionsmodell legt das ganze Gewicht auf den Austausch des (Klein-)Kinds mit der ersten Bezugsperson und kümmert sich weniger um die Frage, ob die Sprache von Anfang an das Denken (mit-)prägt – mit diesem fast schon eins wird –, oder sich eher (nachträglich) als Filter nebenher entwickelt.

Wie aber sehen nun die klassischen Etappen des Spracherwerbs aus? Logopaedie.ch zieht als Grundmodell jenes von Clahsen heran:
1. Phase: Äusserungen mit einem Wort oder wortähnlicher Struktur (mehrere Silben); meist ab 10 oder 12 bis 18 Monate
2. Phase: Äusserungen mit zwei und später mehreren Wörtern, aber beliebiger Wortstellung; ab 18 Monaten bis zu drei Jahren
3. Phase: Äusserungen mit Anfängen von Satzstruktur, vorab einem Verb und einem Subjekt, die eindeutig aufeinander bezogen sind; ab drei Jahren
4. Phase: Satzähnliche oder gar nach syntaktischen Regeln aufgebaute Aussagen; ab 3,5 oder 4 Jahren
Detaillierter beschreibend, was denn im Sprechakt geschieht, geht das im Wiki-Beitrag zum Spracherwerb bei Kindern vorgestellte Modell vor:

Ab 6 Wochen: Laute des Kindes reflektieren Geräusche des Umfelds (natürlich nicht nur was Eltern reden!)

Ab 2 Monaten: Neben Urlauten werden erste Silben, meist Vokale, produziert und oft wiederholt.

Ab 5–6 Monaten: Konsequente Verdoppelung bekannter Silben, manchmal mit leichten Unregelmässigkeiten («kanonisches Lallen»). Führt oft schon zu elterlicher Freude über «Mama» oder «Papa», auch wenn das Kind so noch keine Begriffe den Personen zuordnet. Das kanonische Lallen hilft auch, stärkere Verzögerungen in der logopädisch festgestellten Sprachentwicklung zu eruieren, wenn es noch weit nach dem ersten Geburtstag auftritt.

Ab 10 Monaten: Bildung erster Wörter, die nahen (sozialen) Kontextbezug zur Lebenswelt haben, etwa Begriffe für Essen oder Schlafen oder eben Personen.

Ab 18 Monaten: Der Worterwerb beschleunigt sich (so ab dem 50. Begriff), sogenannte Wortschatzexplosion. Erkenntnis: Alle Wörter haben einen semantischen Gehalt.

Ab 2 Jahren: Erste Zwei-Wort-Sätze, Alltagsbegriffe dominieren, viele Wortschöpfungen, erste mitgesungene Liedchen. Ab 2,5 Jahren meist erster Gebrauch von «ich» und Entwicklung erster Satzteile.

Ab 3 Jahren: Einbau erster einfacher Verben, aber auch schon von Adjektiven, Pronomen oder gar Präpositionen.

Ab 4 (bis und mit 5) Jahren: Erreichen der Satzstruktur, auch schon mit zwei bis drei Satzteilen, zumeist verständliche Sprache, abgesehen von komplexeren Wörtern. Kontextgebundenes Sprechen und natürlich auch das Verfolgen üblicher (nicht zu schwieriger) Unterhaltungen gehört zu dieser Periode.

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Bubu, Wauwau, amam – Erinnern Sie sich: Welche waren die ersten Worte Ihres Kindes?
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Autor: Reto Meisser