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04. April 2016

Der Splitter muss raus

Nach grossem Drama wird alles gut
Nach grossem Drama wird alles gut ... (Bild: Fotolia)

Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Eben tollt unsere Grosse noch barfuss durch die Frühlingswiese, im nächsten Moment steht sie brüllend in der Stube und hält sich den grossen Zeh. Die Tonlage, die Lautstärke – alles deutet darauf hin, dass etwas gar nicht gut ist. Nach langem Zureden gibt Ida den Zeh frei. Wir beugen unsere Köpfe über ihren Fuss und verstehen. Unter ihrem grossen Zehennagel steckt ein Splitter. Der Fremdkörper ist zirka zwei Millimeter dick und fast einen Zentimeter lang. Er hat sich bis in die Nähe des Halbmondes gebohrt. Vermutlich ein Rosendorn. Oder, warte – ist das etwa ein Grassamen? Mir wird ein bisschen übel, und ich muss mich setzen. Das Kind jault nun noch lauter. «Der Samen muss raus», sagt der Papi und sucht schon das OP-Besteck für den bevorstehenden Eingriff zusammen. Doch als Ida die Pinzette sieht, schüttelt sie energisch den Kopf: «Der bleibt drin.»

Und jetzt? Was machen nun Eltern, die überzeugt sind, dass Zwang und Gewalt nichts in der Erziehung verloren haben? Doof aus der Wäsche gucken. Wir versuchen es mit Logik. Herr Leinenbach führt vor, wie die Pinzette den Fremdkörper greifen wird – und geschmeidig (beinahe schmerzfrei) herausbefördern wird. Kopfschütteln. Ich erzähle von geschwollenen, eiternden Riesenzehen, von Blutvergiftungen und Amputationen. Erfolglos. «Willst du, dass dir ein Grasbüschel aus dem Fuss wächst?» Ida will das. Wir konsultieren meine Freundin Ursi, die ganz nebenbei Ärztin ist. «Vielleicht kommt das Ding ja wirklich von selbst raus?», biete ich ihr an. Sie verdreht die Augen. Dann kommt doch noch ein Ratschlag: «Das ist so ein Moment, in dem Ihr für Ida entscheiden müsst.

Wir sind aber nicht so weit. Noch nicht. Wir reden lieber total viel über den Grassamen, versuchen das Problem von einer philosophischen Warte aus einzuordnen. Das Ding unter Idas Zehennagel wird fast ein Familienmitglied. Und wir warten auf ein Wunder. Nach zwei Tagen kann unsere Siebenjährige kaum noch auftreten. Ich muss dauernd an Ursis Kommentar denken. Sobald Ida das Wort Pinzette hört, dreht sie völlig ab. Mir tut mein eigener Fuss auch schon fest weh. Ich leide, Herr Leinenbach leidet, Eva ist genervt – und Ida ist verzweifelt.

«Jetzt ist Schluss», sagt der Papi am dritten Tag. Er drückt mich kurz an sich, und dann werfen wir unseren Erziehungsgrundsatz für eine Minute über Bord. Ich werfe mich auf das schreiende, strampelnde Kind und drehe meinen Kopf weg, da ich Angst um meine Zähne habe. Herr Leinenbach fixiert Idas Fuss und macht sich ans Werk. Ich bewundere ihn sehr, denn er geht ruhig und konzentriert vor. Er setzt die Pinzette an, er zieht – und die Nachbarn denken in dem Moment vermutlich, dass bei uns ein Kind geschlachtet wird.

Dann ist es vorbei. Der Fremdkörper ist tatsächlich ein sehr langer, sehr spitzer Grassamen. Die Wunde blutet kaum. Ich heule Rotz und Wasser und drücke Ida fest an mich. Der Papi drückt uns beide. Und dann kommt auch noch Eva und kuschelt mit. Wir geben ein merkwürdiges Bild ab. Zumal das Kind in unserer Mitte wie ein Honigkuchenpferd grinst und herausposaunt, dass es gar nicht wehgetan hat. Am Abend schickt mir Ursi eine Nachricht: «Ich bin so stolz auf euch!»

Autor: Bettina Leinenbach